Heuristiken für Verantwortungsübernahme

Welche Heuristiken habt ihr dafür, ob jemand Verantwortung übernimmt/nicht übernimmt?

Kommentare

  • bearbeitet 9. Oktober

    Ich halte mich da an Skin in the Game und prüfe, ob die Person von den möglichen Konsequenzen der Dinge, die sie macht/anbietet/fordert in irgendeiner Weise direkt selbst betroffen wäre, wenn sie eintreten.

    Ein typisches Negativbeispiel dafür sind Anwohner, die klagen, dass es wenig bezahlbaren Wohnraum gibt, aber Bürgerinitiativen gründen, sobald in ihrer Nähe Wohnraum geschaffen werden soll, nach dem Motto "Not in my neighborhood". Oder Eltern, die reden, wie wichtig Inklusion und Diversität seien, aber ihr Kind auf eine Schule schicken, auf die nur nichtbedinderte, biodeutsche Kinder aus der oberen bis gehobenen Mittelschicht gehen. Menschen also, bei dem es einen Widerspruch zwischen Forderung/Anspruch und Handeln gibt. Oft stammen diese Menschen aus einem ganz bestimmten Milieu …

    Ein Negativbeispiel aus der Wirtschaft sind Plattformen aller Art, bei denen ein Unternehmer anderen Menschen die Arbeit von Selbstständigen vermittelt, die arbeiten und das volle Risiko sowohl ihrer eigenen Tätigkeit als auch der Dienstleistung/des Produktes tragen, während der Unternehmer daran gut verdient und immer wieder betont, er würde "nur" die Arbeit von "selbstständigen Partnern" vermitteln und könne deshalb keine Verantwortung übernehmen. Diese unethische Geschäftspraxis reicht von Uber bis hin zu diesen ganzen Ghostwriting-Agenturen für Studenten.

  • Meinst du Allgemein? Jemanden, den man kennt? Jemanden, den man kennenlernen will? Jemanden aus der Öffentlichkeit?

  • Ein Negativbeispiel aus der Wirtschaft sind Plattformen aller Art, bei denen ein Unternehmer anderen Menschen die Arbeit von Selbstständigen vermittelt, die arbeiten und das volle Risiko sowohl ihrer eigenen Tätigkeit als auch der Dienstleistung/des Produktes tragen, während der Unternehmer daran gut verdient und immer wieder betont, er würde "nur" die Arbeit von "selbstständigen Partnern" vermitteln und könne deshalb keine Verantwortung übernehmen. Diese unethische Geschäftspraxis reicht von Uber bis hin zu diesen ganzen Ghostwriting-Agenturen für Studenten.

    Das kann ich nur bestätigen.

  • @Sascha schrieb:
    Meinst du Allgemein? Jemanden, den man kennt? Jemanden, den man kennenlernen will? Jemanden aus der Öffentlichkeit?

    Ich wollte erstmal alles sammeln, was so in den Sinn kommt. Mich interessiert das Thema erstmal nicht nur im Detail.

  • Und auch Heuristiken, um den Grad der eigenen Verantwortungsübernahme zu prüfen !

  • Ein paar Beispiele:

    1. Benutzung von Wörtern wie "Gesellschaft" und "man".
    2. Verhältnis davon, wie oft sich jemand als Ursache von Zuständen in der Welt sieht und wann er andere oder anderes dafür verantwortlich macht.
    3. Skin in the Game sehe ich nicht als Heuristik für Verantwortung, sondern eher als Heuristik für Kompetenz und moralische Integrität
    4. Ideologie als negative Heuristik (Feminismus, Nationalismus und alle Ismen). Selbstzuschreibung ist für mich eine deutliche red flag.
    5. Das Verhältnis von Wünschen/Träumen/Plänen an sich und denjenigen, zu deren Erreichung gehandelt wird.
    6. Eine weitere negative Heuristik ist die Verwestlichung und egozentrische Zweckrationalisierung von buddhistischen Elementen.
  • @Sascha schrieb:

    1. Eine weitere negative Heuristik ist die Verwestlichung und egozentrische Zweckrationalisierung von buddhistischen Elementen.

    Wie dient dir diese Heuristik im Zusammenhang mit Verantwortungsübernahme? In manchen Videos äußerst du dich ja oft negativ über die Verwestlichung buddhistischer Elemente im Zusammenhang mit "Lebe im Moment" etc.

    Lehnst du eine Übertragung buddhistischer Elemente auf die westliche Kultur grundsätzlich ab, so wie es beispielsweise im 20. Jahrhundert Shunryu Suzuki (Zen-Geist Anfänger-Geist) und seine Nachfolger in der Übertragungslinie in den USA gemacht haben? Gerade der Zen-Buddhismus ist ja schon von Anfang an immer ein Mix aus klassisch indischem Buddhismus und den Religionen/Philosphien gewesen, die er vorgefunden hat, in China Taoismus, in Japan Shintoismus.

    Und was meinst du mit "egozentrischer Zweckrationalisierung von buddhistischen Elementen" in dem Zusammenhang? So etwas wie "Ich meditiere, um besser zu arbeiten und mehr Geld zu verdienen"? Oder auch eine entweder absichtliche oder unabsichtliche egozentrische Auslegung der Karmalehre? Nach dem Motto: "Jeder kriegt, was er verdient, und das ist meistens das, was ich für richtig halte."

  • @Tobias Man kann den Buddhismus in unserem westlichen Kontext leicht für sich selbst so auslegen, dass man damit Faulheit Drückebergertum rationalisiert (sprich rechtfertigt).

  • bearbeitet 10. Oktober

    @Johannes schrieb:
    @Tobias Man kann den Buddhismus in unserem westlichen Kontext leicht für sich selbst so auslegen, dass man damit Faulheit Drückebergertum rationalisiert (sprich rechtfertigt).

    Das wurde aber auch im östlichen Kontext schon sehr ausgiebig betrieben, sogar schon zu Buddhas Leb- und Lehrzeiten ;)

  • bearbeitet 10. Oktober

    Für manche Christen gilt das auch. Gott wird's schon richten statt Gott hilft dem, der sich selbst hilft

    Ich stelle hier oft Fragen, wenn sie aus meinem Unterbewusstsein aufploppen. Dann denke ich in der Folge selber erst darüber nach. Hier ein paar der Heuristiken, die mir so eingefallen sind (ungefiltert):

    • Negativ: Benutzung von Betäubungsmitteln jeglicher Art (Pornos, Zucker, andere Drogen, Internet, Zocken usw.)
    • Negativ: Nihilismus
    • Negativ: Regeln (religiös oder eigene) stur befolgen oder unumstößliche innere Strukturen haben.
    • Positiv: Zivilcourage, auch im kleinen. Hilft jemand einer älteren Person, etwas zu schleppen. Hebt jemand Fremden Müll auf der Straße auf?
    • Positiv: Ehrlichkeit. Negativ: Lügen.
    • Positiv: Respekt und Wertschätzung gegenüber Menschen, die in Hackordnungen unter einem stehen.
    • Negativ: Attributionen von Emotionen. Damit meine ich, wenn jemand anderen Menschen die Schuld und Verantwortung an eigenen Emotionen gibt. Das beobachte ich total häufig. "XY hat mich wütend gemacht" usw.
    • Positiv: Fitness und Ernährung. Ausmaß, in dem jemand auf seinen Körper achtet. Von Sascha geklaut: Kocht eine Person ihr Essen selbst?
    • Positiv: Assertiveness
    • Positiv: Echte Selbstachtung. Das fällt mir schwer zu erklären. Es ist aber etwas, das ich intuitiv anzuwenden scheine. Man merkt einer Person an, ob die Selbstachtung echt ist oder ein aufgeblasenes Ego oder irgendetwas anderes dahinter steht, kurz: ob sie fake ist oder real. Hat eine Person echte Selbstachtung - und da halte ich mich an Jordan Peterson - kommt dies meiner Erfahrung nach daher, dass sie "ihre Last trägt".
    • Positiv: Proactivität, d.h. Ausmaß, in dem eine Person in ihrem Circle of Control und Circle of Influence arbeitet, statt sich im Circle of Concern zu verlieren. Deckt sich ein bisschen, mit deiner 5. @Sascha Siehe dazu auch "Clean Up Your Room" von Jordan Peterson. :smiley:
  • @Johannes schrieb:
    Für manche Christen gilt das auch. Gott wird's schon richten statt Gott hilft dem, der sich selbst hilft

    Ja, Faulheit und Drückebergertum sind kein kulturelles Problem, sondern ein Menschenproblem.

  • @Tobias Zur Erleuchtung gehört ganz zentral das Ziel, diese zum Wohle aller leidenden Wesen zu erlangen. Das ist eine Ausrichtung des eigenen Leben auf totalen Altruismus. Einzig die Jesusfigur ist noch archetypischer (noch grundsätzlicher) gedacht, weil hier noch die Identität mit Gott dazukommt. Aber darüber kann man ohne weiteres streiten. Die absolute Gemeinsamkeit ist der bedingungslose Altruismus.

    Daher auch das Doppelkonzept von Bodhicitta. Das zuerst kommt der Wille, anderen zu helfen. (Der ohne Kompetenz echt kacke ist)

    Gehen wir die einzelnen Aspekte meiner Heuristik durch:

    Eine weitere negative Heuristik ist die Verwestlichung (1) und egozentrische (2) Zweckrationalisierung (3) von buddhistischen Elementen.

    1. Verwestlichung meint, dass sie in der zum Versagen verurteilten Multikultur des modernen Wesens aufpropft wird. Tagsüber ist man dann Büroangesteller und macht brav beim Kaffeeklatsch mit und Abends wird dann die Pluderhose angezogen und Tibetanisch gesprochen. Oder es sind irgendwelche Hippies, die keine eigene Kultur haben oder die westlichen Kultur grundsätzlich kacke finden (aber schön natürlich die Smartphones und pünktlichen, öffentlichen Verkehrsmittel benutzen) und alles andere zu einem unharmonischen Mischmasch vermengen. Buddhismus ist dann nicht gelebt Kultur, sondern eine Art Theaterspiel, bei dem man versucht möglichst dem zu entsprechen, was man als Klischee von einem offenen Menschen hat. Oder: Man ist Manager in der Pharmaindustrie und sucht dann Frieden beim regelmäßigen Tempelretreat.
    2. Egozentrisch meint, dass sich das Individuum ins Zentrum stellt. Dabei geht es nicht zwangsläufig um Egoismus, der auch dahinter stecken kann. Eher geht es darum, zu glauben, dass man schon weiß, was sich gehört und es auch besser weiß. Selbst die Leute, die sagen, dass an es nicht besser weiß, nutzen das, um mit Stolz gefüllter Brust zu verkünden, dass sie ja voll offen und nicht festgelegt sind in ihren Ansichten. (Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie es doch sind oder später werden).
    3. Zweckrationalisierung meint, dass man Techniken wie Meditation einen Zweck unterstellt, der sich mit den eigenen deckt. Man unterstellt dem Brauch dieser Technik Vernunft, aber nicht aus Einsicht, sondern aus Arroganz, dass man schließlich die richtigen Zwecke verfolgt und hier keinen Zweifel erträgt. Rationalisierung bedeutet, dass man glaubt, diese Einsicht intellektuell zu haben, vernünftig begründen zu können und das diese weise der Begründung schon hinreicht.
  • bearbeitet 11. Oktober

    Danke für deine ausführliche Antwort.

    @Sascha schrieb:
    @Tobias Zur Erleuchtung gehört ganz zentral das Ziel, diese zum Wohle aller leidenden Wesen zu erlangen. Das ist eine Ausrichtung des eigenen Leben auf totalen Altruismus.

    Daher auch das Doppelkonzept von Bodhicitta. Das zuerst kommt der Wille, anderen zu helfen. (Der ohne Kompetenz echt kacke ist)

    Das stimmt, unter der Voraussetzung, dass man Mahayana-Buddhismus praktiziert. Im Hinayana-Buddhismus, wie er vor allem in Südostasien praktiziert wird, kann das ganz anders aussehen. Aber das ist ein sehr alter Auslegungsbattle, der letzten Endes nur den Schriftgelehrten etwas zu tun gibt und sonst niemandem etwas nutzt.

    Gehen wir die einzelnen Aspekte meiner Heuristik durch:

    Eine weitere negative Heuristik ist die Verwestlichung (1) und egozentrische (2) Zweckrationalisierung (3) von buddhistischen Elementen.

    1. Verwestlichung meint, dass sie in der zum Versagen verurteilten Multikultur des modernen Wesens aufpropft wird. Tagsüber ist man dann Büroangesteller und macht brav beim Kaffeeklatsch mit und Abends wird dann die Pluderhose angezogen und Tibetanisch gesprochen. Oder es sind irgendwelche Hippies, die keine eigene Kultur haben oder die westlichen Kultur grundsätzlich kacke finden (aber schön natürlich die Smartphones und pünktlichen, öffentlichen Verkehrsmittel benutzen) und alles andere zu einem unharmonischen Mischmasch vermengen. Buddhismus ist dann nicht gelebt Kultur, sondern eine Art Theaterspiel, bei dem man versucht möglichst dem zu entsprechen, was man als Klischee von einem offenen Menschen hat. Oder: Man ist Manager in der Pharmaindustrie und sucht dann Frieden beim regelmäßigen Tempelretreat.

    Ah ja, so was Ähnliches habe ich mir schon gedacht. Ich habe auch Probleme mit diesem Mischmasch. Aber das wird die pluderhosentragenden Büroangestelltenhippies im Tempelretreat nicht davon abhalten, Tibetanisch zu sprechen ;) Ich würde es eher "Lifestyle-Buddhismus" oder einen Lifestyle mit buddhistischen Elementen nennen als "verwestlichter Buddhismus", weil das schnell mit einem seriösen westlichen Buddhismus verwechselt werden könnte. Das gibt es aber auch in den östlichen Kulturen, gerade die Japaner scheinen sehr flexibel zu sein, was die Vermischung von Lifestyle-Elementen angeht.

    EDIT: Aus Hinayana-Sicht wäre gegen einen Lifestyle-Buddhismus übrigens gar nichts einzuwenden: Jede buddhistische Sache die man macht, aus welchen Gründen auch immer, brächte dann nämlich einen Verdienst und somit Karmapunkte.Der Pharmamanager würde dann sogar genau das Richtige machen und seine schlechten, weil leidverursachenden Handlungen auf der Arbeit ausgleichen.

    1. Zweckrationalisierung meint, dass man Techniken wie Meditation einen Zweck unterstellt, der sich mit den eigenen deckt. Man unterstellt dem Brauch dieser Technik Vernunft, aber nicht aus Einsicht, sondern aus Arroganz, dass man schließlich die richtigen Zwecke verfolgt und hier keinen Zweifel erträgt. Rationalisierung bedeutet, dass man glaubt, diese Einsicht intellektuell zu haben, vernünftig begründen zu können und das diese weise der Begründung schon hinreicht.

    Das ist auch der Grund dafür, warum ich normalerweise nicht (mehr) mit anderen über meine Meditationspraxis spreche oder auch nur darüber nachdenke, sondern mich einfach jeden Tag hinsetze und die Wand anstarre. Insbesondere in der Zenpraxis geht es ja darum, sich so weit wie möglich vom sprachgebundenen Denken in Konzepten und Kategorien zu entfernen und dann das Richtige im jeweiligen Augenblick zu machen (was dieses Richtige ist, erfährt man dann, wenn es so weit ist). Wenn man die Meditation aber behandelt wie eine Technik, die einem etwas bringen soll, und auch entsprechend darüber spricht, oder nachdenkt kommt man nicht von der Sprache weg und haftet seiner falschen Vorstellung von der Meditation an. Die Frage ist natürlich nur, ob das tragisch ist. Denn Zen ist schließlich die größte Lüge aller Zeiten und bringt nichts (Kodo Sawaki).

  • @Tobias

    Habe darüber nachgedacht, warum es eine negative Heuristik ist. Der einfache Grund ist: Altruismus wird entfernt. Korrekterweise müsste ich viel von meiner Antipathie streichen und übrig bleiben würde Folgendes:

    Die Adaption von Glauben nur zum eigenen Zwecke.

    Darunter fällt dann auch das, was ich in langer Textwand geschrieben habe.

    PS: Kannte Hinayana eigentlich nur als belächelnde Bezeichnung? ("Kleines Fahrzeug")

  • bearbeitet 4. November

    @Sascha schrieb:
    @Tobias

    Habe darüber nachgedacht, warum es eine negative Heuristik ist. Der einfache Grund ist: Altruismus wird entfernt. Korrekterweise müsste ich viel von meiner Antipathie streichen und übrig bleiben würde Folgendes:

    Die Adaption von Glauben nur zum eigenen Zwecke.

    Darunter fällt dann auch das, was ich in langer Textwand geschrieben habe.

    Finde ich gut, auch weil wir die Sache so jenseits unserer Antipathien für einen bestimmten Lebens- und Konsumstil betrachten können. Und wir finden ja auch bei Christen eine "Adaption von Glauben nur zum eigenen Zwecke". Wenn ich der Oma die Tür aufhalte, weil ich mir davon einen sicheren Platz im Himmel erhoffe, handele ich ja auch nicht altruistisch.

    PS: Kannte Hinayana eigentlich nur als belächelnde Bezeichnung? ("Kleines Fahrzeug")

    Ja, "Hinayana" bedeutet "kleines Fahrzeug". Und viele verwenden bzw. verstehen den Begriff auch eher abwertend, doch als Nichtbetroffene müssen wir das beides nicht. Für uns relevant: Hinter "Mahayana" und "Hinayana" stecken zwei grundverschiedene Auffassungen der buddhistischen Lehre und ein klassischer Auslegungsstreit mit anschließendem Schisma, wie es zu so ziemlich jeder Religion gehört. Es gibt ja nicht "den Buddhismus" an sich, sondern eher viele verschiedene Buddhismen. Zum Teil steckt in manchen Varianten noch viel Vorbuddhistisches drin, von Reinkarnationslehre, Vegetarismus und Bettelmönchtum bis hin zu tibetischer Sexmagie, taoistischer Philosophie und vielem mehr (Buddhismus kann aber auch ohne all das funktionieren). Es wird ja auch in den Religionswissenschaften immer wieder bestritten, ob der Buddhismus überhaupt eine homogene Religion ist.

    Ohne Anspruch auf religionswissenschaftliche oder buddhologische Korrektheit drücke ich den Hauptunterschied zwischen Hinayana und Mahayana einfach mal so aus: Das Fahrzeug im Hinayana ist klein, weil nur einer reinpasst. Und das Fahrzeug im Mahayana ist groß, weil alle Wesen reinpassen. Aber da steckt natürlich noch mehr dahinter (oder auch absolut gar nichts).

  • @Tobias schrieb:

    @Sascha schrieb:
    @Tobias

    Habe darüber nachgedacht, warum es eine negative Heuristik ist. Der einfache Grund ist: Altruismus wird entfernt. Korrekterweise müsste ich viel von meiner Antipathie streichen und übrig bleiben würde Folgendes:

    Die Adaption von Glauben nur zum eigenen Zwecke.

    Darunter fällt dann auch das, was ich in langer Textwand geschrieben habe.

    Finde ich gut, auch weil wir die Sache so jenseits unserer Antipathien für einen bestimmten Lebens- und Konsumstil betrachten können. Und wir finden ja auch bei Christen eine "Adaption von Glauben nur zum eigenen Zwecke". Wenn ich der Oma die Tür aufhalte, weil ich mir davon einen sicheren Platz im Himmel erhoffe, handele ich ja auch nicht altruistisch.

    1. Bei diesen Debatten würde ich jeden Whataboutism vermeiden. Es ist eine Sache, wenn man das Problem in seiner Allgemeinheit anspricht. Aber bei nahezu jeder Debatte, bei der es um identitätsstiftende Dinge geht, Ideologie oder Religion wird immer schnell auch in eine andere Richtung gedeutet. Das hilft nicht. Kritik darf ruhig für sich stehen, ohne dass man andere mit ins Boot holt.
    2. Ich will meine Antiphatien gar nicht hinter mir lassen. Ich lebe im Hier und Jetzt und die Verballhornung des Buddhismus durch moderne Hippies finde ich oberpeinlich, weil es der Anspruch eben jener Leute ist, dass sie sich genau von dem lösen, dem sie sich zugewandt haben.
    3. Ich sehe die Ähnlichkeit beider Phänomene. Sie sind aber grundverschieden. Egoismus kommt zeitlich und systematisch vor dem Altruismus. Solche Christen sind nach christlichem Verständnis eben noch nicht weit entwickelt. Nichtsdestotrotz holen sie sich keine fremde Kultur in ihr Leben, um sich von ihrer eigenen Kultur zu reinigen. Die sind einfach nur ein bisschen blöd. :smile: Das ist etwas Grundverschiedenes.

    PS: Kannte Hinayana eigentlich nur als belächelnde Bezeichnung? ("Kleines Fahrzeug")

    Ja, "Hinayana" bedeutet "kleines Fahrzeug". Und viele verwenden bzw. verstehen den Begriff auch eher abwertend, doch als Nichtbetroffene müssen wir das beides nicht. Für uns relevant: Hinter "Mahayana" und "Hinayana" stecken zwei grundverschiedene Auffassungen der buddhistischen Lehre und ein klassischer Auslegungsstreit mit anschließendem Schisma, wie es zu so ziemlich jeder Religion gehört. Es gibt ja nicht "den Buddhismus" an sich, sondern eher viele verschiedene Buddhismen. Zum Teil steckt in manchen Varianten noch viel Vorbuddhistisches drin, von Reinkarnationslehre, Vegetarismus und Bettelmönchtum bis hin zu tibetischer Sexmagie, taoistischer Philosophie und vielem mehr (Buddhismus kann aber auch ohne all das funktionieren). Es wird ja auch in den Religionswissenschaften immer wieder bestritten, ob der Buddhismus überhaupt eine homogene Religion ist.

    Meiner Grundannahme, dass Altruismus das entscheidende Element ist, folgend muss ich sehr wohl Mahayana abwertend verstehen. :smile:

    Dazu muss ich mich ja auch nicht in die Pluralismen des Buddhismus stürzen. Aber solange man Buddhas Erwachensgeschichte zu Grunde legt, kann man Altruismus als erstes Motiv nicht rauskürzen.

  • bearbeitet 5. November

    @Sascha schrieb:
    1. Bei diesen Debatten würde ich jeden Whataboutism vermeiden. Es ist eine Sache, wenn man das Problem in seiner Allgemeinheit anspricht. Aber bei nahezu jeder Debatte, bei der es um identitätsstiftende Dinge geht, Ideologie oder Religion wird immer schnell auch in eine andere Richtung gedeutet. Das hilft nicht. Kritik darf ruhig für sich stehen, ohne dass man andere mit ins Boot holt.
    2. Ich will meine Antiphatien gar nicht hinter mir lassen. Ich lebe im Hier und Jetzt und die Verballhornung des Buddhismus durch moderne Hippies finde ich oberpeinlich, weil es der Anspruch eben jener Leute ist, dass sie sich genau von dem lösen, dem sie sich zugewandt haben.
    3. Ich sehe die Ähnlichkeit beider Phänomene. Sie sind aber grundverschieden. Egoismus kommt zeitlich und systematisch vor dem Altruismus. Solche Christen sind nach christlichem Verständnis eben noch nicht weit entwickelt. Nichtsdestotrotz holen sie sich keine fremde Kultur in ihr Leben, um sich von ihrer eigenen Kultur zu reinigen. Die sind einfach nur ein bisschen blöd. :smile: Das ist etwas Grundverschiedenes.

    Ich denke, dann habe ich dich falsch verstanden, denn ich dachte, du wärst jetzt nach deiner Kurzfassung der Heuristik vom Verwenden von Glauben/Religion ohne Altruismus allgemein und nicht mehr vom Buddhismus ausgegangen. Also Verwenden von Glauben losgelöst von irgendeiner Kultur, sondern Religion an sich als Technik, um sein eigenes Leben zu optimieren und dabei nicht an andere, sondern an den eigenen Vorteil bzw. sein eigenes Seelenheil zu denken, egal, ob die Religion nun aus einer fremden oder der eigenen Kultur stammt.

    Meiner Grundannahme, dass Altruismus das entscheidende Element ist, folgend muss ich sehr wohl Mahayana abwertend verstehen. :smile:

    Dann eher Hinayana, denn das Bodhisattva-Ideal ist ein zentrales Merkmal der Mayahana-Lehre.

  • @Tobias schrieb:

    @Sascha schrieb:
    1. Bei diesen Debatten würde ich jeden Whataboutism vermeiden. Es ist eine Sache, wenn man das Problem in seiner Allgemeinheit anspricht. Aber bei nahezu jeder Debatte, bei der es um identitätsstiftende Dinge geht, Ideologie oder Religion wird immer schnell auch in eine andere Richtung gedeutet. Das hilft nicht. Kritik darf ruhig für sich stehen, ohne dass man andere mit ins Boot holt.
    2. Ich will meine Antiphatien gar nicht hinter mir lassen. Ich lebe im Hier und Jetzt und die Verballhornung des Buddhismus durch moderne Hippies finde ich oberpeinlich, weil es der Anspruch eben jener Leute ist, dass sie sich genau von dem lösen, dem sie sich zugewandt haben.
    3. Ich sehe die Ähnlichkeit beider Phänomene. Sie sind aber grundverschieden. Egoismus kommt zeitlich und systematisch vor dem Altruismus. Solche Christen sind nach christlichem Verständnis eben noch nicht weit entwickelt. Nichtsdestotrotz holen sie sich keine fremde Kultur in ihr Leben, um sich von ihrer eigenen Kultur zu reinigen. Die sind einfach nur ein bisschen blöd. :smile: Das ist etwas Grundverschiedenes.

    Ich denke, dann habe ich dich falsch verstanden, denn ich dachte, du wärst jetzt nach deiner Kurzfassung der Heuristik vom Verwenden von Glauben/Religion ohne Altruismus allgemein und nicht mehr vom Buddhismus ausgegangen. Also Verwenden von Glauben losgelöst von irgendeiner Kultur, sondern Religion an sich als Technik, um sein eigenes Leben zu optimieren und dabei nicht an andere, sondern an den eigenen Vorteil bzw. sein eigenes Seelenheil zu denken, egal, ob die Religion nun aus einer fremden oder der eigenen Kultur stammt.

    Ne. So allgemein bin ich nicht und das ist auch nicht meine Heuristik. In der Theorie stimme ich dir zu und es ist ein christ-internes Thema, wie man damit umgeht. Ist ja das klassische Pharisäerding. Aber meine Heuristik betrifft nur diese und man kann diese nicht theoretisch erweitern. Das geht nur praktisch. Wenn ich also mal regelmäßiger in einer christlichen Gemeinde bin, sage ich bescheid. :smiley:

    Wenn ich darüber nachdenke, ist mir das handeln lieber. Ich habe eine Bauchreaktion, wenn ich das Ding von den Christen lese. Aber ich glaube, im altruistischen Handeln (unabhängig von den Motiven) steckt mir schon genug Gutes für mich. Die Leute übernehmen ja nicht den Glauben, um in den Himmel zu kommen. Sie glauben und interpretieren den Glauben so, dass es darum geht, in den Himmel zu kommen und man dafür XY tun muss. Die übernehmen schon Verantwortung und müssen sie auch, weil sie daran glauben, dass nur sie dafür sorgen können, dass sie in den Himmel kommen.

    Da passt das, was Wikipedia über den tibetischen Buddhismus sagt:

    Im Buddhismus in Tibet werden die Begriffe Hinayana und Mahayana ausschließlich im Sinne der persönlichen Motivation für die Erleuchtungsbemühung genannt; sie bezeichnen komplementär die Motivation des Übenden, für sich persönlich oder zum Wohle aller Wesen die Erleuchtung zu erlangen. Erstrebenswert gilt im tibetischen Buddhismus die Haltung des Mahayana. Hinayana bleibt somit ein theoretisches Konstrukt, in dem die meisten Übenden praktisch gesprochen feststecken, denn sie sind noch nicht rein altruistisch, während sie sich dessen aber bewusst sind und nach der Vervollkommnung der Bodhichitta streben, um so tatsächlich eine mahayanistische Haltung einzunehmen. https://de.wikipedia.org/wiki/Hinayana#Der_Begriff_„Hinayana“_im_tibetischen_Buddhismus

    Das ist meiner Erfahrung nach auch im Christentum praktiziert und auch mitberücksichtigt. Schon mal besser, wenn man der Oma die Tür aufhält als nicht. Und dann geht es zum nächsten Schritt.

    Meiner Grundannahme, dass Altruismus das entscheidende Element ist, folgend muss ich sehr wohl Mahayana abwertend verstehen. :smile:

    Dann eher Hinayana, denn das Bodhisattva-Ideal ist ein zentrales Merkmal der Mayahana-Lehre.

    Ah. Jaja, natürlich. Verschrieben. :smile:

  • bearbeitet 7. November

    @Sascha schrieb:
    Wenn ich also mal regelmäßiger in einer christlichen Gemeinde bin, sage ich bescheid. :smiley:

    Mach das, gerade das Gemeindeleben ist eine Erfahrung, die jeder für sich selbst machen muss. Ich selbst habe da so ziemlich alles miterlebt, weil ich evangelikal-christlich erzogen und sozialisiert wurde. In diese Zeit habe ich so ziemlich jede Erfahrung gemacht, die man als Kind und Jugendlicher in diesen Kreisen machen kann – gute und schlechte. Am Ende habe ich mich dann davon gelöst und bin heute sehr skeptisch gegenüber allen Formen des organisierten und betreuten Denkens und Handelns sowie jeder Form von Gruppendynamik.

    Schon mal besser, wenn man der Oma die Tür aufhält als nicht. Und dann geht es zum nächsten Schritt.

    Ja, so sehe ich das auch. Die Alternative ist ja, der Oma die Tür voll in die Fresse fallen zu lassen, im Bewusstsein, das Richtige gemacht zu haben. Denn: Entweder man macht es aus vollem Herzen und aus absolut reinem Altruismus oder man lässt es ganz bleiben. Dann nimmt man eben die Verletzung des anderen in Kauf, Hauptsache man weiß, dass, theoretisch das Richtige gemacht zu haben – Gesinnungsmoral eben.

    Dann eher Hinayana, denn das Bodhisattva-Ideal ist ein zentrales Merkmal der Mayahana-Lehre.

    Ah. Jaja, natürlich. Verschrieben. :smile:

    Ich bin Klugscheißer von Beruf, da kommt so was leider sehr oft auch in meinem Alltag vor ;)

Anmelden oder Registrieren, um zu kommentieren.