Hegel und die Dialektik

250 Jahre Hegel feierte die Wochenzeitung Zeit am 06. August. Zitat:
"Er glaubte, dass ein Weltgeist die Geschichte der Menschen zum Besseren vorantreibt. Aber wo ist dieser Geist jetzt?"
Jetzt mal langsam:
In der Methode der Dialektik entdeckte er ein universelles Instrument, sich die Realität zugänglich zu machen: Indem alles als im Fluss begriffen wird, als ein Werden, bekommen alle Kategorien des Denkens einen anderen Charakter: den eines Durchgangsstadiums. Das Besondere muss im Lichte des Allgemeinen betrachtet werden, eine Negation erzeugt die nächste, den Prozess des Denkens - der wiederum die Welt konstituiert und damit steuert - wollte HEGEL begreiflich machen: als auf eine dem Absoluten zusteuernde Totalität.
Und auch GOETHE wusste schon:
"Alles, was entsteht, ist Wert,
dass es zugrunde geht"

Habt ihr euch auch schon mal mit diesen Gedanken beschäftigt? Ich fühle mich in vielerlei Hinsicht erinnert an buddhistische und indische Tradition (Sorry, bin da für genauere Angaben leider zu unbelesen). Die Idee, dass sich eine Realität erst manifestiert, nachdem wir sie uns bereits vorgestellt haben, scheint mir in vielen religiösen oder lebenswandlerischen Millieus vertreten zu sein. Und auch in wissenschaftstheoretischer Hinsicht stößt man meines Erachtens nach oft an den Punkt, wo Ursache und Wirkung möglicherweise garnicht haarscharf von einander zu trennen sind, was eben bedeutet, sie als dialektisch, als in Bewegung befindlich begreifen zu müssen. Bei der Quanten-Theorie bin ich leider komplett raus, aber mein Eindruck ist, dass es sich auch hier gewissermaßen "bewahrheiten" könnte.

Gleichzeitig hat der Gedanke etwas unbefriedigendes: Ist dann Schmerz nur eine Einbildung, Hunger ein Konstrukt, das Leid nur in meinem Kopf? Kann ich das wirklich glauben? Und gibt es nicht immer eine Außenwelt, die mich beeinflusst, in was und wie ich in meinem Inneren denke (Stichwort z.Bsp.: Framing)

HORKHEIMER begriff diese Schlussfolgerungen Hegels als "persönlicher Friedensschluss [...] mit einer unmenschlichen Welt." Auch mir kam mein Universitätsdozent bemitleidenswert idealistisch vor, wenn er davon schwadronierte, dass der Weltgeist der Geschichte die EU immer größer werden lassen würde und am Ende sowieso ein großer Weltstaat stünde.
Auch der Zeit-Korrespendent sieht eine BLM-Portestlerin, die jüngst bei Protest im Sattel saß, als "Weltgeist zu Pferde", wie einst Napoleon von HEGEL selbst bezeichnet wurde.

Doch diese "Würdigung" wird dem alten Hegel nicht gerecht, wie ich finde, denn es ist weniger der Inhalt als vielmehr seine Methode der Logik, die interessieren sollte und unabhängig von der Frage nach ihrem idealistischen Geahlt ist: Das Nachdenken über das Denken selbst. Das Prüfens eines Gedanken anhand des Mitmachens der Zwänge, die er mit sich führt. Ob und inwiefern die Bewegungen, die ein Gedanke enthält, überhaupt durchführbar sind. Mein Forschungsprozess läuft hier noch, ich freue mich über Gedankenanstöße hierzu!

Also:
Wie denkt ihr über die Welt? Würdet ihr euch eher als Materialisten oder Idealisten verstehen? Wieviel passiert nur in unseren Köpfen, leben wir vielleicht sogar in der Matrix?
Und was haltet ihr von der Dialektik als wissenschaftlicher Methode?

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