Fast barzt es schon wieder | ME Improved

bearbeitet 31. August in Projekt: ME-Improved

Fast barzt es schon wieder | ME Improved

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Kommentare

  • @Sascha

    Ich habe einige Gedanken zum Thema "Der Mensch hält mehr aus, als man denkt" (ich paraphrasiere) ca. ab 1:58 im Video.
    Meiner Meinung nach ist es ein sehr großer Unterschied, ob ein Mensch sich freiwillig in eine Extremsituation begibt, oder situativ einfach in eine solche Situation hinein gerät. Ich halte es darum auch unangemessen, den Vergleich Übertraining(freiwillig) mit Gulag anzustellen.
    Ich stimme zu, dass wir uns zu wenig fordern, dass wir mehr aushalten, als wir oftmals denken, dass es auch gut ist, freiwillig Unbequemlichkeit und Schmerz zu ertragen, freiwillig härte zu spüren.

    Angesichts der Tatsache, dass "das Böse" (hier im Sinne von KZ, Gulag, Völkermord usw) eine Konstante in der Geschichte der Menschheit ist und einige Individuen aus Leid und Schmerz lernen konnten und das Gelernte mit anderen Menschen teilen konnten (Frankl z.B.) darf man dennoch nicht vergessen, wie sich Trauma und Leid, die in Notsituationen entstanden sind, fortpflanzen. Ich vermute, dass auf einen Frankl sehr viele Menschen kommen, die das Trauma nicht überwinden können. Das ist insbesondere bei KZ-Überlebenden ja zahlreich und gut dokumentiert. Haben diese Menschen dann Kinder, geben sie einen Teil ihrer leidvollen Erfahrungen weiter, bewusst oder unbewusst. Ja, auch ich meine, dass der Mensch grundsätzlich verantwortlich ist für sein Leben, aber nicht komplett bedingungslos. Ich meine, dass Menschen auch gebrochen werden können und der Punkt erreicht werden kann, wo ein Trauma nicht mehr, oder nicht mehr ohne Hilfe von außen, überwunden werden kann. Das ist meiner Meinung nach auch keine moderne Erscheinung, sondern das hat der Mensch schon immer durch seine Möglichkeit zum Bösen schaffen können.

    Insbesondere Kinder leiden unter tendenziell traumatischen Situationen häufig bis ins Erwachsenenalter. Forschungen am ACE (adverse childhood experiences) Score zeigen mehr als deutlich, dass ein hoher Score klar mit schweren Krankheiten im Erwachsenenalter korreliert. Der vermutete Mechanismus hier ist, dass ACEs zu chronischem Stress führt, der sich wiederum zumindest beim Kind unmittelbar auf die Gehirn-Plastizität auswirkt. Beobachtet wird auch, dass es natürlich auch bei Kindern resilientere und weniger resiliente Individuen gibt, was mutmaßlich an der Ausprägung eines Serotonin-Transporter-Gens (das eine Rolle bei der Stressverarbeitung spielt) liegt. Quellen habe ich nicht zur Hand, reiche ich aber bei Bedarf nach. Möglicherweise ist es also doch so, dass ein Mensch manchmal "nichts dafür kann", wenn er unter solchen Situationen leidet. Natürlich ist auch ein so leidender Mensch verantwortlich für sein Leben. Aber aus einem solchen Kreislauf des Leides auszubrechen ist sehr unwahrscheinlich, zumal man bedenken muss, dass gerade bei kindlichen traumatischen Erfahrungen der Zusammenhang mit schweren Krankheiten in Jugend und Erwachsenenalter oft unerkannt bleibt.

    Ich fand das also etwas zu undifferenziert, wobei ich Teilen des Gedankenganges zustimme.

  • bearbeitet 14. September

    @Jost schrieb: Meiner Meinung nach ist es ein sehr großer Unterschied, ob ein Mensch sich freiwillig in eine Extremsituation begibt, oder situativ einfach in eine solche Situation hinein gerät.

    Das ist eine These, mit der ich mich schon länger herumschlage. Und ich glaube auch, dass es einen großen Unterschied macht. Beziehungsweise glaube ich präziser, dass es einen gravierenden Unterschied gibt, ob man sich selbst Schmerzen zufügt, oder ob man in Schmerzen hinein gerät. Ausdauertraining daheim oder die Eistonne ist eine Form, sich selbst Schmerzen zuzufügen, weil man es jederzeit abbrechen könnte. (Das ist meiner Erfahrung nach dann auch ein Großteil der Gedanken, die man bekommt, wenn man dabei Grenzen überschreitet - eben Gedanken ans Aufhören. Man rationalisiert und der Geist unternimmt kreativste Versuche, sich zu drücken.) Man kann sich auch selbst in Extremsituationen begeben, aus denen man nicht mehr fliehen kann. Das ist dann auch schon wieder ein anderes Game.

    Es macht jedenfalls etwas mit dir, wenn du dich selbst quälst; es macht etwas mit dir, wenn andere dich quälen. Ich vermute, teilweise passieren ähnliche Dinge, aber teilweise auch unterschiedliche. Wer sich selbst quält, muss sich mit der eigenen Qual und sich selbst als Peiniger auseinandersetzen. Wer von anderen gequält wird, hat sicherliche andere intrapsychische Probleme zu bewältigen. Darüber authentisch zu schreiben fehlt mir die Perspektive, weil ich wenig Erfahrung damit habe. (Ich habe zwar einige Extremsituationen erlebt, aber das waren Situationen, die zufällig aufgetreten sind und die ich deshalb nicht für langfristige Untersuchungen meines Bewusstseins benutzen konnte.)

    Der Wille zum Schmerz ist selten. Und ich denke, das liegt nicht nur (auch, aber nicht nur) daran, dass Schmerz unangenehm ist. Sondern eben auch, dass es unnatürlich ist, sich selbst Schmerzen zuzufügen.

    In einigen Situationen ist es ganz unnatürlich, sich selbst zu quälen. Früher musste ein Mensch nicht fasten, nicht trainieren, nicht sich selbst Schmerzen aussetzen. All seine Kraft war darauf ausgerichtet, eben das zu vermeiden. Das machte sein Leben - aus unserer seltsamen modernen Perspektive betrachtet - einfach. Und auch wenn (oder gerade weil?) es eher widernatürlich ist, denke ich, dass ganz besondere Prozesse und infolgedessen Anpassungen auf denjenige, wartet, der bereit ist, sich selbst zu quälen.

    Wer sich selbst quält, ist besser vorbereitet auf Qual im Allgemeinen (gegeben den Fall er durchläuft den Prozess bewusst). Wer noch nie gelitten hat, ist schlecht darin. Zwar wird die Tendenz zum Tune-in oder Tune-out manchmal als Persönlichkeiteigenschaft beschrieben, aber ich glaube, dass Übung hier ganz viel leisten kann.

    Und wer sich selbst quält bekommt die Möglichkeit, sich ganz tief selbst zu erfahren. Es ist schwer sich selbst zu quälen - und es ist überproportional lohnenswert. Wer sich selbst quält, kann seine Seelenruhe gewinnen. Aber er kann sich auch selbst hassen lernen. Wer es trotzdem wagt, hat viel zu gewinnen. Ich vermute, ich werde mein Leben lang von meinem Willensexperiment zehren (Damit meine ich in diesem Kontext eine lange Phase intensiver Belastung durch mich selbst). @Sascha Wie schäzt du das bei dir ein? Ich sehe es jedenfalls so: Es gab mein Leben davor, und es gibt mein Leben danach. Und das sind qualitativ gänzlich unterschiedliche Leben.

    Natürlich kann es auch schiefgehen. Trauma ist real. Ein Nachteil der Selbstqual ist, dass man sein Potential nie derart ausschöpfen wird, wie man es könnte, wenn man in eine Extremsituation hineingerät. Ein Vorteil ist aber, dass man selbst dosieren kann.

    Meine Meinung zum Weiteren, was du @Jost angesprochen hast, z.B. dem Vergleich zum Gulag steht hier. Männer können brechen. Dies ist kein Ort für eine bedingungslose "work hard"-Mentalität. Aber mit etwas Fingerspitzengefühl ist ganz viel zu holen.

    Edit: Ich denke zusammenfassend also auch, dass sich Gulag und Willensexperiment nicht vergleichen lassen. Beim Willensexperiment lässt sich bei geringem Risiko viel gewinnen. Das ist ein vorteilhaftes Angebot.

  • @Jost schrieb:
    @Sascha

    Ich habe einige Gedanken zum Thema "Der Mensch hält mehr aus, als man denkt" (ich paraphrasiere) ca. ab 1:58 im Video.
    Meiner Meinung nach ist es ein sehr großer Unterschied, ob ein Mensch sich freiwillig in eine Extremsituation begibt, oder situativ einfach in eine solche Situation hinein gerät. Ich halte es darum auch unangemessen, den Vergleich Übertraining(freiwillig) mit Gulag anzustellen.
    Ich stimme zu, dass wir uns zu wenig fordern, dass wir mehr aushalten, als wir oftmals denken, dass es auch gut ist, freiwillig Unbequemlichkeit und Schmerz zu ertragen, freiwillig härte zu spüren.

    Sehe das auch so wie Jost, hat hier der Part der Kontextualisierung gefehlt?
    Ich hatte schonmal eine ähnliche Frage im Forum gestellt worauf die Antwort kam, dass ich ein stärkeres "Warum?" brauche.

    Mehr Potential abrufen in Situationen wo der äußere Druck (Angst zu versagen, Angst Arbeitskollegen zu enttäuschen etc.) nicht hoch genug ist.
    => Sinntechniken um Potential abzurufen (im Stream wurde Flow als eine Sinntechnik erwähnt). Eine weitere Technik wäre sich die positiven Folgen wenn man die Ziele erreicht aufzuschreiben und im gleichen Zug auch die negativen Folgen aufzuschreiben wenn man die Ziele nicht erreicht. Das ganze habe ich schon öfters von Jordan Peterson gehört und werde das ganze mal ausprobieren :smile:
    Ansonsten habe ich die Frage auch im Q&A für die Persönlichkeitsentwicklung gestellt.
    https://forum.me-improved.de/discussion/287/q-a-selbstentwicklung#latest

    Auf jeden Fall nochmal ein fettes Dankeschön an @Sascha und @Joseph_Bartz . Ich fand das Gespräch extrem spannend, vor allen weil es so scheint das ihr euch oft beim Ziel einig seid, aber dieses Ziel auf unterschiedliche Arten erreicht. Gerne öfters so welche Gespräche (vielleicht auch einfach als Stream) wo ihr euch über verschiedenste Themen austauscht :smile: .

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