Schweden - ein kleiner Reisebericht

In den letzten Jahren war ich immer mal wieder in Schweden, seit langem bin ich sehr angetan von dem Land und den Leuten.
Auch in den Osterferien war ich mit meiner Frau mal wieder dort - wir überlegen, dorthin auszuwandern und haben uns ein paar Häuser angeschaut.
Das soll jetzt kein touristischer Bericht werden.
Vor dem Hintergrund der letzten Monate war die Reise aber besonders.
Ich mag die Mentalität der Schweden, bei allen Schwächen, die sie hat, gern. Der Stereotyp des kalten Skandinaviers hat sich bei mir nie bestätigt. Die Menschen sind sicherlich nicht touchy-friendly, wie teilweise zum Beispiel Italiener, die einen dann zur Begrüßung küssen müssen, nachdem man sie zwei Tage kennt. Schweden legen eine Art reservierte Freundlichkeit an den Tag, die ich schätze. In Alltagssituationen (wenn man an der Supermarktkasse bezahlt, im Restaurant bedient wird, grundsätzlich bei Dienstleitungen) ist der Umgang freundlich und man wird viel angelächelt - das kann ich bei meiner Erfahrung hierzulande nicht behaupten.

Dieses Mal war unsere Zeit in Schweden aber auch eine Reise in eine Parallelwelt. Ich muss sagen, dass mich in den letzten Monaten seit März 20 die Gesamtsituation meistens gar nicht so sehr gestört hat, auf persönlicher Ebene. Seit Anfang des Jahres war ich aber zusehend genervter und hier und dort hat es mir doch zugesetzt. Ich bin niemand, der ständig Kaffee trinken oder im Restaurant essen war. Wie sehr mir so etwas normales aber gefehlt hat, habe ich gemerkt, als wir in Schweden waren und erst einmal in einem Restaurant zu Mittag gegessen haben. Ein Desinfektionsspender am Eingang. Keine Masken, weder bei Bedienungen, noch bei Gästen. Man hat Gesichter gesehen, Mimik erkennen können.

Solche Erfahrungen gab es in den folgenden zwei Wochen zuhauf. Im Fitnessstudio (was regulär geöffnet hatte), beim Einkaufen, im Café, im Alltag. Es war eine Erinnerung an "früher". An die Zeit vor dem "neuen Normal". Und in der Rückschau hat es mich ein bisschen erschüttert. Warum? Natürlich wusste ich auch schon vorher, dass viele Maßnahmen in Schweden nicht vorhanden oder lockerer sind. Erst im direkten Vergleich zu Schweden ist mir aber aufgefallen, dass hierzulande ein Narrativ der Alternativlosigkeit fabriziert wurde, was in der Zeit in Schweden entlarvt wurde und zusammengebrochen ist. Auch dort hat sich im alltäglichen Leben einiges geändert. Aber die Freiheiten, die hier eingeschränkt wurden, blieben dort insgesamt größteneils erhalten. Die mediale Berichterstattung dort ist und war meiner Erfahrung nach weniger von Angstmache geprägt. Die wissenschaftliche Herangehensweise wohlbedachter. Ich finde dieses Interview hier ganz gut. https://www.tagesschau.de/ausland/europa/schweden-corona-tegnell-101.html
Tatsächlich muss man feststellen, dass man in Schweden bei den Schweden viel mit Ratschlägen erreichen kann. Sie sind rücksichtsvoll. Im Supermarkt wird tatsächlich Abstand gehalten, auch wenn dafür jemand warten muss, bevor ein Gang frei ist, oder einen großen Bogen läuft. Unabhängig davon, was man davon konkret hält, ist die Fähigkeit, Rücksicht zu nehmen, sicherlich nicht das Schlechteste in einem gesellschaftlichen Umfeld.

Schweden ist sicherlich kein Paradies - es gibt auch dort zahlreiche Probleme und Gründe zur Kritik.
Im Umgang mit einer Krise lassen sich aber sehr interessante Vergleiche anstellen und mein Blick hat sich erweitert.

Auch Gespräche waren Interessant. Zum Beispiel mit dem finnisch-stämmigen ehemaligen MMA Kämpfer im Fitnessstudio. Wir kamen ins Gespräch und ich habe dann erzählt, dass hier die Studios seit nem halben Jahr geschlossen sind.

  • Ja, aber sind die Menschen dann in Deutschland nicht wütend?
  • Es ist eher so, dass in den Medien ziemlich viel Angst vor dem Virus geschürt wird.
  • Und haben die Leute Angst?
  • (musste kurz nachdenken), Ja, viele schon
  • (sinngemäß) I don´t understand that, especially in your country, where people had very bad experiences with their freedoms being taken away. (wörtlich) "People don´t understand freedom..."

Kommentare

  • Vielen Dank für Deinen Reisebericht! Leider war ich noch nicht in Schweden, will das aber noch bald nachholen & bin für Empfehlungen sehr dankbar.

    Ich kann viele deiner Gedanken gut nachvollziehen und ich mich pisst auch die Alternativlosigkeit die hier fabriziert wird richtig an.

  • @Daniel schrieb:
    Vielen Dank für Deinen Reisebericht! Leider war ich noch nicht in Schweden, will das aber noch bald nachholen & bin für Empfehlungen sehr dankbar.

    Ich kann viele deiner Gedanken gut nachvollziehen und ich mich pisst auch die Alternativlosigkeit die hier fabriziert wird richtig an.

    Schreib mir dann gern eine Nachricht, wenn es konkreter wird. Für Stockholm kann ich einige Tipps geben, und ansonsten kommt es ein bisschen darauf an, wo du genau hinfahren möchtest.

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