Nutzen von Anstrengung/Disziplin

bearbeitet 2. April in Ruhe und Kognition

Als ich meine „Selfimprovement-Karriere“ nochmal Revue passieren lassen habe ist mir aufgefallen, dass alle Anpassungen meines Lebenswandels, welche zu einer langfristigen Verbesserung geführt haben, von mir keine Disziplin erforderten, weswegen ich mich zurzeit Frage, ob Disziplin überhaupt eine gute Sache ist. In diesem Thread möchte ich mal meine Sichtweise dazu darlegen.

Zuerst ein paar Worte zu meiner Auffassung von Disziplin. Ich sehe es so, wie @Jessy es in @Dominiques Thread zu den Nebenwirkungen beschrieben hat. Disziplin ist die, trotz fehlender oder sinkender Motivation, konsequente Umsetzung einer Entscheidung, um ein Ziel zu erreichen. Disziplin ist für mich also mit Anstrengung verbunden. Ich habe mal Google diesbezüglich gefragt und bekam folgende Definition: „das Beherrschen des eigenen Willens, der eigenen Gefühle und Neigungen, um etwas zu erreichen“. Klingt für mich danach entgegen seinen Gefühlen und Neigungen zu agieren und damit auch nach Anstrengung.

Nun komme ich erstmal zum Thema Anstrengung. Ich höre persönlich immer wieder, dass man sich doch bitte mal anstrengen soll, um eine gute Leistung abzuliefern bzw. ein Ziel zu erreichen. Dazu schauen wir uns mal das Pareto-Prinzip an, was hier wahrscheinlich allen geläufig ist. Dieses besagt ja, dass 80% des Ergebnisses mit 20 % des Aufwands erreicht werden können. Zur Visualisierung hier mal ein Graph, der den Zusammenhang zwischen Aufwand und Ertrag darstellt. Ob das wirklich der Fall ist, kann man sicherlich in Frage stellen. Allerdings sollte dieser Graph nah an der Realität und damit zur Veranschaulichung vollkommen in Ordnung sein. Die x-Achse gibt den Aufwand, welchen ich für eine Sache betreiben kann, in Prozent an, und die y-Achse den Ertrag in Prozent, gemessen an meinem persönlichen Potential.

Wenn ich mir diesen Zusammenhang anschaue frage ich mich, wieso so unglaublich viele Menschen jemandem dazu raten bzw. jemanden dazu auffordern sich anzustrengen. Auch 50% zu geben hat für mich überhaupt nichts mit Anstrengung zu tun, und nach diesem Graph erreiche ich damit bereits 98% von dem was möglich ist. Auch die Erfahrung zeigt bei mir immer wieder, dass Anstrengung nicht zu einer besseren Leistung führt. Ein weiterer Nachteil ist, dass ich Willenskraft aufwenden muss, welche nur begrenzt zur Verfügung steht. Kann man diese eigentlich überhaupt trainieren? Zurzeit scheint mir Willenskraft eine wichtige Ressource zu sein, welche nicht leichtfertig verbraucht werden sollte. Es läuft nun mal nicht immer alles nach Plan, und wenn ich aufgrund meiner Anstrengungen bereits einen Großteil oder vielleicht auch meine gesamte Willenskraft aufbrauche, wird mein Umgang mit diesen Unwägbarkeiten schlecht sein.

Aus meiner jetzigen Sicht macht es nur Sinn in Systemen zu denken und durch eine Verbesserung des Systems seine Leistungen zu verbessern. Als Beispiel nehmen wir mal einen Typen, der seit mehreren Jahren regelmäßig trainiert, ausreichend isst und schläft, aber nicht jedes Detail auf die Goldwaage legt. Sein Potential mit seinem jetzigen System beträgt bei der Kniebeuge 120 kg für x Wiederholungen. Das weiß dieser Typ natürlich nicht. Mit dem Aufwand, welchen er zurzeit betreibt, ist er in der Lage mit 115 kg diese x Wiederholungen zu bewältigen. Nachfolgend der dazugehörige Graph.

Jetzt packt ihn der Ehrgeiz und er möchte wissen, was für ihn möglich ist. Dafür liest er sich die Rübe matschig und optimiert sein Training bis ins letzte Detail. Trotz seines großen Aufwands sind die Fortschritte winzig. Nach mehreren Wochen ist er lediglich in der Lage zusätzlich 2,5 kg bei gleichbleibender Wiederholungszahl zu beugen. Nach weiteren Monaten kann er wieder ein zusätzliches Kilogramm verbuchen und anschließend scheint es überhaupt nicht mehr vorwärts zu gehen.

Jetzt sind wir hier ja größtenteils paleogeschädigt, weswegen ich mir mal das böse Gluten greife. Der Typ stellt fest, dass er eine Glutenunverträglichkeit/-sensitivität hat. Der Verzehr von Gluten mindert also sein Potential. Daraufhin streicht er dieses aus seiner Ernährung und es ergibt sich folgender Graph für ihn.

Auf einmal kann er mit Leichtigkeit sein Plateau brechen und muss sich dafür eben nicht anstrengen und diszipliniert seinen ausgeklügelten Trainingsplan einhalten. Der Ausschluss eines Antinährstoffs reicht dafür vollkommen aus. Man könnte jetzt natürlich anführen, dass er diszipliniert Gluten meiden muss. Aber sollte die wesentlich bessere Leistungsfähigkeit nicht motivierend genug sein, sodass Disziplin, wie ich sie am Anfang beschrieben habe, nicht notwendig ist?

Dieses Prinzip lässt sich auch auf andere Lebensbereiche übertragen, bei denen sich der Fortschritt nicht so einfach quantitativ festhalten lässt. Eine Optimierung des Systems resultiert aber immer in einer signifikanten, spürbaren Verbesserung des jeweiligen Lebensbereichs. Das Problem ist die Ursache auszumachen, welche auch in einem völlig anderen Lebensbereich liegen kann. Hat das eigene System nun mehrere Schwachstellen, welche auch noch miteinander wechselwirken, steigt die Komplexität des Problems weiter an. Lösen lässt sich dieses Problem nur, indem ständig Neues ausprobiert und darüber reflektiert wird. Zusammenfassend kann man schreiben:

  1. Wer sich anstrengt, verstrickt sich in Details. Dadurch behindert sich derjenige selbst die wahre Ursache ausfindig zu machen.
  2. Es ist schwer, es sich einfach zu machen.

Ich hoffe, ich konnte meine Sichtweise gut rüberbringen. Wie ist eure Meinung dazu? Habt ihr dieselben Erfahrungen gemacht, oder denkt ihr, dass Disziplin seine Berechtigung hat? Oder ist das hier vielleicht sogar ein ziemlicher no-brainer gewesen? Ich muss ja mal gestehen, dass ich Saschas Buch noch nicht gelesen habe (Asche auf mein Haupt).

Kommentare

  • @Alex schrieb: Der Ausschluss eines Antinährstoffs reicht dafür vollkommen aus. Man könnte jetzt natürlich anführen, dass er diszipliniert Gluten meiden muss. Aber sollte die wesentlich bessere Leistungsfähigkeit nicht motivierend genug sein, sodass Disziplin, wie ich sie am Anfang beschrieben habe, nicht notwendig ist?

    Genau das ist für mich Disziplin: Im Augenblick - konfrontiert mit Ablenkungen - im Bewusstsein der Konsequenzen das Wesentliche, Langfristige wählen, statt das Kurzfristige. Disziplin ist demnach die Widerstandsfähigkeit gegenüber Ablenkungen.

    Zum "Pareto": Die 80/20-Regel ist nützlich, um Energie effizient zu verteilen. Schlau ist es deshalb, Energie u. Willenskraft an den richtigen, entscheidenden Stellen zu investieren. Es kommt also auf das Ziel an, ob (übermäßige) Anstrengung nun nützlich ist oder nicht.

    Im Prinzip des Abnehmendes Ertrags liegt übrigens auch Gutes: Beharrlichkeit und Anstrengung edelt Geist und Seele und in Meisterschaft liegt viel Bedeutung verborgen, die nur demjenigen zustehen, der am Ball bleibt. Die Suche nach Flaschenhälsen ist so oder wichtig. In deinem Beispiel mit dem Gluten ist es via negativa.

    Ich denke also folgendermaßen: Es ist eine Frage der Balance - nicht schwarz/weiß. Am besten lebt man soweit möglich ohne ständige Notwendigkeit zur Disziplin (u.a. durch Environmental Design). Wird es dann mal nötig, das Schwert der Disziplin zu ziehen, ist die Klinge scharf. Energie investiert man konzentriert (gebündelt) an den strategisch entscheidenden Stellen: Wo man Meisterschaft erlangen will scheut man das Prinzip des Abnehmenden Ertrags nicht; an anderen Stellen identifiziert man die 20%.

  • @Johannes schrieb:

    @Alex schrieb: Der Ausschluss eines Antinährstoffs reicht dafür vollkommen aus. Man könnte jetzt natürlich anführen, dass er diszipliniert Gluten meiden muss. Aber sollte die wesentlich bessere Leistungsfähigkeit nicht motivierend genug sein, sodass Disziplin, wie ich sie am Anfang beschrieben habe, nicht notwendig ist?

    Genau das ist für mich Disziplin: Im Augenblick - konfrontiert mit Ablenkungen - im Bewusstsein der Konsequenzen das Wesentliche, Langfristige wählen, statt das Kurzfristige. Disziplin ist demnach die Widerstandsfähigkeit gegenüber Ablenkungen.

    Zum "Pareto": Die 80/20-Regel ist nützlich, um Energie effizient zu verteilen. Schlau ist es deshalb, Energie u. Willenskraft an den richtigen, entscheidenden Stellen zu investieren. Es kommt also auf das Ziel an, ob (übermäßige) Anstrengung nun nützlich ist oder nicht.

    Im Prinzip des Abnehmendes Ertrags liegt übrigens auch Gutes: Beharrlichkeit und Anstrengung edelt Geist und Seele und in Meisterschaft liegt viel Bedeutung verborgen, die nur demjenigen zustehen, der am Ball bleibt. Die Suche nach Flaschenhälsen ist so oder wichtig. In deinem Beispiel mit dem Gluten ist es via negativa.

    Ich denke also folgendermaßen: Es ist eine Frage der Balance - nicht schwarz/weiß. Am besten lebt man soweit möglich ohne ständige Notwendigkeit zur Disziplin (u.a. durch Environmental Design). Wird es dann mal nötig, das Schwert der Disziplin zu ziehen, ist die Klinge scharf. Energie investiert man konzentriert (gebündelt) an den strategisch entscheidenden Stellen: Wo man Meisterschaft erlangen will scheut man das Prinzip des Abnehmenden Ertrags nicht; an anderen Stellen identifiziert man die 20%.

    Meine Frage dazu, wie schärfe ich das Schwert der Disziplin?
    Wenn ich den ganzen Tag ohne Disziplin auskomme (durch z.B. optimierte Lernumgebung), dann trainiere ich diese nicht. Stumpft dann das Schwert ab und ist stumpf wenn ich es nach langer Zeit benötige?

  • Im Moment scheint mir mein Gedankengang einige Schwächen zu beinhalten und ein paar Annahmen von meiner Seite waren falsch. So richtig glücklich bin ich mit der Ausführung nicht. Ich denke mal bei Gelegenheit erneut darüber nach und nehme später einen zweiten Anlauf.

    @Johannes Ich beschreibe deine Sicht nochmal mit eigenen Worten und Stelle ein paar weitere Fragen, damit wir auf einen Nenner kommen.

    Jede Konfrontation mit kurzfristiger Befriedigung erfordert Disziplin und verbraucht Willenskraft, um ein langfristiges Ziel weiter zu verfolgen. Außerdem hast du geschrieben, dass Disziplin die Widerstandsfähigkeit gegenüber Ablenkung ist. Mit Anstrengung ist Disziplin auch verbunden, wenn ich das richtig aufgefasst habe. Würdest du die folgenden Aussagen unterschreiben?

    • Willenskraft ist die zur Verfügung stehende Kapazität, um Ablenkungen zu widerstehen.
    • Die Disziplin, welche man aufbringen kann, sinkt, wenn Willenskraft verbraucht wird.
    • Die Anstrengung, welche notwendig ist, um einer Ablenkung zu widerstehen, steigt mit sinkender Willenskraft.
  • Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass andauernde Disziplin zu Verschleiß und Betriebsblindheit führt. Anstatt den klügeren Weg zu gehen, halte ich an einer Götze fest, die es sich zu anbeten wenig lohnt, wenn ich schnell zu meinem Ziel kommen möchte. Das soll nicht bedeuten, dass ich finde, dass Disziplin nie das richtige Instrument ist.

    Ich würde dem Ganzen gerne noch eine neue Facette hinzufügen. Und zwar finde ich die Ressourcenperspektive auf das Thema sehr interessant. Bin ich in einem sturen Ochsenmodus und ziehe die Aufgaben einfach durch (Disziplin), habe ich Zugriff auf ganz andere Mittel zur Problembewältigung (kurzfristig gesteigertes Durchhaltevermögen auf Kosten der Willenskraft, Fokussiertheit usw.), als in einem weniger verbissenen Modus. Gehe ich an eine Sache jedoch mit weniger Disziplin und einem eher "spielerischen" Mindset heran, habe ich unter Umständen zwar weniger Fokus, jedoch mehr kreative Ressourcen zur Problemlösung und mehr Durchhaltevermögen auf die lange Distanz. Das wäre in dem Beispiel der Herr, der anstatt stur zu pumpen, mit Gluten herumexperimentiert.

    Ich halte es also wie Johannes: das richtige Werkzeug zur richtigen Zeit einsetzen. Wer immer und überall nur den Hammer benutzt, hat Probleme, eine Glühbirne in die Fassung zu drehen.

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