[project log] Johannes' Lesenotizen

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Kommentare

  • Follett, K. (1988). Die Nadel. Köln: Bastei Lübbe.

    Gelesen im Juni 2020.

    Bewertung 6/10

    Allgemeine Empfehlung Nein

    Spezifische Empfehlung Ken Follett Liebhaber finden in diesem Buch ein gut komponierten Thriller ganz nach dem klassischen Ken Follett Romanrezept.

    Zusammenfassung

    Es ist 1944. Ein Deutscher Spion - die Nadel genannt - sammelt Informationen, die das Schicksal der westlichen Welt verändern können und versucht, sie nach Deutschland zurück zu bringen. Eine Frau lebt in unglücklicher Ehe auf einer einsamen Insel vor der schottischen Küste und unterdrückt ihr Bedürfnis nach Sex.

    Notizen

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    Verwandte oder ähnliche Quellen

    Follett, K. (2002). Mitternachtsfalken. Köln: Bastei Lübbe.
    Die Jahrhundert-Saga von Ken Follett.

    Persönlicher Kommentar

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  • Simenon, G. (1978). Maigret amüsiert sich. Zürich: Diogenes.

    Gelesen im Juni 2020.

    Bewertung 5/10

    Allgemeine Empfehlung Nein

    Spezifische Empfehlung Einprägsame Unterhaltung; leichte Kost.

    Zusammenfassung

    Maigret hat den festen Entschluss gefasst, Urlaub zu machen. Doch er kommt nicht zur Ruhe.

    Notizen

    Nirgens ist Maigret männlicher als in diesem Roman.

    Es ist für einen Mann unserer Konstitution unmöglich, zu Hause Urlaub zu machen.

    Verwandte oder ähnliche Quellen

    Sämtliche Maigrets.

    Persönlicher Kommentar

    An einem faulen Tag nach einer Verletzung gelesen.

  • bearbeitet Juli 2020

    Brown, B. (2010). The power of vulnerability. Abgerufen unter: ted.com/talks/brene_brown_the_power_of_vulnerability.

    Gehört irgendwann 2016. Danach immer wieder.

    Bewertung 8/10

    Allgemeine Empfehlung Ja

    Zusammenfassung

    Verbundenheit ist ein menschliches Bedürfnis. Scham ist das Gefühl, der Verbundenheit nicht wert zu sein. Es nabelt uns ab. Betäubung ist der falsche Weg, mit Scham umzugehen.

    Notizen

    Verbundenheit ist ein fundamentales psychischen Bedürfnis. [Harari][Hari]

    Scham raubt uns Verbundenheit.

    Wir schämen uns für unsere Fehler und Verletzlichkeit. Wir betäuben die damit einhergehenden Gefühle (u.a. Scham). Gefühle lassen sich nicht selektiv betäuben. Das bedeutet, wer unangenehme Gefühle betäubt, beraubt sich auch der angenehmen Gefühle. [Nunge & Mortera][Brown]

    Verletzlichkeit ist der Kern von Emotionen. Zu fühlen heißt, verletzlich zu sein. Wer sich von seinen Gefühlen abschottet, bezahlt den Preis, sich von etwas Bedeutsamem zu entfernen: Verbundenheit. [Brown]

    Fehler und Verletzlichkeit schließen Liebenswürdigkeit nicht aus, sondern erst ein. [Cohen][Pursuit of Wonder]

    Verletzlichkeit gilt in manchen Kreisen fälschlicherweise als Signal für Inkompetenz.

    Verletzlichkeit erfordert Mut.

    Paradoxie: Die eigene Verletzlichkeit nicht anzuerkennen macht einen verletzlich.

    Verwandte oder ähnliche Quellen

    Brown, B. (2006). Shame Resilience Theory. A Grounded Theory Study On Women and Shame. Families in Society. 87 (1), 43-52.
    Brown, B. (2017). Verletzlichkeit macht stark. München: Wilhelm Goldmann Verlag.
    Nunge, O. & Mortera, S. (2016). Gefühle in Balance. München: Scorpio.
    Hari, J. (2019). This could be why you're depressed and anxious. Abgerufen unter: www.ted.com/talks/johann_hari_this_could_be_why_you_re_depressed_or_anxious.
    Pursuit of Wonder (2020). The Perfectionist Paradox - A Miserable Amount of Good. Abgerufen unter: youtu.be/MhkWDG4Eylk.

    Persönlicher Kommentar

    Ein Vortrag, zu dem ich einige Male zurückgekehrt bin.

    There is a crack in everything, that's how the light gets in. --Leonard Cohen

  • Newport, C. C. (2020). Battling Email, Online Learning, and a Game Plan for Escaping a Shallow Life. Deep Questions with Cal Newport, S01E10. Abgerufen unter: buzzsprout.com/1121972/4519847-battling-email-online-learning-and-a-game-plan-for-escaping-a-shallow-life-deep-questions.

    Gehört im Juli 2020.

    Bewertung 5/10

    Allgemeine Empfehlung Nein

    Zusammenfassung

    Q&A über Deep Work, Produktivität, Technologie und das Deep Life mit Cal Newport.

    Notizen

    Wie entfliehe ich einem oberflächlichen Leben? Eine Anleitung des Deep Life für Einsteiger. (48:15)

    Der erste Schritt: Die Basics

    1. Detach from your phone. Unplug from the distraction.
      Alles vom Handy nehmen, das Geld mit deiner Aufmerksamkeit verdient.
      Wenn man diese Dienste benutzt, dann mittels Timeboxing. Dadurch ist es keine automatische Reaktion und kein Eskapismus.

    2. Long form reading. Concentration training.
      Den Geist an langformatige Informationsquellen und Deep Work gewöhnen. Den allgemeinen geistigen Trainingsanweisungen von Newport folgen. [Newport]

    3. Establish keystone habits. Buy a notebook.
      Darin schmiedet man Pläne, reflektiert, und trackt die Gewohnheiten, die man etablieren möchte. [Siehe z.B. Deep Work/Deliberate Practice Tally]
      Man übernimmt die folgenden Lebensbereiche oder teilt sein Leben selbstständig in seine zentralen Bestandteile. [Covey]

    Craft - Handwerk/Beruf
    Constitution - Gesundheit
    Community - Gemeinschaft
    Contemplation - Kontemplation

    In jedem dieser Bereiche wählt man eine relevante verhaltensbezogene tägliche Verpflichtung aus, die man von nun an in dem Notizbuch trackt.

    Beispiele: Im Bereich des Handwerks verrichtet man täglich mindestens 90min Deliberate Practice. Im Bereich Kontemplation liest man jeden Tag ein Kapitel eines erbaulichen Buches.

    Welche Verpflichtungen man trackt, muss per Versuch-und-Irrtum herausgefunden werde. Es geht darum, solche Gewohnheiten zu finden, die einem in diesem Bereich bedeutsam erscheinen und einen voranbringen. Dieser Versuch-und-Irrtum-Prozess sowie das etabilieren der Gewohnheiten kann lange Zeit in Anspruch nehmen. Sobald diese Gewohnheiten ("Keystone Habits") etabliert sind und zu einem festen Bestandteil des Lebenswandels geworden sind, hat man den ersten wichtigen Schritt in Richtung eines Deep Lifes getan.

    Der zweite Schritt: Zyklischer Fokus
    Man widmet jedem der definierten Lebensbereiche isolierten Fokus von 4-6 Wochen. Während dieser Zeit, überarbeitet man den Lebensbereich und experimentiert mit nützlichen Veränderung. Man räumt auf. Man betreibt Deliberate Practice. Man steigert seine Kapazität. Man verbessert die Prozesse. Die Keystone Habits werden unterdessen weitergeführt.

    Verwandte oder ähnliche Quellen

    Alles von Cal Newport, u.a.
    Newport, C. C. (2020). Cultivating A Deep Life. Abgerufen unter: calnewport.com/blog/2020/04/20/cultivating-a-deep-life/
    Newport, C. C. (2020). Improving Concentration, Influential Books, and Figuring Out What to Focus On. Deep Questions, S01E01. Abgerufen unter: calnewport.com/blog/2020/06/08/answering-your-questions/.

    Persönlicher Kommentar

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  • bearbeitet Juli 2020

    Herbert, F. (2009). Der Wüstenplanet. München: Wilhelm Heyne Verlag.

    Der Wüstenplanet von Frank Herbert erschien erstmals 1965 unter dem Titel Dune. Der Roman ist der Auftakt eines Science Fiction-Zyklus, der im Deutschen insgesamt sechs Bände umfasst. Mehrmals hatte @Sascha das Buch empohlen (1) und einige Gäste der Tim Ferriss Show ebenfalls.(2) Irgendwann fiel mir auf, dass ich das Buch sogar besaß. Es war ein Geschenk gewesen. Ich hatte es aber nie ganz gelesen, weil mir der Einstieg zu mühsam gewesen war. Dieses Versäumnis habe ich im Juli 2020 nachgeholt.

    Der Wüstenplanet handelt vom jungen Paul Altreides, dem gezüchteten Erben eines Adelsgeschlechts. Die Menschheit bewohnt mittlerweile diverse Planeten. Die Altreides fallen einer Intrige zum Opfer, die sie auf den Wüstenplaneten Arrakis führt und die Pauls Vater, der Herzog Leto Altreides, sein Leben kostet.
    Der unwirtliche Planet Arrakis scheint kaum bewohnbar zu sein, ist aber der Lieferant eines wertvollen Gewürzes, das ein Schlüssel zu großer Macht darstellt. Paul überlebt die Ausrottung seines Hauses und findet Zuflucht beim unterdrückten Wüstenvolk, den Fremen. Die Fremen leben im Verborgenen unter ständiger Wasserdisziplin. Wasser ist so wertvoll, dass die Fremen Anzüge tragen, die die körpereigenen Ausdünstungen wiederverwerten. Über das Volk der Fremen sagt man: "In ihrer Beharrlichkeit, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, konnte niemand die Fremen übertreffen."(3) Das Leben in der Wüste hat sie geformt und widerstandsfähig gemacht.
    Die Fremen haben einen Traum: Sie wollen Arrakis bewohnbar machen. Paul wird ein Freme. Auch er hat einen Traum: Er will Rache nehmen und seinen Herrschaftsanspruch geltend machen. Inwieweit werden sich diese beiden Träume verbinden lassen?

    Der Wüstenplanet ist brilliante Science Fiction. Die Lektüre hat mich unterhalten. Aber mehr noch: Sie war im höchsten Maße inspirierend. Es geht um das Überleben der Menschheit, um religiöses Prophetentum, Politik, Biologie und Ökologie, um menschliche Zuchtprogramme - und um geistige Ausbildung.

    Der Roman illustriert den Wert und Zweck einer geistigen Ausbildung und gibt auch Einblicke in ihre Inhalte. Es geht dabei um die Kultivierung eines antifragilen Bewusstseins. Der Roman entwirft außerdem eine Gesellschaft - die Fremen - deren Kultur geistige Stärker fördert, statt sie zu untergraben. Dies hat mich berührt. Die geistige Ausbildung ist mein Forschungsgebiet. Das Fehlen einer entsprechenden Kultur und Gemeinschaft ist ein wunder Punkt meiner Seele.

    Mit dem Wüstenplaneten ist es Frank Herbert gelungen, kohärente Science Fiction mit einem Lehrstück zu verbinden, ohne dabei moralisierend zu werden oder in das klassische Schwarz/Weiß eindimensionaler Fantasy zu fallen. Sehr lesenswert. Ich habe den Roman in meinen Kanon aufgenommen.

    Juli 2020.



    1. Hier, hier und hier↩︎

    2. Ferris, T. (2016). Tools of Titans. The Tactics, Routines and Habits of Billionairs, Icons and World-Class Performers. London: Penguin Random House. p. 122. ↩︎

    3. Seite 467. ↩︎

  • bearbeitet Dezember 2020

    Johannes' Kanon

    Der Kanon bildet das Herz dieser Lesenotizen. Was im Kanon erscheint, hat einen anspruchsvollen Filterprozess durchlaufen. Dieser Filterprozess ist mein Geist. (1) Landet ein Buch im Kanon, hat es verändert, wie ich mein Leben führe, hat mein Denken geprägt, mich außergewöhnlich inspiriert, oder mein Herz erwärmt. Auch auf die moralische Integrität der Autoren achte ich besonders.

    Der Kanon enthält Lektüre, die ich empfehle. Dabei geize ich mit Empfehlungen (2) - unter anderem aus Respekt vor deiner Zeit und Aufmerksamkeit. Außerdem soll eine Empfehlung ein Qualitätsmerkmal darstellen. Es ist nicht einfach gute Lektüre, die ich empfehle oder Lesenswertes; es handelt sich um Lektüre, die deiner Zeit wahrscheinlich würdig ist. Bedenke auch, dass ich den Kanon regelmäßig aktualisiere und prüfe.

    Aufgrund des Umstands, dass ich den Eingangspost, der den Kanon enthält, nicht mehr bearbeiten kann, kommt hier nun ein Beitrag, der ausschließlich den Kanon enthält. Ursprünglich enthielt der Kanon eine Abteilung mit künstlerischer Literatur und eine mit Fachliteratur. Im Zuge der Reformation der Lesenotizen zu einem Langformat, füge ich dem Kanon eine Abteilung für Online-Materialen und Filme hinzu. Diese prüfe ich vorher noch kritischer, um ihrem inherent manipulativen Potential Rechnung zu tragen.

    Literatur
    Craven, M. (2014). Ich hörte die Eule, sie rief meinen Namen. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag.
    Dostojewskij, F. M. (2015). Die Dämonen. München: dtv.
    Dostojewskij, F. M. (2016). Der Idiot. Frankfurt am Main: Fischer.
    Frisch, M. (1996). Biedermann und die Brandstifter. Ein Lehrstück ohne Lehre. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch.
    Herbert, F. (2009). Der Wüstenplanet. München: Wilhelm Heyne Verlag.
    Kafka, F. (1912). Die Verwandlung.
    Rilke, R. M. (1929). Briefe an einen jungen Dichter. Leipzig: Insel Verlag.
    Rothfuss, P. (2008). Der Name des Windes. Stuttgart: Hobbit Presse Klett-Cotta.
    Simenon, G. (2019). Der Schnee war schmutzig. Hamburg: Hoffmann und Campe.
    Schiller, F. (1964). Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Stuttgart: Reclam.
    Tartt, D. (1993). Die geheime Geschichte. München: Goldmann.
    Tolstoi, L. (2010). Krieg und Frieden. München: Carl Hanser Verlag.

    Fachliteratur
    Allen, D. (2015). Getting Things Done. The Art of Stress-free Productivity. London: Piatkus.
    Frankl, V. E. (2009). ...trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. München: Kösel-Verlag.
    Gunaratana, B. H. (2011). Mindfulness in Plain English. Somerville: Wisdom Publications.
    Harari, Y. N. (2013). Eine kurze Geschichte der Menscheit. München: Pantheon.
    Lauveng, A. (2010). Morgen bin ich ein Löwe. Wie ich die Schizophrenie besiegte. München: btb Verlag.
    Newport, C. C. (2012). So Good They Can't Ignore You. Why Skills Trump Passion in the Quest for Work You Love. London: Piatkus.
    Newport, C. C. (2016). Deep Work. Rules for Focused Success In A Distracted World. London: Piatkus.
    Nunge, O. & Mortera, S. (2016). Gefühle in Balance. München: Scorpio.
    Odell, J. (2019). How to Do Nothing. Resisting the Attention Economy. New York: Melville House Publishing.
    Peterson, J. B. (2018). Twelve Rules for Live. An Antidote to Chaos. Toronto: Random House Canada.
    Starrett, K. (2015). Becoming a Supple Leopard. Las Vegas: Victory Belt Publishing.
    Taleb, N. N. (2014). Antifragilität. München: btb Verlag.

    Graphic Novel
    Gaiman, N. (1989-1996). The Sandman. DC/Vertigo. In Deutschland Stuttgart: Panini Comics.
    Spiegelman, A. (2003). The Complete Maus. Maus 1 & 2. London: Penguin.

    Online-Materialien
    Brown, B. (2010). The power of vulnerability. Abgerufen unter: ted.com/talks/brene_brown_the_power_of_vulnerability.
    Cal Newports Blog Study Hacks.
    Cal Newports Podcast Deep Questions.
    Fast, S. (2018). Selbstwert II. Serotonin und Status. Abgerufen unter: me-improved.de/selbstwert-ii-serotonin-und-status.
    Jospeh Bartz' Geschriebenes. @Joseph_Bartz
    Orlin, B. (2017). The State of Being Stuck. Abgerufen unter: https://mathwithbaddrawings.com/2017/09/20/the-state-of-being-stuck/.

    Filme und Serien
    Ayer, D. (2014). Fury. Herz aus Stahl.
    Chai Vasarhelyi, E., & Chin, J. (2018). Free Solo. Ein Leben ohne Angst.
    Glawogger, M. (2005). Working Man's Death. 5 Bilder zur Arbeit im 21. Jahrhundert.
    True Detective. Touch Darkness and Darkness Touches You Back. Serie mit Matthew McConaughey und Woody Harrelson. Nur die erste Staffel schauen!
    Weir, P. (2011). The Way Back. Der lange Weg.
    Zwick, E. (2003). The Last Samurai.



    1. Mein Geist ist natürlich ein persönlich gefärbter und verzerrter Filter. Dennoch hat er einen Vorteil: Er ist kein Algorithmus, der aus deiner Aufmerksamkeit und der Manipulation deines (Kauf-)Verhaltens Profit schlägt. ↩︎

    2. Siehe dazu auch hier↩︎

  • Reformation der Lesenotizen

    Das Format der Lesenotizen wird reformiert. Die bisherigen Kategorien sind mir zu eng. Sie werden meiner Kreativität und der Kreativität der Autoren nicht gerecht. Auch meine Motivation, diese Lesenotizen zu veröffentlichen, hat sich verändert.

    Die Lesenotizen werden weiterhin alle nennenswerten Lektüren enthalten, die ich mir derzeit zu Gemüte führe (aka reinziehe). Weiterhin werde ich auch alte Lektüren einpflegen. In Zukunft wird dies allerdings in freier Form geschehen, das heißt als langformatiger Fließtext. Auch werde ich mich bemühen, auf Hyperlinks im Text zu verzichten, und stattdessen vermehrt mit Fußnoten arbeiten.

  • bearbeitet Dezember 2020

    Inhaltsverzeichnis 2

    Das Inhaltsverzeichnis im Eingangspost ist voll. Ich kann den Beitrag nicht mehr bearbeiten. Dies ist das neue Inhaltsverzeichnis.

    Bartz, J. (2020). Open Discussion Meeting 10 - Low Sugar Practice. Abgerufen unter: youtube.com/watch?v=NZ_osDPnowQ

    Brown, B. (2010). The power of vulnerability. Abgerufen unter: ted.com/talks/brene_brown_the_power_of_vulnerability.

    Brown, R. E. (2020). Jocko vs. Evil. Abgerufen unter: thecritic.co.uk/jocko-vs-evil/.

    Carr, N. G. & Klein, E. (2020). Nicholas Carr on deep reading and digital thinking. The Ezra Klein Show. Abgerufen unter: vox.com/ezra-klein-show-podcast.

    Ferriss, T. (2016). Tools of Titans. The Tactics, Routines, and Habits of Billionaires, Icons and World-Class Performers. London: Penguin Random House.

    Follett, K. (1988). Die Nadel. Köln: Bastei Lübbe.

    Herbert, F. (2009). Der Wüstenplanet. München: Wilhelm Heyne Verlag.

    Ionesco, E. (2009). Die Nashörner. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

    Jysch, A. & Kutscher, V. (2018). Der nasse Fisch. Hamburg: Carlsen.

    Lanier, J. (2018). Ten arguments for deleting your social media accounts right now. New York: Picador.

    Murakami, H. (2006). Kafka am Strand. München: btb Verlag.

    Murakami, H. (2010). 1Q84. München: btb Verlag.

    Newport, C. C. (2020). Battling Email, Online Learning, and a Game Plan for Escaping a Shallow Life. Deep Questions with Cal Newport, S01E10. Abgerufen unter: buzzsprout.com/1121972/4519847-battling-email-online-learning-and-a-game-plan-for-escaping-a-shallow-life-deep-questions.

    Newport, C. C. (2020). The Rise and Fall of Getting Things Done. Abgerufen unter: newyorker.com/tech/annals-of-technology/the-rise-and-fall-of-getting-things-done.

    Newport: Focus Week von Cal Newport

    Newport: Focus Week von Cal Newport

    Klein, E., Thompson, D., & Petersen, A. H. (2020). Work as identity, burnout as lifestyle. The Ezra Klein Show. Abgerufen unter: stitcher.com/podcast/the-ezra-klein-show/e/60197403?autoplay=true.

    McConaughey, M. & Rogan, J. (2020). Joe Rogan Experience #1552 - Matthew McConaughey. Abgerufen: youtube.com/watch?v=BBCl9A9NlRw.

    Mumford, G. (2016). The Mindful Athlete. Secrets to Pure Performance. Berkeley: Parallax Press.

    Odell, J. (2019). How to Do Nothing. Resisting the Attention Economy. New York: Melville House Publishing.

    Popova, M. (2020). Undoing as Remaking: How Abraham Lincoln Drew Poetry and Power from His Suicidal Depression. Abgerufen unter: brainpickings.org/2020/12/03/lincoln-melancholy-depression/.

    Rochette, J.-M. (2020). Der Wolf. München: Knesebeck.

    Rosenberg, M. B. (2016). Gewaltfreie Kommunikation. Paderborn: Junfermann.

    Seneca, L. A. (2010). Von der Seelenruhe. Köln: Anaconda.

    Simenon, G. (1978). Maigret amüsiert sich. Zürich: Diogenes.

    Tokarczuk, O., & Concejo, J. (2019). Die verlorene Seele. Zürich: Kampa Verlag.

    Willink, J. & Bozak, J. (2018). Way of the Warrior Kid. Marc's Mission. New York: Square Fish.

    Wolf, N. (2019). Friedrich. Der Maler der Stille. Köln: TASCHEN.

  • Carr, N. G. & Klein, E. (2020). Nicholas Carr on deep reading and digital thinking. The Ezra Klein Show. Abgerufen unter: vox.com/ezra-klein-show-podcast.

    Der Podcast Nicholas Carr in deep reading and digital thinking ist ein Gespräch zwischen Ezra Klein und Nicholas Carr über die Auswirkungen des Wesens eines Mediums auf den Geist. Das Gespräch wurde 2020 im Rahmen der Ezra Klein Show veröffentlicht. Es schlägt in die argumentative Kerbe des vor zehn Jahren erschienenen Buches The Shallows (1), geht aber darüber hinaus, indem auch jüngere Entwicklungen einbezogen werden. Das meint vor allem Soziale Medien, aber auch eine allgemeine Intensivierung der in den Shallows behandelten Thematik: Was macht das Internet mit unserem Denken? Wie formt es unseren Geist? Und ich frage außerdem: Was macht es mit unserem Bewusstsein? Unserer Seele?

    Einführend sprechen Carr und Klein über die grundlegende Argumentation der Shallows. Der Podcast kann deshalb auch als kurze Einführung in das Buch dienen. Carr argumentiert, dass weniger der Inhalt eines Mediums uns verändert, sondern vielmehr sein Wesen, seine Form. Oder anders gesagt: Die Art des Konsums, die dieses Medium begünstigt.(2) Dieses Argument ist eine Anwendung der These, dass das Werkzeug den Handwerker verändert.(3) Carr stützt sich auf die Neuroplastizität des menschlichen Gehirns, als er argumentiert, dass vielbenutzte Medien die Struktur des Gehirns des Konsumenten nachhaltig beeinflussen.

    Als sich mit der Erfindung des Buchdrucks die Gesellschaft von einer oralen Kultur zu einer Schriftkultur entwickelte, veränderte sich die Struktur der Gehirne. Der visuelle Cortex wurde durch Lesen dazu trainiert, Buchstaben zu entschlüsseln. Es entwickelte sich die Fertigkeit, langandauernde Konzentration auf langformatige Argumentationen und Geschichten zu richten. Andere Fertigkeiten, die vorher in der oralen Kultur eine tragende Rolle gespielt hatten, wurden weniger trainiert und verkümmerten.

    Es fand also nicht nur eine Veränderung der Gewohnheiten der Menschen statt, sondern im gleichen Zuge eine biologische Veränderung im Gehirn. Neuronale Verbindungen, die nicht verwendet werden, verkümmern. Solche, die trainiert werden, werden zu den bevorzugt verwendeten Bahnen. Sie werden myelinisiert, d.h. verstärkt und verbessert.(4)

    In der Ära des Internets, argumentiert Carr weiter, gleichen sich das Denken und das Gehirn dem Wesen des Internets an: Oberflächlichkeit, Kontextlosigkeit (Achtung: Sinn!), Multitasking und Ablenkung werden die Norm. Diese Bahnen werden immer dann geübt, d.h. gefestigt, wenn man sich dieser Art des Informationskonsums hingibt. Die Art des Denkens, die durch stundenlanges konzentriertes Lesen und Schreiben begünstigt wurde, wird zunehmend entwertet. Gegeben der Wahl zwischen einem Buch und einem Videobinge gewinnt in der Regel zweiteres. Dies sind die Shallows - und sie üben eine magnetische Anziehung aus, der man kaum widerstehen kann. Das Resultat: Wir werden hektische, unkonzentrierte und oberflächlich Denker, denen der Sinn abhanden kommt.

    Diese Verwandlung wird durch eine Reihe von Faktoren begünstigt. Unter anderem das vorherrschende Verständnis des Gehirns als Computer. Es werden industrielle Standards auf den Geist appliziert.(5)(6) Man nimmt an, ein maximal effizienter Informationsinput mache uns schlau und wissend. So lehrt Tim Ferriss Speed Reading und Ian Borukhovich hört ununterbrochen Vorlesungen in der Überzeugung, dadurch zu lernen.(7)(8) Die Vorstellung des Gehirns als Computer negiert (unter anderem) die Funktionsweise der Gedächtnisbildung. Konsolidierung ist ein langwieriger Prozess, der konzentrierte Aufmerksamkeit beim Konsum und stimulationsfreie Ruheperioden voraussetzt. Das ständige Reinballern von abertausenden Informationen im Internet unterwandert diesen Prozess. Es bleibt bei Bits. Eine Einverleibung in den persönliche Geist und eine Verknüpfung mit bisherigem Wissen bleibt aus. Die Bedeutung geht verloren. Wir erleben keinen Sinn. Das Gehirn ist keine Festplatte; das Gehirn ist ein geduldig gepflegter Zettelkasten.

    Angestoßen von Ezra Klein folgt eine Liebeserklärung an das Lesen (original: "deep reading"). Nicht das Überfliegen von Stichpunkten und Listen ist gemeint, sondern das Versinken in einem Buch. Sowohl Carr als auch Klein sehnen sich nach dem Zustand konzentriert reflektierenden Lesens, bei dem man mit den Gedanken des Autors spielt. Und auch ich sehne mich danach. Carr und Klein gestehen beide, dass sie massive Maßnahmen ergreifen, um diesen Zustand überhaupt noch erleben zu können. Klein hat zu diesem Zweck einen zeitgebundenen Safe gekauft, in dem er sein Smartphone einschließt. Carr zitiert die Studie, die nahelegt, dass alleine die Anwesenheit des Smartphones im Raum die kognitiven Ressourcen verringert.(9)(10)

    Wer diesen Zustand des Lesens kennt weiß, dass die zusammengefassten Informationen eines Buches zu lesen nicht den gleichen Effekt hat, wie das Buch selbst zu lesen. Eine Lektüre ist mehr als die Summe ihrer Informationen. Die Magie passiert, wenn du über lange Zeit mit dem Buch allein bist. Wenn du langsam die Zeilen und zwischen den Zeilen liest. Wenn du das Gelesene einordnest, anreicherst, reflektierst - ihm zustimmst oder ihm widersprichst. Diese Form der Lektüre wird dieser Tage selten. Es gibt noch Leser in diesem Sinne, und es gibt noch Menschen, die ganze Podcasts hören, doch sie werden selten.

    Lange Zeit dachte man, das Informationszeitalter würde unser Arbeitsgedächtnis befreien und tiefgehendes Denken ermöglichen. Scheinbar war das Gegenteil der Fall. Gleiches galt für andere Bereiche. Zum Beispiel die Wissenschaft. Man nahm an, das Internet führe zu einer Erweiterung der Erkenntnisse, weil man nicht mehr umständlich in Journalen blättern musste. Doch seitdem Paper überwiegend online gelesen werden statt in Journalen, hat sich die Vielfalt zitierter Paper verringert. Man hatte unterschätzt, dass die Suchmaschinen auf Algorithmen basieren, die (unter anderem) Popularität belohnen. Dies führte zu einer Einengung der Wissenschaft statt zu einer Erweiterung. Dieser Prozess ist auf andere Bereiche übertragbar. Unter anderem auf die Bildung und Manipulation des Geistes und des Bewusstseins. Auf diesen Übertrag werde ich näher eingehen, wenn ich mich mit Jaron Lanier befasse.

    Ezra Klein wirft am Ende des Gesprächs die Frage auf, ob wir nicht einfach am Übergang zweier Epochen stehen und das obig Beschriebene die natürliche Reibung ist, die in solchen Phasen auftritt. Carr bleibt skeptisch. Vielleicht ist es nur ein Gefühl des Übergangs. Vielleicht werden sich von alleine Kulturen herausbilden, um mit den Auswirkungen des Internets und den Sozialen Medien konstruktiv umzugehen. Vielleicht werden die Konzentration und das kontemplative Denken nicht verloren gehen. Und auch nicht die individuelle Kreativität. Vielleicht. Was aber sicherlich stattfindet, ist eine Anpassung. Es bleibt die Frage: Wie ist diese Anpassung zu bewerten?



    1. Carr, N. G. (2010). The Shallows. What the Internet Is Doing to Our Brains. New York: W.W. Norton & Company, Inc. Ich habe es im Juli 2017 gelesen. ↩︎

    2. Im Zeitalter der Sozialen Medien wissen wir natürlich, dass auch der Inhalt entscheidende Auswirkungen hat. Doch das soll hier nicht Thema sein. Ich werde mehr dazu schreiben, wenn ich mich dem Werk von Jaron Lanier zuwende. ↩︎

    3. Zur Verdeutlichung dieser Annahme kannst du einen Brief mit der Hand und einen am Computer schreiben und anschließend die Unterschiede im Schreibprozess, in der Empathie, im Zeitaufwand und in der wahrgenommenen Bedeutung reflektieren. ↩︎

    4. Das Konzept der Bahnung hat auch Eingang in die Psychotherapie (genauer: in die Verhaltenstherapie) gefunden. Dort bedient man sich folgender Metapher: Ein eingeschliffenes Denkens- oder Verhaltensmuster gleicht einer Autobahn; ein neues Muster einem kleinen Trampelpfad. Es dauert lange, den Verkehr von der Autobahn auf den Trampelpfad umzuleiten. Es dauert noch länger, bis die zwei Wege die Rollen getauscht haben. ↩︎

    5. Auch auf den Körper, wie wir alle wissen. ↩︎

    6. Über die Auswirkungen mehr bei Jaron Lanier. ↩︎

    7. Ferriss, T. (2007). The 4-hour workweek. New York: Harmony Books. ↩︎

    8. Borukhovick, I. & Cuadras, N. (2019). Learn Everything. In: The Daily Practice Podcast. Abgerufen unter: https://nelsoncuadras.com/the-daily-practice/. ;↩︎

    9. Ward, A.F., Duke K., Gneezy, A., & Bos, M.W. (2017). Brain Drain: The Mere Presence of One's Own Smartphone Reduces Cognitive Capacity. Journal of the Association for Consumer Research 2(2), 140-154. Siehe hier↩︎

    10. Diese Überlegungen stellen mich erneut vor die Frage, ob alleine der Besitz eines Smartphones gravierende kognitive Kosten verursacht. ↩︎

  • @Johannes welche Übersetzung von Dune hast du gelesen. Mittlerweile gibt es mehrere auf Amazon und es fällt mir schwer eine auszuwählen.

  • bearbeitet Juli 2020

    @Daniel fragte: @Johannes welche Übersetzung von Dune hast du gelesen. Mittlerweile gibt es mehrere auf Amazon und es fällt mir schwer eine auszuwählen.

    Hab die Übersetzung von Ronald M. Hahn gelesen.

  • bearbeitet Juli 2020

    Rochette, J.-M. (2020). Der Wolf. München: Knesebeck.

    Das Graphicnovel Der Wolf (2020) von Jean-Marc Rochette erzählt von einem Schäfer und einem Wolf in der modernen Welt. In den Gletschern der französischen Alpen entspannt sich ein Konflikt, der Mensch und Tier an ihre Grenzen treibt.

    Der schlichte Titel des 100 Seiten starken Bandes hat meine Aufmerksamkeit erregt, als ich im Buchladen gestöbert habe. Meist erkenne ich gleich am Zeichenstil, ob ich Lust auf das Graphicnovel habe oder nicht. Also habe ich den Wolf aufgeschlagen. Der Stil hat mich gefesselt. Rochette hat die Zeichungen selbst entworfen. Sie sind eher skizzenartig mit groben Linien.(1) Es erinnerte mich an Urbansketching, nur dass in diesem Fall die Natur der Alm dargestellt wird. Die Kolorierung von Isabelle Merlet hält sich überwiegend in einem Spektrum zwischen Grau und Blau. Mit einigen berührenden Ausnahmen, etwa der warmen Atmosphäre menschlicher Gesellschaft, dem Lila der Dämmerung über den Gipfeln, oder rotem Blut im Schnee. Die Farben verstärken die inhaltliche Atmosphäre.

    Sprachlich hat mich der Wolf überrascht. Anfänglich ist er in der einfachen Sprache gehalten, die in Comics so häufig ist: Kleiner Wortschatz, kurze Sätze. Doch nach und nach entfaltet sich eine schlichte, aber poetische Sprache, die sich weder starker Verben noch Adjektiven scheut. Vielleicht liegt es am französischen Original. Sicherlich auch an guter Übersetzung von Anja Kootz. Durch die Sprache bekommt der Wolf für mich eine Tiefe, die mir in englischen Werken oft fehlt.

    Denn in all ihrer Schlichtheit ist es eine tiefe Geschichte, die wir hier lesen. Sie fügt sich in eine lange Tradition von Erzählungen über das Verhältnis von Mann und Wildnis, von Einsamkeit, Brutalität und Überleben. Und doch geht sie darüber hinaus. Der Konflikt zwischen Schäfer und Wolf ist so alt wie die Zivilisation. Doch in unseren Zeiten wird sie neu geschrieben. Der Wolf steht unter Artenschutz - auch dann, wenn er den Schäfern ihre schmale Lebensgrundlage raubt. Dieser Konflikt lässt sich nicht durch Feindschaft lösen, meint diese Geschichte, indem sie vom alten Schäfer Gaspard und einem weißen Wolf erzählt, die sich einen Lebensraum und eine Lebensgrundlage teilen müssen.

    Gaspard lebt in den Bergen ein einfaches und raues Leben. Im Sommer grasen seine Schafe auf den Bergwiesen, im Winter jagt er Gämsen. Und auch der weiße Wolf lebt dort. Auch er hat Hunger. Und er lässt sich nicht vertreiben. Der Kampf um das Territorium beginnt. Wer ihn überleben will, muss über sich hinaus wachsen. Wer ihn überleben will, muss Demut lernen.

    Auf den ersten Blick ist der Wolf das Aufeinandertreffen eines Mannes mit einem wilden Tier und ihr Kampf um das Recht des Stärkeren. Auf den zweiten Blick finden wir alternative Lesarten, die uns bereichern können. Wenn wir demütig genug sind.

    Juli 2020



    1. Eine Leseprobe ist auf den Seiten des Verlags veröffentlicht. ↩︎

  • bearbeitet Juli 2020

    Klein, E., Thompson, D., & Petersen, A. H. (2020). Work as identity, burnout as lifestyle. The Ezra Klein Show. Abgerufen unter: stitcher.com/podcast/the-ezra-klein-show/e/60197403?autoplay=true.

    Ezra Klein las zwei Artikel, die ihn beschäftigten. Der eine hieß Workism Is Making Americans Miserable (2019) von Derek Thompson (1), der andere How Millennials Became The Burnout Generation (2019) von Anne Helen Petersen.(2) Auch ich habe beide Artikel gelesen. Sie befassen sich mit der Generation der Millenials und ihrem Verhältnis zur Arbeit. In einem Gespräch mit Ezra Klein, das unter dem Titel Work as identity, burnout as lifestyle (2020) in der Ezra Klein Show veröffentlicht wurde, sprechen die drei Millenials über ihre Beobachtungen und Selbstreflexionen bezüglich ihrer Arbeitseinstellung. Es geht um Selbstwert, Spiritualität und Burnout.

    Die Ökonomen des frühen 20. Jahrhunderts vermuteten, mit steigendem Wohlstand würden die Arbeitsstunden sinken. Man würde sich um sinnvolle Freizeit bemühen, die Muße genießen und sich um Freunde und Familie kümmern. Teilweise hatten sie recht, denn die durchschnittlichen Arbeitsstunden in den wohlhabenden Ländern sanken.(3) Doch geschah auch etwas Unerwartetes, weil historisch völlig neues: Die Reichen und Gebildeten arbeiten mehr als je zuvor. Wo Reichtum früher bedeutete, sich Freizeit und Vergnügen zu leisten, scheinen die modernen Reichen mit ihrem Geld vor allem eines zu kaufen: Mehr Arbeit. Für sie wurde Arbeit zu einer Religion.

    [...] but for the college-educated elite, [work] would morph into a kind of religion, promising identity, transcendence, and community. Call it workism.(4)

    Ausgehend von der Heilsversprechung der Passion Hypothesis (5) - follow your passion! - huldigen die Millenials dem Gott der Arbeit. Er verspricht all das, was in früheren Zeiten die alten Religionen versprachen: Identität und Lebenssinn, Transzendenz, eine Gemeinde - und einen Maßstab für den Wert einer Person. Doch wo du dir Gottes bedingungsloser Liebe sicher sein konntest, ist der Gott der Arbeit ein launischer. Und wo Gott sagte, du sollst am siebten Tage ruhen, sagt der Gott der Arbeit, du musst arbeiten, immerzu, denn Muße ist Sünde. Wenn du nicht busy bist, bist du nichts wert. Es geht um Status. (6) Und schlimmer: Jeder Job, der nicht deinem beruflichen Seelenverwandten entspricht, bedeutet ein vergeudetes Leben. Arbeit wird zum zentralen Sinnelement des Lebens.

    Für einige wenige geht die Rechnung auf. Sie sind ständig beschäftigt, reich und leben ein erfülltes Leben, meint: Sie werden von Millionen Millenials online als Held verehrt, weil sie 80 Stunden in der Woche arbeiten. Doch für den Großteil der Gläubigen führt Workism nicht ins Paradies, sondern zu Unsicherheit, Frustration und Erschöpfung. Ab einem bestimmten Punkt macht mehr Arbeit nicht glücklicher, produktiver, kreativer, oder gar wertvoller. Ab einem bestimmten Punkt führt mehr Arbeit zu Verbitterung, Überforderung und Burnout.

    Die Millenials seien nicht faul und unselbstständig, sagt Anne Helen Petersen, im Gegenteil: In Wirklichkeit seien sie überarbeitet und ausgebrannt. Burnout ist ihr chronischer Zustand. Workism fordert seinen Tribut.

    It’s not a temporary affliction: It’s the millennial condition. It’s our base temperature. It’s our background music. It’s the way things are. It’s our lives.(7)

    Auch Petersen führt dies - unter anderem - auf den Glaubenssatz zurück, der den Millenials bei jeder Gelegenheit eingehämmert wird: Follow your passion! Du musst ständig arbeiten, dich ständig optimieren. Leistest du nicht, bist du nichts wert. Bist du erschöpft? Dann meditieren zweimal täglich und geh zum Yoga und so. Millenial Burnout ist akkumulierter Stress durch eben diese Einstellung, man müsse ständig arbeiten.

    Teile auf Instagram, wie sehr du dem Workism huldigst! Beide Autoren, Thompson und Petersen, thematisieren die katalysierende Wirkung der Sozialen Medien und der neuen Technologien. Die Arbeit ist omnipräsent, der Druck lässt nie nach. Arbeit ist nicht nur die Zeit im Büro. Alles ist Arbeit. Das Leben ist eine To-Do-Liste und diese To-Do-Liste endet nie.

    That’s one of the most ineffable and frustrating expressions of burnout: It takes things that should be enjoyable and flattens them into a list of tasks.(8)

    Thompson, Petersen und Klein gehem im Podcast auf Spurensuche: Woher kommt Workism? Was bedeutet er? Was kann man dagegen tun? Die drei Journalisten werfen einige Vorschläge und Ideen auf. Angesprochen wird unter anderem folgendes: Die verlorene Kunst der Muße. Der allmächtige Kapitalismus. Die protestanische Arbeitsethik. Die Rolle der Gewerkschaften.

    Ich frage mich: Mein Großvater hat weit mehr gerarbeitet als ich - wieso ist er nicht ausgebrannt? Auch Ezra Klein spricht eine ähnliche Frage an, doch sie geht unbeantwortet unter. Ich gehe mit Cal Newport, wenn er sagt:

    Do less, do better, know why.(9)

    Und mit Alex Soojung-Kim Pang. Ruhe ist eine erlernbare Fertigkeit, von der sowohl die Arbeit, als auch die Seele des Arbeiters profitieren.(10)

    Worauf gründen wir einen stabilen Selbstwert? Woher kriegen wir den Sinn? Woher Gemeinschaft und Verbundenheit? Wenn ich Thompsons und Petersens Artikel lesen, festigt sich meine Annahme: Die moderne Krise ist eine spirituelle Krise.

    Juli 2020



    1. Thompson, D. (2019). Workism Is Making Americans Miserable. Abgerufen unter: theatlantic.com/ideas/archive/2019/02/religion-workism-making-americans-miserable/583441/. ↩︎

    2. Petersen, A. H. (2019). How Millenials Became The Burnout Generation. Abgerufen unter: buzzfeednews.com/article/annehelenpetersen/millennials-burnout-generation-debt-work. ↩︎

    3. In Deutschland sanken die durchschnittlichen Arbeitsstunden seit 1950 um etwa 40%, behauptet Thompson (2019). ↩︎

    4. Thompson (2019) ↩︎

    5. Newport, C. C. (2012). So Good They Can't Ignore You. Why Skills Trump Passion in the Quest for Work You Love. London: Piatkus. ↩︎

    6. Kreider, T. (2012). The Busy Trap. Abgerufen unter: opinionator.blogs.nytimes.com/2012/06/30/the-busy-trap/. ↩︎

    7. Petersen (2019) ↩︎

    8. ebd. ↩︎

    9. Unter anderem hier, hier und hier↩︎

    10. Pang, A. S. K. (2016). Rest. Why You Get More Done When You Work Less. New York: Basic Books. Siehe meine Lesenotizen dazu hier↩︎

  • Ich finde dieses Gerede von Burnout peinlich. Noch unsere Großeltern haben echte Kriege mitgemacht, waren im Gulag, haben Hunger gelitten. Noch vor 150 Jahren waren 14h-Arbeitstage im Kohleberg die Norm und Typhus gewöhnlich. Und heute beschweren sich die Leute, dass sie nicht in der Lage sind, die Finger von Instagram zu lassen.

    Aus diesem Grund meide ich solche Podcasts und allgemein diese millennialfreundlichen Quellen. Die holen sich darauf einen runter, dass sie selbst eine einzigartige Herausforderung haben. Dabei ist Zeichen unserer Generation, dass nahezu nichts wirklich herausfordernd ist und die Menschen schlicht einfach so schwach sind, dass sie mit den einfachsten Dingen überfordert sind. Einfach und schwer sind dabei sehr leicht zu definieren: Gemessen werden sie am menschlichen Potential.

  • @Sascha : Glaubst du nicht, dass es einen Unterschied zwischen 14h mentale und körperliche Arbeit gibt? Ich würde sagen, dass man sich im allgemeinen einfacher an die körperliche Arbeit gewöhnen kann und daher ist der Vergleich, den du gerade machst nicht unbedingt sinnvoll, wenn man sich auf Millennials bezieht, die einen Bürojob haben. Ich möchte nicht sagen, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen der älteren Generationen nicht deutlich schwerer waren, sondern dass man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen soll.

    Du hattest mal auf Youtube erwähnt, es gab mehrere Jahre, wenn Du etwa (oder mehr als?) 12h am Tag gearbeitet hast. Da bin ich ganz ehrlich neugierig, zu wissen, ob das reine intellektuelle Arbeit war, oder ob du das Training z.B. mitgezählt hast.

    Dazu behaupte ich, dass viele (die meisten) Millennials mit vielen Rechten und wenigen Pflichten erzogen worden sind. Dann scheint mir natürlich, dass sie es bei der Arbeit deutlich schwieriger finden, als jemand, der schon als Kind arbeiten musste, was der Fall unseren (Groß-)Eltern war. Wenn man aber eine Diskussion zum Thema führt, soll man auch die Perspektive betrachten, oder?

  • @Irene schrieb:
    @Sascha : Glaubst du nicht, dass es einen Unterschied zwischen 14h mentale und körperliche Arbeit gibt? Ich würde sagen, dass man sich im allgemeinen einfacher an die körperliche Arbeit gewöhnen kann und daher ist der Vergleich, den du gerade machst nicht unbedingt sinnvoll, wenn man sich auf Millennials bezieht, die einen Bürojob haben. Ich möchte nicht sagen, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen der älteren Generationen nicht deutlich schwerer waren, sondern dass man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen soll.

    Du hattest mal auf Youtube erwähnt, es gab mehrere Jahre, wenn Du etwa (oder mehr als?) 12h am Tag gearbeitet hast. Da bin ich ganz ehrlich neugierig, zu wissen, ob das reine intellektuelle Arbeit war, oder ob du das Training z.B. mitgezählt hast.

    Dazu behaupte ich, dass viele (die meisten) Millennials mit vielen Rechten und wenigen Pflichten erzogen worden sind. Dann scheint mir natürlich, dass sie es bei der Arbeit deutlich schwieriger finden, als jemand, der schon als Kind arbeiten musste, was der Fall unseren (Groß-)Eltern war. Wenn man aber eine Diskussion zum Thema führt, soll man auch die Perspektive betrachten, oder?

    Ich bin zwar auch der Meinung, dass viele der sogenannten "Millenials" heute zu einem guten Teil verweichlicht sind und viele unter ihrem Leistungspotential arbeiten.
    Aber zumindestens ein Bekannter von mir hat erst eine Ausbildung im Handwerklichen Bereich gemacht und ist später über seinen Meister ins Büro gewechselt. Er hat dann auch gesagt, dass er nach einem stressigen handwerklichen Arbeitstag nie so kaputt war wie nach stressigen Büro Arbeitstagen. Das scheint mir zumindestens ein Indiz dafür zu sein, dass körperliche Belastung nicht eins zu eins mit mentaler Belastung zu sein.

  • @Irene schrieb:
    @Sascha : Glaubst du nicht, dass es einen Unterschied zwischen 14h mentale und körperliche Arbeit gibt? Ich würde sagen, dass man sich im allgemeinen einfacher an die körperliche Arbeit gewöhnen kann und daher ist der Vergleich, den du gerade machst nicht unbedingt sinnvoll, wenn man sich auf Millennials bezieht, die einen Bürojob haben. Ich möchte nicht sagen, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen der älteren Generationen nicht deutlich schwerer waren, sondern dass man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen soll.

    Der Einwand der Unvergleichbarkeit wäre dann gerechtfertigt, wenn 14h mentale Arbeit zu Vergleich stünden. Es stehen aber lediglich 8h Arbeit auf dem Plan. Und tatsächlich werden im Schnitt allenfalls 2h gearbeitet und der Rest auf Facebook verdaddelt. Ich habe das schon in der Uni gesehen. Die angeblich fleißigen Juristen haben zu 80% 40% ihrer sogenannten Lernzeit mit Kaffeesaufen verbracht.

    Wenn man die Millennials wirklich schinden würde und 14h Arbeitstage (echte 14h), dann ok. Aber die Millennials haben jetzt gutes Essen, warme Unterkunft, keine Kriege, keine echte Unsicherheit im Fall der Arbeitslosigkeit, eine viel höhere öffentliche Sicherheit usw. Die damaligen 14h-Tage waren auch nicht nur einfach körperliche Arbeit, wie man sie heute versteht. Im Kohlebergwerk zu arbeiten oder in der Tucherei von damals wäre heute sogar für chinesische Sweatshops brutal.

    Du hattest mal auf Youtube erwähnt, es gab mehrere Jahre, wenn Du etwa (oder mehr als?) 12h am Tag gearbeitet hast. Da bin ich ganz ehrlich neugierig, zu wissen, ob das reine intellektuelle Arbeit war, oder ob du das Training z.B. mitgezählt hast.

    Ein Tag sah in etwa so aus:

    • 0700 Aufstehen, Morgenroutine
    • 0800-1200 Schreibtisch
    • 1200-1400 Training + Essen
    • 1400-1800 Schreibtisch
    • 1800-1900 Training und Essen
    • 2000-0000 Schreibtisch (sehr "paleo"...)

    An Fastentagen habe ich eher mehr gearbeitet. Manchmal habe ich noch im Fitnessstudio gearbeitet. Sonntags habe ich nur ein Unterbrechungstraining gemacht und habe eigentlich den ganzen Tag durchgearbeitet.

    Im Grunde habe ich eigentlich immer gearbeitet. Auch an Feiertagen, Weihnachten, Silvester usw. Natürlich gab es Unterbrechungen. Eine Familienfeier hier und da. Und alle paar Wochen habe ich mich mit jemandem verabredet (meine Freunde hatten und haben recht wenig von mir).

    Mal bin ich auch um 6 ausgestanden und etwas früher ins Bett. Allerdings waren zwei Jahre davon mit extremen Schlafproblemen, weil ich in einem Haus wohnte, in dem 80% Junkies gewohnt haben und die haben viele, viele Nächte Krach gemacht. (3-5 Nächte sicherlich)

    (So ein Regime würde ich aber auch niemandem empfehlen).

    Dazu behaupte ich, dass viele (die meisten) Millennials mit vielen Rechten und wenigen Pflichten erzogen worden sind. Dann scheint mir natürlich, dass sie es bei der Arbeit deutlich schwieriger finden, als jemand, der schon als Kind arbeiten musste, was der Fall unseren (Groß-)Eltern war. Wenn man aber eine Diskussion zum Thema führt, soll man auch die Perspektive betrachten, oder?

    Es kommt die Zeit, da wird man erwachsen und dann kann man nicht mehr sagen, dass Mama und Papa einen schlecht erzogen haben. Klar haben die Millennials das Problem der Wohlstandsverwahlosung geerbt. Aber dann muss man das Problem eben angehen. Machen aber die wenigsten. Grundsätzlich kann man als Mensch gegenüber diesem Problem mitleidend sein und ein schwaches Urteil fällen oder auch mitleidlos und ein eher hartes Urteil fällen. Das spielt keine Rolle, denn es ist keine Beziehungsfrage zwischen dem Urteilenden und den Millennials (technisch gesehen bin ich auch einer):

    1. Dem Leben ist es scheiß egal. Wenn man verkackt, dann verkackt man. Da hilft auch kein Mitleid.
    2. Brauchen die Millennials sich nicht noch mehr Mitgefühl und Mitleid. Eben dieser Weichspüler hat das Problem hervorgebracht.
  • @Sascha schrieb:

    Ich finde dieses Gerede von Burnout peinlich. Noch unsere Großeltern haben echte Kriege mitgemacht, waren im Gulag, haben Hunger gelitten. Noch vor 150 Jahren waren 14h-Arbeitstage im Kohleberg die Norm und Typhus gewöhnlich. Und heute beschweren sich die Leute, dass sie nicht in der Lage sind, die Finger von Instagram zu lassen.

    Aus diesem Grund meide ich solche Podcasts und allgemein diese millennialfreundlichen Quellen. Die holen sich darauf einen runter, dass sie selbst eine einzigartige Herausforderung haben. Dabei ist Zeichen unserer Generation, dass nahezu nichts wirklich herausfordernd ist und die Menschen schlicht einfach so schwach sind, dass sie mit den einfachsten Dingen überfordert sind. Einfach und schwer sind dabei sehr leicht zu definieren: Gemessen werden sie am menschlichen Potential.

    Wir sind wieder bei der Diskussion über den SPIEGEL-Artikel von neulich.(1)

    Während ich deine Meinung teile, ein paar Worte zum Gulag. Nach Schätzungen von Anne Applebaum (Autorin von Der Gulag) haben etwa 2.700.000 Menschen im Gulag ihr Leben verloren. Unzählige Kriegsheimkehrer waren traumatisiert, und seelisch so verkrüppelt, dass sie ihre Wunden noch an die Folgegenerationen weitergegeben haben. Unzählige sind an Krieg und Gulag zerbrochen. Nicht alle waren stark genug, zu überleben. Und viele Überlebende hatten danach sicherlich ein Hundeleben. Hier gibt es nichts zu glorifizieren. Du hast es nicht glorifiziert, trotzdem gehört das gesagt. Nicht jeder ist so stark, und nicht jeder ist so stark gewesen.

    Im Übrigen ist der Podcast wirklich peinlich. Und obwohl die Autoren davon sprechen, sich zu schämen, ist das nicht ernst zu nehmen. Denn im gleichen Atemzug profilieren sie sich damit. Sie wälzen die Verantwortung ab und sie suchen nach Ursachen. Sie labern. Alles ist lauwarm. Es ist hier ein schmaler Grad zwischen fruchtbarer Diskussion und Entitlement. Die Frage - und das ist auch der Grund, weshalb ich mir das reinziehe - ist doch: Woher kommt dieser Müll? Und wie geht es besser? Was ist los!

    Natürlich ist es nämlich die Verwantwortung des Einzelnen, aber bei gesellschaftlichen Entwicklungen größeren Ausmaßes muss man die Augen offen halten. Die jungen Menschen sind die Zukunft. Da ist auch Wachsamkeit angebracht. Diese Epidemie an Müll und Schwäche beängstigt mich. Es ist von zentraler Wichtigkeit, persönliche Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Aber wenn das getan ist, muss man die Gemeinschaft im Auge behalten. Das fängt beim eigenen Kreis an, geht aber darüber hinaus. Dafür muss man das Problem verstehen. Wie soll man das Problem aber verstehen, wenn man Forschung und Diskussion kategorisch ausschließt?


  • Nachtrag: Die Fehleranalyse in millenialfreundlichen Quellen ist Teil meiner persönlichen Verantwortung, kein Teil davon zu sein.

  • Lanier, J. (2018). Ten arguments for deleting your social media accounts right now. New York: Picador.

    In Ten arguments for deleting your social media accounts right now (2018) betreibt Jaron Lanier Aufklärung über die Funktionsweise und die Auswirkungen der heutigen Sozialen Medien und übergibt die Verantwortung der Veränderung an den Leser. Er fordert dazu auf, die Sozialen Medien zu boykottieren. Ich habe das Buch gelesen, nachdmem ich über die Low Information Diet und die Relevanz einer Abstinenz geschrieben habe. Bei meinen eigenen Ausführungen ging es mir vor allem um die Auswirkung der Sozialen Medien auf Produktivität und die Aufmerksamkeit. Laniers Standpunkt umfasst einen größeren, gesamtgesellschaftlichen und philosophischen Rahmen. Im Folgenden werde ich Laniers Argumente auflisten. Wen die genaue Argumentation interessiert, mag entweder gezielt nachfragen, oder das Buch selbst zur Hand nehmen.

    Zunächst müssen wir aber genauer definieren, wovon wir sprechen, wenn wir "Soziale Medien" sagen. "Soziale Medien" ist ein vager Begriff. Lanier geht es nicht um das Internet oder Soziale Medien per se, wenn er anprangert, dass sie die Gesellschaft zerstören. Er liebt das Internet. In Sozialen Medien mit einem anderen Geschäftsmodell sieht er großes humanistisches Potential. Stattdessen geht es Lanier um das zugrundeliegende Geschäftsmodell prominenter Sozialer Medien unserer Zeit. Er formuliert deshalb ein Akronym für solche Sozialen Medien, gegen die sich seine Argumente richten: BUMMER. Das bedeutet "Behaviors of Users Modified and Made into an Empire for Rent. Wir sprechen also über BUMMER. Wer ist BUMMER? Facebook, Google, Youtube, Instagram, Twitter und alles was dazu gehört, zum Beispiel Whatsapp. Eben alle, die ihr Geld damit verdienen, deine Daten zu verkaufen.

    Weshalb solltest du nun also deine BUMMER-Accounts löschen?

    Argument #1: You are losing your free will.
    Argument #2: Quitting social media is the most finely targeted way to resist the insanity of our times.
    Argument #3: Social media is making you into an asshole.
    Argument #4: Social media is undermining truth.
    Argument #5: Social media is making what you say meaningless.
    Argument #6: Social media is destroying your capacity for empathy.
    Argument #7: Social media is making you unhappy.
    Argument #8: Social media doesn't want you to have economic dignity.
    Argument #9: Social media is making politics impossible.
    Argument #10: Social media hates your soul.

    In BUMMER liegen Algorithmen vor, die sich selbstständig optimieren. Sie optimieren sich an dem Ziel, dein Verhalten zu manipulieren. Die Aufmerksamkeit wird gefesselt. (Im Jargon der Entwickler spricht man nicht von Abhängigkeit, sondern von Engagement.) Das ist der erste Schritt. Dann geht es weiter. Denn du bist das Produkt, nicht der Kunde. Der Kunde kauft die Möglichkeit, dich zu manipulieren, ohne dass du es merkst. Dies funktioniert am besten, in dem man deine negativen sozialen Emotionen verstärkt und ausbeutet. Der Algorithmus weiß um deine Unsicherheiten, deine Verwundbarkeiten, deine Neigungen - alles. Er hat herausgefunden, dass du 0,34 Sekunden schneller auf einen Artikel klickst, in dem das Wort "Muskeln" vorkommt. Und 0,17 Sekunden schneller, wenn der Titel eine andere Font verwendet. Warum das so ist, ist übrigens völlig irrelevant. Der Algorithmus kategoriert nicht wie wir Menschen. Er denkt nicht: Ah, der Johannes ist eine linke Socke. Er denkt nicht. Er weiß nur, dass Leute, die auf Bioklamotten stehen, Langhanteln kaufen und aus Glasflaschen trinken auch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit folgendes Video ansehen, oder schlimmer noch, auf folgende politische Propagdanda auf diese oder jene Art und Weise reagieren. BUMMER packt dich da, wo du verwundbar bist. BUMMER packt dich an den Eiern und zieht dich runter. Bist du depressiv? Dir werden Videos zugespielt, die deine Hilflosigkeit verstärken und dich daran hindern, dein Leben in die Hand zu nehmen. Willst du einen muskulösen Körper? Statt im Training bist du bei Karl Ess, oder wie der neuste Hamstibamsti gerade heißt, der dir sein Molkecasinat zum Inhalieren verkaufen will.(1) Und es hört nicht bei dir als Individuum auf: BUMMER packt die Gesellschaft an den Eiern, weil er die Demokratie und die Gemeinschaft aushöhlt und aufspaltet.

    In meinen Worten zusammengefasst, macht Lanier folgenden Punkt. BUMMER degradiert dich von einer Person zu einem Lappen. BUMMER unterwandert die Gesellschaft. Und wer darauf keinen Bock hat, der sollte seine Accounts löschen. Nur so können neue Wege gefunden werden, Soziale Medien zu sozialen Medien umzugestalten.

    Juli 2020



    1. Shoutout an Jacko. Bester Mann. ↩︎

  • Ionesco, E. (2009). Die Nashörner. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

    Die Nashörner, ein Schaupspiel in drei Akten, erschien 1959 und gilt als das berühmteste Werk des rumänischen Schriftstellers Eugène Ionesco. Die Uraufführung fand am 31.10.1959 im Düsseldorfer Schauspielhaus statt. Ursprünglich auf Französisch verfasst - Ionesco war in Paris aufgewachsen und nach einem Studium in Bukarest dorthin zurückgekehrt - wurde das Stück von Claus Bremer und H. R. Stauffacher ins Deutsche übertragen. Es handelt von einer namenlosen Stadt, deren Einwohner sich nach und nach in Nashörner verwandeln.

    Vor ein paar Wochen plauderte ich mit einer Bekannten über Theater. Sie studiert Darstellendes Spiel und, unter anderem deshalb, war ich an ihrer Meinung besonders interessiert. Ich berichtete ihr von meinen Schwierigkeiten, Samuel Beckett zu lesen. Wir kamen auf unsere Lieblingsstücke zu sprechen, denn es stellte sich heraus, dass ihr Lieblingsstück Die Nashörner, wie auch Becketts Warten auf Godot, ein Absurdes Theaterstück ist.(1) Es sei sowohl das beste Stück, das sie bisher gelesen habe, als auch die beste Aufführung gewesen, die sie besucht habe. Von den Nashörnern und ihrem Autor Ionesco hatte ich noch nie gehört und wurde entsprechend neugierig. Sie hat mir das Buch ausgeliehen. Im Juli 2020 habe ich es gelesen. Allerdings mit einigem Widerstand, wie sich herausstellte.

    Eugène Ionesco gilt als Begründer eines neuen dramatischen Stils. Seine Popularität liegt unter anderem in der Provakation begründet, die sein Bruch mit allen Begriffen des herkömmlichen Theaters Mitte des 20. Jahrhunderts bedeutete. Der Autor hatte fast alle Stücke zunächst als Erzählung konzipiert und veröffentlicht, und sie dann in szenischer Form weiterverarbeitet. Auch dieser Prozess war es, der meine Neugierde weckte, hatte ich doch selbst zunächst einen Roman geschrieben und ihn dann in ein Stück umgeschrieben.

    Trotz aller Neugierde und Vorfreude hatte ich einen zähen Leseprozess vor mir. Ähnlich wie bei Beckett wurde ich nicht warm mit den Nashörnern. Es wurde viel Sinnloses oder Unverständliches geredet und die Handlung wurde hauptsächlich über ausführlichste Regieanweisungen voran getrieben. Langweilig. Lahme Rhetorik (sicherlich gewollt), schlappe Charaktere (auch gewollt, aber eben trotzdem langweilig). Und auch wenn ich mir das Stück auf einer Bühne mächtig vorstelle - man bedenke die Nashörner, die trampelnd und schnaufend durch die Straßen laufen - hatte es diese Wirkung beim Lesen nicht auf mich. Vielleicht war ich nicht konzentriert genug. Vielleicht aber war es auch einfach zähe Lektüre.

    Eine Lesart der Nashörner ist der Kontext politischer Radikalisierung und die Ausbreitung politischen Fanatismus. Langsam, ein Bewohner nach dem anderen, verwandeln sich die Einwohner einer Stadt zu mörderisch trampelnden Dickhäutern. Jeder verwandelt sich aus einem anderen Motiv heraus. Manche haben ein Hundeleben, manche kein Rückrat - sie zwingt der soziale Druck. Andere wiederum wollen ihre Macht sichern. Was im Gedenken an die Nazis geschrieben wurde, lässt sich auf beliebige Kontexte übertragen. Und obwohl meine Lektüre wenig spannend war, ist die Gesamtwirkung des Stückes in dieser Lesart doch eindrücklich.

    Nur einer verwandelt sich nicht, ein Mann namens Behringer. Er ist ein gewöhnlicher Angestellter, doch verantwortungsbewusst und frei. Unnachgiebig stemmt er sich gegen die Veränderung seiner Nachbarn und Freunde. Er ist willens, kein Nashorn zu werden. Auch dann nicht, als seine Frau ihn deshalb verlässt. Der gewöhnliche, robuste Mann ist der Held dieses Stücks.

    Spannend ist auch die fantastische Komponente. Die Verwandlung von Menschen in Nashörner ist ein fantastischer Prozess, wie ich ihn im Theater noch nie gelesen habe. Ein guter Einfall an der richtigen Stelle. Es erinnert mich an mein Staunen, als ich den ersten Satz von Franz Kafkas Verwandlung gelesen habe.(2) Soetwas in ernsthafter Schullektüre! Auch MAUS fällt mir ein, und bei MAUS sprechen wir sogar vom gleichen historischen Kontext. Nur dass die Deutschen dort Katzen sind, keine Nashörner.(3) Unabhängig vom Kontext ist die Verwandlung in ein Tier als Methaper außerordentlich wirksam, denn sie ist bildlich und ausdrucksstark. Sie gefällt mir.

    Auf etwas mehr als hundert Seiten hat Die Nashörner mein Durchhaltevermögen herausgefordert und mein Denken angeregt. Hoffentlich bekomme ich eines Tages die Gelegenheit, eine Inszenierung des Stücks zu sehen. Das wäre nochmal spannend.

    Juli 2020



    1. Absurdes Theater ist, laut Wikipedia, "eine Richtung des Theaters des 20. Jahrhunderts, die die Sinnfreiheit der Welt und den darin orientierungslosen Menschen darstellen will." https://de.wikipedia.org/wiki/Absurdes_Theater ;↩︎

    2. https://forum.me-improved.de/discussion/comment/2907/#Comment_2907 ;↩︎

    3. https://forum.me-improved.de/discussion/comment/2404#Comment_2404 ;↩︎

  • bearbeitet August 2020

    Update

    Ich veröffentliche gelegentlich Updates darüber, was ich zu dem gegebenen Zeitpunkt lese. So kannst du während des Leseprozesses Einfluss auf mich nehmen.

    Zur Zeit lese ich folgende Bücher.

    Literatur: Derzeit keine Literatur am Start.

    Graphic Novel: Sandman Deluxe 2: Das Puppenhaus. von Neil Gaiman.

    Fachliteratur: Erneut lese ich Getting Things Done (2001) von David Allen, um meinen Arbeitsflow aufzufrischen. Bald beginnt ein (weiterer) arbeitsintensiver Lebensabschnitt, auf den ich mit damit einstimme. Diese Lektüre ist weniger Muße als vielmehr Arbeit.

    Zeitgleich lese ich allerdings noch How to Do Nothing. Resisting the Attention Economy (2019) von Jenny Odell. Dieses Buch ist sowohl äußerlich als auch innerlich an Schönheit schwer zu übertreffen. Ich erinnere mich nicht an eine so inspirierende Lektüre, außer vielleicht die meines Lieblingsbuches Deep Work 2016. In How to Do Nothing kommen meine Liebe für die Natur und die Kunst, sowie für die Pflege meines Umfelds und der eigenen Aufmerksamkeit zusammen.

  • bearbeitet August 2020

    Tokarczuk, O., & Concejo, J. (2019). Die verlorene Seele. Zürich: Kampa Verlag.

    Könnte uns jemand von oben betrachten, er sähe so viele Menschen auf der Welt in ständiger Eile, erhitzt und erschöpft. Und er sähe ihre verlorenen Seelen, die nicht mehr Schritt halten können mit ihnen.

    Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk erzählt in Die verlorene Seele (2019) die Geschichte eines Mannes, der darauf wartet, dass seine Seele zu ihm zurückkehrt. Das Bilderbuch ist wunderbar illustriert von Joanna Concejo. Auf diesem Foto mit der Vetriebsleiterin des Kampa Verlags Anica Jonas kann man einen Blick auf den Stil der Bilder erhaschen. Es sind ruhige und detaillierte Buntstiftzeichnungen von Pflanzen, Menschen und Tieren. Anfangs monochrom, schleicht sich im Laufe der Zeit auch Farbe ein.

    Der polnische Originaltitel der verlorenen Seele lautet Zgubiona dusza. Es ist ein kurzes und stilles Buch. In Gedanken kehre öfter dahin zurück, seit ich es vor einigen Monaten zum ersten Mal gelesen habe. Vorgestern musste ich wieder daran denken, als ich im Garten den ersten Kürbis geerntet habe. Denn der Kürbis spielt eine besondere Rolle in der Geschichte des Mannes, der seine Seele verlor.

    August 2020

  • Odell, J. (2019). How to Do Nothing. Resisting the Attention Economy. New York: Melville House Publishing.

    Vergangenes Jahr veröffentlichte die künstlerin und dozentin Jenny Odell ihr debüt How to Do Nothing. Resisting the Attention Economy. Der titel mag irritieren, denn er suggeriert ein selbsthilfe-buch. Das ist dieses buch nicht und es ist weit mehr. Es ist ein ausführliches essay im wahrsten sinne des wortes: Der leser begleitet Odell auf einer reise, die im Morcom Aphitheatre of Roses in Oakland beginnt und uns über diverse historische formen der rebellion und inspirierende auflüge in die kunstgeschichte schließlich in den Middle Harbor Shoreline Park führt, wo braune Pelikane fischen. Das buch ist das politische manifest einer belesenen künstlerin, deren hobby es ist, vögel zu beobachten. Eine leseempfehlung.

    Meine lektüre von How to Do Nothing hat sich dann wirklich wie eine reise angefühlt. Neue eindrücke und geschichten über fremde menschen mischten sich mit der vorstellung an einen ort, an dem ich nie war, doch an dem Jenny Odell wohnt. Sie argumentiert gegen die raumlosigkeit der attention economy und für einen intensiven bioregionalismus, in dessen zentrum die verantwortung für die erhaltung der vorherrschenden lebensarten der eigenen region steht. Diesen bioregionalismus lebt sie selbst, weshalb beschreibungen ihrer umwelt ein wichtiger teil dieses buches sind. Den verherrschenden produktivitätsbegriff stellt sie in frage. Und sie argumentiert gegen den kontextverlust durch die attention economy, in dem sie die enge verknüpfung zwischen aufmerksamkeit und kontext (lies auch: sinn und bedeutung) herausarbeitet.

    Odells essay beginnt im rosengarten ihrer nachbarschaft, der für sie ein refugium ist. Dort geht sie ihren gedanken nach, beobachtet vögel, und arbeitet an ihren projekten. Der garten wird seit hundert jahren von freiwilligen in stand gehalten und dient menschen, tieren und pflanzen jeglicher art als öffentlicher raum der begegnung. In diesem raum entfaltet Odell ihre argumentation für das nichtstun, das eigentlich kein nichtstun ist, sondern nur in den augen der kapitalistischen verwertungsmaschine so gesehen wird.

    Wir begleiten Odell anschließend durch die geschichte der weltflucht. Unser startpunkt ist wieder ein garten, nämlich der Epikurs, der dort dreihundert jahre vor christus seine schule baute. wir reisen weiter bis in die frühere neuzeit der kommunen und ihren gescheiterten versuchen, sich von der politischen und medialen welt zu lösen. Der widerstand gegen die attention economy, das ist Odells punkt, ist ein wiederstand vor ort. Isolation ist keine lösung. Doch wie sieht dieser widerstand aus? Wir besuchen Diogenes in seiner tonne und werden mit diversen inspirierenden künstlern der gegenwart vertraut gemacht.(1)

    An dieser stelle beginnt das buch, ernsthaft politisch zu werden. Die rolle der aufmerksamkeit und konzentration im politischen kontext haben mich fasziniert. Spätestens hier erinnerte mich die komplexität und die ausschweifende form der argumentation zwangsläufig an Jordan Petersons Twelve Rules for Life. Es bleibt politisch, doch es mischt sich gegen ende zunehmend auch der ökologische standpunkt in den eintopf aus aufmerksamkeit, kunst, regionalität, widerstand und verantwortung - es gipfelt im bioregionlismus und in Odells konzept des manifest dismantlings. Sie richtet diesen begriff gegen den begriff des Manifest Destiny (2) und führt an dieser stelle die fäden zusammen. Wie man nichts tut, erfährt man in diesem buch nicht. Vielmehr erfährt man, wie man stattdessen etwas tut. Es ist kein how to do. Es ist eher ein what to do (und what not to do). Die lektüre selbst ist der weg. Ich vermute, so hat Odell es sich gedacht: Die lektüre erweitert die aufmerksamkeit des leser. Hat geklappt.

    August 2020



    1. Hängen geblieben sind mir vor allem die fotocollagen von David Hockney (siehe hier), die performance art von Mierle Laderman Ukeles (sie schrieb ein manifest für Maintenance Art und schrubbte in ihrer ausstellung den boden des museums. Außerdem danke sie ein jahr lang allen 8500 mitarbeitern der new yorker müllabfuhr persönlich für ihre arbeit), sowie Tehching Hsieh, der so eine art vorreiter des willensexperiments ist (seine performances gehen über ein jahr. er war schonmal ein jahr lang in einem minimalistischen holzkäfig eingesperrt oder verbrachte ein jahr lang draußen). ↩︎

    2. https://de.wikipedia.org/wiki/Manifest_Destiny#/media/Datei:American_Progress_(John_Gast_painting).jpg ↩︎

  • @Johannes schrieb:

    Odell, J. (2019). How to Do Nothing. Resisting the Attention Economy. New York: Melville House Publishing.

    Das Buch klingt sehr interessant, danke! Themenverwandt kann ich "Das Beste, was wir tun können, ist nichts" von Björn Kern empfehlen. Leichte, unterhaltsam geschriebene Lektüre mit Tiefgang. Ich habe es kürzlich zum zweiten Mal gelesen.

  • bearbeitet August 2020

    Danke für deine Empfehlung, @Jost ! Ich werde bei Gelegenheit reinschauen. Derzeit lese ich übrigens Kafka am Strand von Murakami, das du mir mal empfohlen hattest.

    Ergänzung: @Jost Falls du dich entschließt, das Buch zu lesen, interessiert mich deine Meinung dazu.

  • bearbeitet August 2020

    Rosenberg, M. B. (2016). Gewaltfreie Kommunikation. Paderborn: Junfermann.

    In Gewaltfreie Kommunikation legt Psychologe und Mediator Marshall B. Rosenberg (1934-2015) einen Kommunikationsprozess vor, der eine gewaltfreie zwischenmenschliche Verständigung ermöglichen soll. Einleitend findet der Leser ein Gedicht von Ruth Bebermeyer mit dem Titel Worte sind Fenster (Oder sie sind Mauern). Worte wie Fenster benutzen, nicht wie Mauern, das ist, denke ich, Rosenbergs Anliegen und Lebenswerk, in das das vorliegende Buch einen Einblick gibt. @Jospeh_bartz hat dieses Buch erwähnt (1) und das hat mich neugierig gemacht.

    Rosenberg beginnt mit zwei Leitfragen seines Lebens: "Was geschieht genau, wenn wir die Verbindung zu unserer einfühlsamen Natur verlieren und uns schließlich gewalttätig und ausbeuterisch verhalten? Und umgekehrt, was macht es manchen Menschen möglich, selbst unter den schwierigsten Bedingungen mit ihrem einfühlsamen Wesen in Kontakt zu bleiben?" Bei der ersten Frage musste ich an Jordan B. Peterson denken, bei der zweiten Frage an Viktor E. Frankl und Maximilian Kolbe - an drei Menschen also, die in eingem Bezug zu den grausamen Konzentrationslagern des 20. Jahrhunderts stehen. Tatsächlich hat auch Rosenberg bei einer KZ-Inhaftierten eine außergewöhnliche Geistesgegenwart gefunden, wie ich nur eine Seite später feststellte. Er zitiert einen Tagebucheintrag von Etty Hillesum (gestorben 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau), in dem sie empathisch auf einen gewalttätigen Gestapooffizier reagiert.

    Rosenberg stieß bei der Beforschung seiner Leitfragen auf die Rolle der Sprache und der Verwendung von Wörtern im oben genannten Prozess, auch unter widrigen Bedingungen menschlich zu bleiben. Er fand, dass es Arten zu sprechen und zu kommunizieren gibt, die Einfühlungsvermögen kultivieren, während andere Arten das Einfühlungsvermögen blockieren. Diese Entdeckung ist der Ausgangspunkt. In Gewaltfreie Kommunikation möchte Rosenberg die Sprache vorstellen und lehren, die Einfühlungsvermögen fördert und das Herz der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) bildet.

    Zwei Grundlegende Annahmen der GFK sind erstens Rosenbergs positives Menschenbild und zweitens der Fokus auf menschliche Bedürfnisse. Rosenberg schreibt dem Menschen eine einfühlsame Natur zu, von der wir uns jedoch entfremden können. Die GFK dient als inter- und intraindividuelle Kommunikationsform, um mit der einfühlsamen Natur (erneut) in Kontakt zu kommen und friedliche Kooperation zu ermöglichen. Dazu gehen Sprecher und Zuhörer auf die Bedürfnisse des Gegenübers ein. Sowohl Sprecher als auch Zuhörer versuchen nämlich in einer Weise zu kommunizieren, die die Erfüllung der Bedürfnisse beider wahrscheinlicher macht. Dies verbessert die Lebensqualität der einzeln und stärkt gleichzeitig ihre Verbindung. So soll Verbundenheit dort entstehen, wo zuvor Konflikt herrschte.

    Das Grundprinzip der GFK beinhaltet vier Komponenten. Diese Komponenten sind 1. Beobachtungen, 2. Gefühle, 3. Bedürfnisse und 4. Bitten. Einerseits bedeutet GFK, sich als Sprecher mithilfe der vier Komponenten ehrlich auszudrücken. Andererseits auch, als Zuhörer anderen Menschen anhand der vier Komponenten empathisch zuzuhören. Diese zweiteilige Praxis formt das Wesen der GFK.

    Es gibt eine Reihe von Kummunikationsarten, die Einfühlungsvermögen blockieren. Zum Beispiel ist es hinderlich, andere Menschen moralisch zu beurteilen. Dies tun wir immer dann, wenn wir andere Menschen als schlecht, ungenügend oder unrecht verurteilen, sobald sie sich nicht unseren persönlichen Werten entsprechend verhalten. Rosenberg argumentiert, dass diese Analysen und Urteile "tragischer Ausdruck unserer eigenen Werte und Bedürfnisse sind." Tragisch deshalb, weil eine Verurteilung keiner der beiden Seiten weiterhilft. Der Urteilende wird sich der Ursache seiner Gefühle nicht bewusst (er verwechselt den Auslöser mit der Ursache), seine Bedürfnisse bleiben unerfüllt und er bleibt frustriert; der Beurteilte wird sein Verhalten nicht ändern, wenn er assertive genug ist, oder es ändern, wenn er verträglich genug ist, jedoch nicht aus freiem Willen, sondern aus Schuldgefühl oder Scham.

    Weitere blockierende Kommunikationsformen sind das Leugnen der eigenen Verantwortung, Belohungsdenken oder Forderungen. Die GFK macht einen großen Punkt darin, dass jeder Mensch für seine Gefühle, Gedanken und sein Verhalten vollständig verantwortlich ist. Dies hat Rosenberg mit @Sascha gemeinsam, dessen Prinzip der bedingungslosen Verantwortung (2) seinen Widerhall in Gewaltfreie Kommunikation findet. Wenn man etwas tut, gibt es nichts und niemanden, auf den man mit dem Finger zeigen kann und sagen: "Ich tue dies, weil er es gesagt hat." Auch der Satz "Ich bin wütend, weil du mich angelogen hast" würde bei Rosenberg nicht zählen.

    Den vier Komponenten der GFK ist jeweils ein Kapitel gewidmet. Darin geht Rosenberg genauer auf die einzelnen Komponenten ein und untermalt sie mit Beispielen und Übungen. Zunächst trennen wir Beobachtung von Bewertung. Dann werden wir uns unserer Gefühle bewusst, drücken sie aus und geben weder uns selbst noch anderen die Schuld für unsere Gefühle, sondern übernehmen die Verantwortung, in dem wir sie bis zu ihren Wurzeln verfolgen. Diese Wurzeln der Gefühle sind unsere Bedürfnisse, sagt Rosenberg, und die GFK sieht vor, dass wir diese Bedürfnisse kommunizieren oder als Zuhörer auf die Bedürfnisse des Gegenübers horchen.

    Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass in dem Moment, in dem Menschen anfangen, über das zu sprechen, was sie brauchen, statt darüber, was mit dem anderen nicht stimmt, die Wahrscheinlichkeit, einen Weg zur Erfüllung aller Bedürfnisse zu finden, dramatisch ansteigt. (63)

    Die eigenen Bedürfnisse auszudrücken sei ungewohnt und unangenehm, schreibt Rosenberg weiter. Trotzdem sei es von entscheidender Wichtigkeit. Dabei geht es ihm nicht darum, dass wir jammern oder auf der Erfüllung unserer Bedürfnisse bestehen. Oder schlimmer noch: Dass wir uns wünschen, dadurch anderen die Verantwortung für unsere Gefühle zu übertragen. Es geht vielmehr darum, selbst Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse zu übernehmen. Für sich selbst (und andere) zu sorgen. Dies kann nur dann stattfinden, wenn man die eigenen Bedürfnisse ernst nimmt. Nimmt man seine eigenen Bedürfnisse nicht ernst, können auch andere sie nicht ernst nehmen.(3)

    Die letzte Komponente der GFK ist eine konkrete Bitte, die wir an unser Gegenüber richten oder auf die wir horchen, wenn wir jemandem zuhören. Was wünsche ich mir konkret, das mein Leben bereichern würde? Dabei hilft es zu formulieren, welches Verhalten gewünscht ist, und nicht, welches Verhalten nicht gewünscht ist. Die Wahrscheinlichkeit zur Erfüllung des Wunsches steigt, wenn wir so vorgehen. Vage Aussagen, die mehr zur Konfusion und zum Konflikt beitragen, als ihn zu lösen, werden dagegen vermieden.

    Rosenberg unterscheidet außerdem zwischen Bitte und Forderung. Eine Forderung ist eine oftmals als Bitte getarntes Anliegen, bei deren Nichterfüllung der Bittsteller mit Sanktionen oder Missmut reagiert statt mit Empathie. Bei einer Bitte kann der Gebetene frei wählen, ob er bereit ist, "von Herzen zu geben", und fürchtet keine negativen Konsequenzen, wenn er es nicht tut. Auf ein "Nein" regiert der Bittsteller mit Empathie, nicht mit Vorwurf oder Selbstvorwurf.

    Spannend in diesem Zusammenhang fand ich das indische Wort "bas". Laut Rosenberg benutzt man dieses Wort in Indien immer dann, wenn man als Initiator eines Gesprächgegenstands die Resonanz bekommen hat, die man sich gewünscht hat. Damit signalisiert man, dass man zufrieden ist und sich das Gespräch anderen Dingen zuwenden kann.

    Die grundlegenden Gedanken und Prozesse der GFK habe ich nun dargestellt. Weitere Kapitel des Buches widmen sich unter anderem dem Zuhören (dem zweiten Teil der GFK), der Selbsteinfühlung (der "vermutlich bedeutendste[n] Anwendung der GFK"), dem Ausdrücken von Wut, der Anwendung von Macht und dem Schenken aufrichtiger Anerkennung. Gerade in den letzten Kapiteln finden sich starke Parallelen zu den Gedanken von Alfie Kohn bzgl. dem Nutzen den Anwendung von Bestrafung und Belohnung. Bestrafung und Belohnung sind nicht im Sinne der GFK.(4)

    Meine Lektüre von Gewaltfreie Kommunikation war kurzweilig und inspirierend. Rosenberg schreibt schlicht und klar. Seine Argumentation ist eindeutig und verständlich. Die jeweilige Standpunkte und Prozesskomponenten untermalt er anschaulich mit Dialogen und Anekdoten. In den Dialogen hat mich die Übersetzung oft irriteirt. Durch den Übertrag ins Deutsche ist dort nach meinem Geschmack die Authentizität verloren gegangen. Oft konnte ich mir nicht vorstellen, dass jemand so reden würde. Es wirkt etwas gekünstelt. Der Rest des Textes ist davon meiner Meinung nach nicht betroffen.

    Nun, nach der Lektüre, kommt es mir auf einen Praxistest an. Ich werde Gedankengut der GFK in meinem Alltag testen. Mal sehen, was passiert. Schon während der Lektüre hat der Fokus auf die hinter der Kommunikation verborgenen Bedürfnisse meine Sichtweise auf einige Konflikte verändert. Auch der Gedanke, Bedürfnisse als Wurzeln von Gefühlen zu identifizieren und Situationen nur als deren Auslöser, scheint mir recht fruchtbar zu sein. Wir werden sehen.

    Schließen möchte ich die heutige Lesenotiz mit folgendem Dialog auf Instagram, die eine Resonanz auf Joseph Bartz' Post über die GFK war.

    @guillermo_justel: I find interesting how in a lot of the fitness/movement communities you still get a lot of this individualistic approach to achievement and their only sense of community is to do with encouraging each other (which is great btw). Yet the real challenge is in the difficult times. I wonder how well they are at conflict resolution. It's all really good to be physically and mentally strong, but if you are socially weak, what's the point?

    @josephbartz: yes yes exactly. I have met too many people with no “training” in being social (helping the people around you, taking care of each other etc.) but with a lot of training surrounding around their own achievements. This is not the world I want to live in. (5)

    Ich schließe mich Joseph an. In so einer Welt möchte ich nicht leben. Was ich mir wünsche, ist Verbundenheit und Verantwortung, Aufmerksamkeit und Empathie. Vielleicht kann uns die GFK dabei helfen, einen Beitrag zu einer Welt zu leisten, in der wir uns um einander und ein Miteinander bemühen.

    August 2020



    1. josephbartz.de/instagram/nvc.html ↩︎

    2. me-improved.de/das-prinzip-der-bedingungslosen-verantwortung ↩︎

    3. In diesem Zusammenhang möchte ich als Kommentar ein Zitat von Fjodor Dostojewskij erwähnen, über das ich seit einigen Jahren kontempliere. Auch wenn mir sein Bedeutung in diesem Kontext noch nicht klar ist, musste ich doch bei Lesen des Kapitels über Bedürfnisse daran denken. Deshalb pflege ich es hier ein und stelle somit einen Kontext her, dessen Bewertung jedem Leser selbst obliegt. Rosenberg spricht allerdings von ganz grundlegenden Bedürfnissen wie Nahrung, Respekt, Sicherheit, Verbundenheit und Ordnung, nicht von künstlich aufgeblasenen Bedürfnissen, die Dostojewskij ggf. meint.
      "The world says: 'You have needs - satisfy them. You have as much right as the rich and the mighty. Don't hesitate to satisfy your need; indeed, expland your need and demand more.' This is the worldly doctrine of today. And they believe that this is freedom. The result for the rich is isolation and suicide, for the poor, envy and murder." -- Fjodor Dostojewskij ↩︎

    4. Meine Notizen zu Punished by Rewards von Alfie Kohn: forum.me-improved.de/discussion/comment/2437/#Comment_2437 ↩︎

    5. instagram.com/p/BrABEzhlOPa/ ↩︎

  • bearbeitet August 2020

    Focus Week von Cal Newport

    In So Good They Can't Ignore You (2012) stellte sich Cal Newport gegen den traditionellen Karriereratschlag des Internets: Folge deiner Leidenschaft! Statt sich auf die endlose Suche nach der einen Leidenschaft und dem Traumberuf zu machen, schlug er vor, wertvolle berufsbezogene Fertigkeiten zu entwickeln und diese gegen hervorragende Arbeitsbedingungen einzutauschen.

    Diese wertvollen Fertigkeiten entwickeln sich allerdings nicht von selbst. Um stetig besser zu werden, bedarf es des unnachgiebigen Arbeitens an den Grenzen der eigenen Fertigkeiten. Dieses Ausreizen, dieses sich recken und strecken, um besser zu werden, nennt man Deliberate Practice, ein Konzept, das Newport von Anders Ericsson leiht.

    In der Kultur von Athleten, Schachspielern, Musikern und Handwerkern ist Deliberate Practice tief verwurzelt. Doch in der Geistesarbeit ist es weitgehend unbeachtet. Für den Geistesarbeiter ergeben sich zwei Hürden. Erstens ist Deliberate Practice unangenehm und wird deshalb weithin vermieden.(1) Zweitens stellt sich die Frage, welche Fertigkeiten man genau weiterentwickeln muss - etwas, dass in zeitgenössischen Berufen der Geistesarbeit oft undurchsichtig ist.

    Um Ehrgeizigen über diese beiden Hürden zu helfen, entwickelte Newport 2013 zusammen mit seinem Freund und Geschäftspartner Scott Young den Online Kurs Top Performer. Der achtwöchige Kurs startet gewöhnlich zweimal im Jahr. Nun bieten die beiden einen weiteren Online Kurs an, der auf den Erkenntnissen basiert, die sie beim Schreiben ihrer Bücher Deep Work, Digital Minimalism (2019) und Ultralearning (2019) gesammelt haben. Er soll Life of Focus heißen und in der ersten Septemberwoche 2020 starten.

    Wie Newport in einem kürzlich veröffentlichten Post (2) bemerkt, wird nicht jeder an diesem Kurs interessiert sein oder es sich leisten können, daran teilzunehmen. Deshalb widmete er die vergangene Woche eine Serie von drei Artikeln, die ein Trainingsprogramm beinhalten, um selbstständig von einem Leben voller Ablenkung zur Konzentration zu gelangen. Diese Woche nennt Newport Focus Week.

    Die Focus Week bietet eine Gelegenheit, das eigene kognitive Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Wer Newports Arbeit verfolgt, wird hier wenig neues finden. Trotzdem bietet die Focus Week einen Mehrwert. Sie liefert erstens eine gute Zusammenfassung der relevanten Konzepte und zweitens, was entscheidend ist, eine Handlungsaufforderung, die der geneigte Leser als Nudge nutzen mag.

    Der erste Artikel der Serie, Give Your Brain Some Breathing Room (3), fokussiert sich auf eine Low Information Diet. Diesen Begriff nutzt Newport zwar nicht, schlägt aber einen stark restriktivem Informationskonsum vor. Die beiden ersten konkreten Schritte zum Deep Life sind also folgende. Der Nachrichtenkonsum wird auf einmal am Tag und auf hochqualitative Quellen reduziert. Newport schlägt 45 Minuten am Morgen vor. Zweitens werden alle Sozialen Medien vom Smartphone entfernt. Sollten Soziale Medien genutzt werden, dann nur zu festen Zeiten und mit wachsamer Aufmerksamkeit. Die verbleibende Zeit des Tages wird in Aktivitäten investiert, die außerhalb des Digitalen liegen: Familie, Arbeit und Muße.

    Die Konzentrationfertigkeit ist zuerst eine Frage des Trainings. Das hat Newport schon in Deep Work deutlich gemacht: "[...] your ability to concentrate is only as strong as your commitment to train it."(4) In Rediscover Depth (5) zeigt Newport eine konkrete Methode auf, die eigene Konzentrationsfähigkeit langsam wieder aufzubauen. Dabei gebe es viele Möglichkeiten dies zu tun, betont er, doch es sei wichtig, eine konkrete Methode vorzuschlagen.

    Newport rät, jeden Tag zwei Kapitel eines Buches zu lesen. Dabei solle das gewählte Buch eine Komplexität haben, die die eigenen kognitiven Fertigkeiten herausfordert. Mindestens eines der Kapitel solle in einem malerischen Kontext gelesen werden, z.B. einem Park oder Café. Der Kontextwechsel nabele das Lesen vom Alltag ab und ermögliche so einen Moment der Geistesgegenwart.

    Dieser Rat, Lesen als allgemeines Konzentrationstraining zu benutzen, ist nicht neu. Dass Newport gerade das Lesen als Konzentrationstraining vorschlägt, wird regelmäßige Leser Newports (oder dieser Lesenotizen) deshalb kaum überraschen. Er hatte Lesen zuvor bereits mehrfach in seinen Konzentrationstrainingsprogrammen integriert und als gutes Werkzeug genereller kognitiver Fitness bezeichnet.(6)

    Im letzten Artikel der Focus Week, Take Control of Your Time, rät Newport zu Timeblocking.(7) Bei dieser Methode weist man den Aufgaben des Arbeitstages konkrete Zeitblöcke zu. In diesen Zeitblöcken arbeitet man konzentriert an der jeweiligen Aufgabe. Erst wenn man vorsätzlich festlegt, was zu tun ist, kann man Ablenkungen überhaupt identifizieren. Hier ähneln sich Newport und Nir Eyal, welcher ebenfalls ein Verfechter von timeblocking ist.(8)

    Die meisten Geistesarbeiter verlassen sich auf listenbasierte und reaktive Arbeitsmethoden, bei denen man an einer To-Do-Liste arbeitet oder auf das reagiert, was der Tag einem bringt. Diese Arbeitsmethoden helfen weder bei einer Unterscheidung zwischen wichtigen und dringenden Aufgaben, noch beinhalten sie einen konkreten Plan, wann und wie man die Dinge erledigt. Stattdessen hängt man in der Luft. Die To-Do-Liste ist immer länger als ein Tageswerk. Man wählt nach Gefühl Aufgaben aus. Man kommt nicht zu Sache. Und als weiteren Nachteil der listenbasierten und reaktiven Arbeitsmethoden lernt man nicht, wie viel Zeit bestimmte Aufgaben in Anspruch nehmen.

    Timeblocking hat bietet gegenüber dieser herkömmlichen Arbeitsmethoden einige Vorteile. Man lernt gezwungenermaßen, sich über die Zeit bewusst zu werden, die bestimmte Aufgaben benötigen. Man lernt, wichtigen Dinge den Platz einzuräumen, der ihnen gebührt. Den unwichtigen Dingen eben nicht. Das ist Essentialismus. Außerdem weiß man zu jedem Zeitpunkt des Arbeitstages, was Sache ist - und was eine Ablenkung. Statt den Tagesplan im Kopf zu jonglieren, ist der Rahmen gegeben, alle mentalen Ressourcen in die vorliegende Aufgabe zu buttern.

    Das bedeutet nicht, dass man keine Listen mehr macht. Auch der Timeblocker hat seine Liste(n). Diese geht er durch, wenn er seinen Plan für die Woche oder den anstehenden Arbeitstag macht. Ist der Plan gesetzt, verschwindet die Liste im Hintergrund. Sie wird dann für den Rest des Tages zum Capture Tool, hat aber keine richtungsweisende Funktion mehr inne.

    Zu Beginn ist es beängstigend, timeblocking zu benutzen. Man sieht schwarz auf weiß, wie viel (oder wenig) Zeit man zu Verfügung hat. Man sieht, worin man die Zeit wirklich investiert. Man lernt, wie lange die Dinge brauchen. (Mein persönlicher Hinweis: In der Regel länger, als wir zunächst vermuten.) Auch die Konfrontation mit dem Wesentlichen fühlt sich nicht zwingend gut an. Verpasse ich etwas? Ist das alles? Diese Konfrontation ist ein notwendiger Reality-Check. Wendet man es eine Weile lang an, wird geübter im timeblocking.

    Diese Form der Arbeit ist eine kognitive Herausforderung. Die nötige Konzentration ist anstrengend. Newport rät deshalb, im Gegensatz zu Eyal, timeblocking nicht auf die Freizeit auszudehnen. Wende man timeblocking auch außerhalb des Arbeitstages an, führe dies zu Burnout.

    Eine persönliche Anmerkung zum timeblocking: Timeblocking lehrt einen, Pläne zu verfolgen. Das trainiert unter anderem Belohnungsaufschub, aber auch andere zentrale mentale Fertigkeiten. Wenn dort zwei Stunden Deliberate Practice eingetragen sind, dann lernt man dabei zu bleiben. Trotz Frustration oder Langeweile oder kein Bock mehr oder whatever. Dann hat man die Wahl: Rumsitzen und in die Leere starren. Oder eben dranzubleiben. Da gibts keine Abkürzung, keine Umkehr. Man lernt sich selbst kennen. In der Moderne ist timeblocking ein guter Lehrer.

    Nun haben wir alle drei Artikel der Focus Week besprochen. Zunächst haben wir die größten Ablenkungen eingedämmt, in dem wir unseren Informationskonsum limitiert haben und unser Smartphone beschnitten. Weiter haben wir unsere generelle kognitive Fitness durch Lesen trainiert. Schließlich haben wir im letzten Artikel eine Technik gelernt, um unserer Zeit mit bewusstem Vorsatz zu begegnen. Timeboxing, besagte Technik, mag uns außerdem zu mehr Deep Work und Produktivität bewegen.

    Selbstkritisch angewandt, können einen die Ratschläge der Focus Week weit tragen. Die Focus Week behandelt bewusst die Grundlagen. Trotzdem: Bei gnadenloser Selbstreflexion mag der eine oder andere feststellen, dass er doch öfter mal aufs Smartphone schaut oder seiner Zeit nicht mit einer Intention und Verantwortung gegegnet, die sie verdient.

    Escaping from the noise of a distracted world and becoming reacquainted with the pleasures of presence and concentration are crucial preconditions to a focused life.

    Die Basics sind nicht umsonst die Basics. Man sollte sich die Zeit nehmen, sie zu meistern. Dann kann man auf dem sicheren Fundament dieser Grundlagen etwas bauen. Zum Beispiel ein fokussiertes Leben voller Bedeutung, Produktivität und Verbundenheit. Eben das Deep Life, von dem Newport immer spricht.

    August 2020



    1. Diese Beobachtung bildet den Grundstein für Cal Newports Deep Work (2016): Deep Work ist gleichzeitig selten und produziert hervorragende Ergebnisse, weshalb diejenigen, die sich Deep Work zunutze machen, enorm profitieren. ↩︎

    2. Newport, C. C. (2020). Returning to a Life of Focus. Abgerufen unter: calnewport.com/blog/2020/08/23/returning-to-a-life-of-focus/ ↩︎

    3. Newport, C. C. (2020). Focus Week: Give Your Brain Some Breathing Room. Abgerufen unter: calnewport.com/blog/2020/08/25/focus-week-give-your-brain-some-breathing-room/. ↩︎

    4. Newport, C. C. (2016). Deep Work. Rules for Focused Success In A Distracted World. London: Piatkus. ↩︎

    5. Newport, C. C. (2020). Rediscover Depth. Abgerufen unter: calnewport.com/blog/2020/08/27/focus-week-rediscover-depth/ ↩︎

    6. unter anderem hier: Newport, C. C. (2020). Improving Concentration, Influential Books, and Figuring Out What to Focus On. Deep Questions, S01E01. Abgerufen unter: calnewport.com/blog/2020/06/08/answering-your-questions/. ↩︎

    7. Newport, C. C. (2020). Take Control of Your Time. Abgerufen unter: calnewport.com/blog/2020/08/29/focus-week-take-control-of-your-time/. ↩︎

    8. Nir Eyal nennt die Technik timeboxing, meint aber das selbe. Siehe meine Lesenotizen zu Nir Eyals Indistractable bei Part 2. ↩︎

  • Seneca, L. A. (2010). Von der Seelenruhe. Köln: Anaconda.

    Serenus klagt über seine eigene Charakterschwäche. An manchen Tagen ist er ein stabiler Typ, doch kaum erschüttert ein kleiner Zwischenfall sein fragiles Selbst, verliert er sich. Er zweifelt und hadert und entflieht diesem Schmerz, in dem er sich der Lust und Muße hingibt. Unsicherheit spricht aus Serenus' Worten, genauso wie Unentschlossenheit. Aber: Damit gibt er sich nicht zufrieden. Er erwartet mehr von sich. Deshalb reflektiert er seine Problematik im Brief an seinen Arzt Seneca.

    Wirklich krank ist Serenus eigentlich nicht. Doch auch nicht recht gesund. Das weiß er selbst. "[...] es ist nicht ein Sturm, der mich schüttelt, sondern die Seekrankheit", schreibt er. Diese mentale Fragilität möchte er hinter sich lassen. Nach Robustheit sehnt er sich, nach emotionaler Stabilität.

    Seneca erteilt Serenus einige Ratschläge. Auch diese Ratschläge sind erhalten und lassen sich in Von der Seelenruhe nachlesen. Ich habe das Buch nun zum dritten Mal gelesen und möchte einige Gedanken dazu teilen. Wir werden sehen, dass Seneca ein Mann der Tat war, ein Praktiker - denn was er schreibt, sind handfeste Anweisungen. Und obwohl Seneca vor 2000 Jahren lebte ist seine Philosophie noch immer aktuell.

    Der Kern Senecas Denken handelt von der Robustheit gegenüber dem Schicksal: "Preis dir, du Held, der du um so glücklicher bist, je tapferer du bist! Alle Angriffe des Schicksals, Neid, Krankheit - sie liegen nun hinter dir; du bist kein Gefangener mehr; du verdientest nach der Götter Meinung kein herbes Schicksal, verdientest vielmehr, daß [sic!] das Schicksal keine Macht mehr über dich hätte."

    Diesen Zustand der Indifferenz gegenüber dem Schicksal nennt Seneca den Geisteszustand der Gemütsruhe. (Die Griechen nannten ihn Euthymia.) Seneca beschreibt ihn wie folgt. Ganz gleich der äußerlichen Umstände sammelt sich die Seele ganz in sich selbst. Sie vertraut sich. Sie ist fröhlich und erhaben. Sie zieht ihresgleichen an und stößt ab, was ihrem Wesen fremd ist. Sie ruht im Auge des Sturmes.

    Senecas Beschreibung der Gemütsruhe erinnert an Beschreibungen von Achtsamkeit. So schreibt beispielsweise George Mumford: "The center space between stimulus and response is like the eye of a hurricane. The regular practice of mindfulness brings us back to this center space. The more we practice mindfulness, the more readily we can bring ourselves to this center space."1

    Aufgepasst: Hier treffen Stoa, Achtsamkeit und Frankl zusammen - und sie zielen auf den gleichen Ort, den "Center Space" zwischen "Stimulus und Response". Das Auge des Sturmes. Gleich welche Terminologie man aber verwendet, an diesem Ort finden sich große Schätze: Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal; Abwesenheit von Leid; Sinn und Bedeutung.

    Waren aber Viktor Frankl und Buddha Stoiker? Man könnte schließlich fragen: Wer wies eine größere Indifferenz gegenüber dem Schicksal auf als Viktor Frankl? Doch die Antwort ist: Nein, sie waren keine Stoiker. Denn die Herangehensweise, der Weg zur Seelenruhe, unterscheidet sich bei allen drei Ansatzpunkten. Während Frankl beispielsweise wenig auf das geistige "Wie" eingeht ist genau dieses "Wie" das zentrale Beschäftigungsfeld buddhistischer Achtsamkeit.

    Seneca hingegen ist ganz der Praktiker: Sein Weg zur Gemütsruhe führt uns über Handlungen. Zwar zollt auch er der Achtsamkeit Tribut, als er schreibt: "Doch wissen, daß [sic!] dies alles nicht stark genug ist für die Hüter eines unbeständigen Etwas, wenn nicht angestrengte und beständige Achtsamkeit das wankende Gemüt überwacht."[] Dennoch bleibt es bei diesem Satz. Der Rest Von der Seelenruhe widmet sich dem konkreten Lebenswandel, nicht dem inneren Leben.

    "Unsere Frage geht also dahin, wie man der Seele zu einem gleichmäßigen und heilsamen Gange verhelfen kann [...]" Die Frage geht dahin, wie wir unser Schicksal lieben lernen. Dieser Weg führt uns über die ehrliche Prüfung unserer eigenen Kräfte und Stärken, über ein Leben des Dienens, der Freundschaft, der Mäßigung, über Erheiterung, Ruhe und Rausch, bis hin zu Spaziergängen an der frischen Luft.

    Eine bestimmte Geistesübung lehrt uns Seneca außerdem: Das mentale Abschreiben. Dabei wappnet man sich geistig gegen die heftigsten Schicksalsschläge, in dem man annimmt, dass sie einen mit Gewissheit träfen. Mittels dieser Übung erzielt Seneca Indifferenz gegenüber dem Schicksal.

    Senecas Lebens zeigt uns aber, argumentiert Nassim N. Taleb, dass Seneca sich nicht nur als robust gegenüber dem Schicksal erwies, sondern antifragil. Taleb nennt dies "Senecas Hantel". Dieser machte sich nämlich, unter anderem mit der Übung des mentalen Abschreibens, emotional gleichgültig gegenüber dem Schicksal. "Antifragilität impliziert mehr Gewinn als Verlust, das heißt mehr Vorteile als Nachteile, entspricht also einer wünschenswerten Asymmetrie."2 Wer nichts zu verlieren hat, kann nur gewinnen - er ist demnach antifragil. Denn Seneca war nicht Diogenes. Er war der reichste Mann Roms. Und auch wenn er sein Vermögen betrachtete, als habe er es bereits verloren, verschenkte er es nicht und wurde zum Bettler. Er behielt es und kostete die Vorteile aus, ohne sich jedoch den Nachteilen auszusetzen, die mit Reichtum einhergehen.

    Wir können uns ähnlich verhalten, in dem wir die Vorteile der Stoa, buddhistischstämmiger Achtsamkeit und Frankls Theorie für uns nutzen, sie kombinieren, ohne uns mit den Nachteilen der jeweiligen Philosophien zu beladen. Statt der Illusion zu erliegen, man müsse dogmatisch einer Lehre folgen oder schulde einem Lehrer Loyalität als Gegenleistung für das Bereitstellen seiner Lehre, kümmern wir uns um das Wesentliche: Der Kultivierung des eigenen Geistes mithilfe der inneren Ruhe, von der hier die Rede ist. Die Ruhe im Sturm. Das Auge des Hurricans.

    Oktober 2020



    1. Mumford, G. (2016). The Mindful Athlete. Secrets to Pure Performance. Berkeley: Paralax Press. ↩︎

    2. Taleb, N. N. (2014). Antifragilität. München: btb Verlag. ↩︎

  • Mumford, G. (2016). The Mindful Athlete. Secrets to Pure Performance. Berkeley: Parallax Press.

    Vor ein paar Wochen habe ich mich in der Pause mit einem befreundeten Athleten unterhalten. Es ging um Trainingspsychologie. Genauer gesagt tauschten wir uns aus, was es mental bedeutet, Leistungssportler zu sein und jeden Tag zu trainieren, zu essen und so weiter. Er schickte mir daraufhin folgenden Post.

    "The gym is my therapy". No.

    Therapy is your therapy. The gym is just a nice way to numb some symptoms sometimes, but I [sic!] will never replace the inner work necessary.

    Peak performance is driven by longevity. Longevity is driven by physical and psychological health.
    If you want to be a superior athlete, do the inner work necessary to put yourself into a position where you perform to uplift yourself, not to keep yourself from falling apart. 1

    Wer das Training braucht, um geistige Klarheit zu erreichen, dessen mentaler Zustand ist äußerst fragil. Wie Schiller schrieb: "Es ist der Geist, der sich den Körper baut." Jemand, der aus Minderwertigkeitsgefühlen oder Angst trainiert, kommt nicht weit. Der Körper kann nur so stark werden, wie der Geist es ist - zumindest langfristig. Doch wie kann man den Geist trainieren?

    Das Inner Game macht den Unterschied zwischen einen guten Athleten und einem hevorragenden Athleten, ist auch George Mumford überzeugt. Er brachte buddhistische Ideen in den Profi-Sport, als er anfing, NBA-Stars in Achtsamkeit zu unterrichten. Zu seinen Schützlingen zählten unter anderem Kobe Bryant und Michael Jordan. Mumford war ihr mentaler Trainer - er trainierte ihren Geist.

    Mein Freund lieh mir nach unserem Gespräch Mumfords Buch The Mindflus Athlete (2016). Es enthielt wenig wirklich neues für mich, der sich mit Achtsamkeit schon auseinander gesetzt hat - und trotzdem war es eine recht lohnenswerte Lektüre. Weil ich mich verstanden fühlte und Formulierungen fand, die mir gefallen.

    Mumford hat anschauliche Worte gefunden für das, was Athleten bewegt. Er benutzt nicht die Sprache eines Achtsamkeits-Gurus; er ist Sportler. Es war angenehm ein Buch über das Inner Game zu lesen, das von einem Praktiker kommt - jemandem, für den nicht der Selbstzweck der spirituellen Praxis im Vordergrund steht, sondern der sie offen als Mittel zum Zweck betrachtet. Gerade für Männer, die sich schwer mit Meditation tun, würde ich das Buch weiterempehlen. Mumford spricht unsere Sprache.

    Oktober 2020



    1. instagram.com/p/CFXeiodAO2_/ ↩︎

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