Der Kern der Anhaftung/ Nicht Hingabe zum Verständnis des Leidens

Ich hatte mir vor ein paar Tagen die Frage notiert, was die Ursache von Anhaftung ist, um den Vorgang der Anhaftung besser zu verstehen. Ich möchte mein Verständnis vertiefen.

Im Buddhismus heißt es, dass alles Leiden durch Anhaftung entsteht. In vielen anderen Religionen spricht man von Hingabe an Gott. Für mich sind das beides gleiche Erkenntnisse. Warum das so ist, kann ich erklären, falls das Jemand wünscht.

Leiden entsteht also durch Anhaftung, was ist aber die Ursache von Anhaftung?

Nicht anzuhaften bedeutet natürlich keine Askese. Das wäre ein primitives Verständnis von Anhaftung.
Eher geht es, so meine Meinung, um etwas Psychologisches. Etwas, dass durch Unwissenheit entsteht (Avidya im Sanskrit), also durch spirituelle Unwissenheit.

Ich versuche zu verstehen, was mit Anhaftung gemeint ist und meine Annahme ist, dass es mit Kontrolle zu tun hat. Immer wenn ich einer Situation meiden möchte, weil ich vor unangenehmen Gefühlen flüchte, dann hat das mit Kontrolle und mit nicht-Hingabe zu tun. Das bedeutet natürlich nicht, so habe ich das auch früher gedacht, mit allem einverstanden zu sein. Es heißt aber, die Realität so zu sehen, wie sie ist und dementsprechend zu handeln.

Aber wenn ich vor unangenehmen Situationen Flüchte, warum hat das damit zu tun, dass ich die Realität nicht so sehe, wie sie ist? Ich denke die Antwort ist, dass ich mich von meiner Reaktivität lenken lasse, also von meinem Karma, anstatt die Situation so zu sehen, wie sie eben gerade stattfindet. Im Endeffekt bedeutet das, dass ich denke, dass ich eine Person bin, die schon geformt ist und denkt, dass dieses ''Ich'' etwas festes wäre (damit einhergehende Glaubenssätze könnten sein, dass ich nicht gut genug bin und daher flüchte, um nicht abgelehnt zu werden). Natürlich bedeutet das nicht, dass wir ein ''blank slate'' sind, wie es im Buch von Steven Pinker ''The blank slate'' heißt. Jeder hat sein Temperament, seine Meinungen, sein Weltbild usw. Wenn ich aber vor einer Situation flüchte, dann erhalte ich meine vorgefasste Meinung von mir und der Welt aufrecht.

Das ist natürlich ein kompliziertes Konzept und man kann es nicht mit einmal Verstehen. Es geht auch eher darum, dass von seiner eigenen Perspektive, also als Subjekt, zu erkennen. Daher wird immer die Praxis der Meditation als essentielle Übung empfohlen, um seine eigene Unwissenheit zu erkennen.

Macht das Sinn, was ich schreibe? Ist die Ursache der Anhaftung also Kontrolle? Und warum entsteht Kontrolle? Der Hirnstamm ist für die Aufrechterhaltung und die Fortpflanzung zuständig. Es kümmert sich nur um sich und das, was es mit sich selber assoziiert (Ich, mein, mir). Der Wunsch nach Kontrolle könnte von dem Wunsch stammen, von dieser Ebene des Hirnstamms gelenkt zu werden, anstatt dass man die primitiven Wünsche nach Aufrechterhaltung und Vermehrung/Vergrößerung transzendiert und sieht, dass es um etwas Größeres geht, als nur um einen Selber bzw. das man Teil von etwas größerem ist.

Kommentare

  • Das Problem der Überlegungen ist, dass es zu abstrakt ist. Eine einfache Frage wäre: Was produziert das Leiden, wenn ich jemandem mit Anlauf in die Eier trete? Woran haftet er an? Man könnte das theoretisieren und irgendwann darauf kommen, dass er noch an seine irdischen Existenz oder seinem Kinderwunsch oder ähnlichem anhaftet.

    Aber mit diesem spirituellen theoretisieren kommt man nicht weiter, wenn man einfach nur nachdenkt. Das Leiden und der Tritt in die Eier sind so trivial und doch muss die spirituelle Antwort einen halben Roman lang sein, damit ein so einfaches Problem erklärt ist.

    Weiser (spiritueller?) ist es, sich so wenig spirituelle Gedanken zu machen wie möglich. Dann schießt du nämlich nicht mit Kanonen auf Spatzen. Hätte Buddha den Spruch gemacht, würde er als weise gelten. :wink:

  • Du hast mich jetzt davor bewahrt, meine Persona/ mein Ego zu spiritualisieren :o :D

    Das was du schreibst ist eine wichtige Lektion, die ich auch vor langer Zeit lernen musste.
    Scheinheiligkeit ist das Problem, mit den viele Leute, die der Esoterik Szene, oder New Age Szene, verfallen, enden.

    In vielen Zen Büchern liest man, dass das tägliche Leben die Praxis ist und ich denke, dass diese Erkenntnis die Wahrheit echter Spiritualität ist.

  • bearbeitet 14. Mai

    Ich glaube, viel hilfreicher sind ganz konkrete Übungen. Dabei muss man als Ziele auch nicht so überabstrakte Begriffe wie Anhaftung und Ähnliches benutzen. Ich persönlich schalte bei solchen Begriffen schnell ab. Fast immer, wenn ich diese gelesen habe, kamen die von Leuten, die weder was vorzuweisen hatten oder nur Kauderwelsch geschrieben haben. Das erinnert mich an eine Tagung zum Thema Systemtheorie, die ich besucht habe. Ein Vortrag war 90 Minuten lang nur verwirrtes Gelaber, aber die Teilnehmer haben brav applaudiert und später wurde Kaffee getrunken.

    Es gibt eine ganz einfache Übung, die jeder machen kann: Man suche sich eine Strecke aus, die relativ monoton ist. Man könnte auch eine 400m Bahn verwenden. Dann gehe 6 Stunden lang, ohne Essen, Trinken, Reden und jeder anderen Tätigkeit diese Strecke. Keine weiteren Vorgaben. Wer es wirklich wissen will, packt sich Ohropax rein (dann bleiben die aber auch drin).

    Die meisten Menschen werden eine lange anhaltende Veränderung erfahren. Man braucht keine Nirvana-Theorie, keinen Buddha und keinen Herrn Jesus Christus. (Auch wenn man nach einer ganzen Reihe von solchen Übungen eher geneigt ist, diesen Leuten Glauben zu schenken).

    EDIT: Und es braucht erst reicht keinen "spirituellen Namen". Wenn ich höre, dass sich jemand von Karl Müller in Bô Yin Pá umbenennt, weiß ich, dass der lediglich spinnt.

  • bearbeitet 14. Mai

    Dabei muss man als Ziele auch nicht so überabstrakte Begriffe wie Anhaftung und Ähnliches benutzen. Ich persönlich schalte bei solchen Begriffen schnell ab.

    Dein Punkt mit den überabstrakten Begriffen macht Sinn. Ich denke das Problem liegt, unter anderem, an den Übersetzungen der ursprünglichen Begriffe in andere Sprachen und wahrscheinlich auch noch mehr, an der nur theoretischen Befassung mit einem Thema. Wenn man sich praktisch mit etwas befasst, dann sollte man Worte benutzen, die von allen zu verstehen sind, oder zumindest die Idee dahinter erklären. Was ich bei mir aber gemerkt habe, als ich zum ersten mal mit der Meditation in einer kleinen Gruppe angefangen habe, ist, dass ich, weil ich zuvor zu viel Theorie darüber gehört hatte, zu viel der Theorie in die Praxis reininterpretiert habe. Mir wurde das auch gesagt, aber ich habe es damals noch nicht so richtig gemerkt. Ich habe mich wahrscheinlich (unbewusst) nicht damit abfinden können, einfach zu sitzen und zu praktizieren und die ganzen Ideen beiseite zu lassen.

    Warum mir überhaupt diese Frage (die in der Überschrift) in den Sinn gekommen war, ist den Vorgang in der Praxis für mich (be)greifbarer zu machen, um es näher zu verstehen. Und warum ich es näher verstehen wollte ist, es auf meinen Alltag anwenden zu können, als eine Art Landkarte (z.B. ich habe jenes in jener Situation an mir erkannt und der Grund dafür ist...). Es ging mir nicht so sehr nur um Theorie, sondern um Praxis. Ich habe niemanden, mit dem ich über solche Sachen reden kann, um mir bestimmter Sachen bewusster zu sein. Daher versuche ich mir Vorgänge selber zu erklären. Oft kommt es aber vor, dass es mir an der Präzision der Fragen fehlt und vielleicht verliere ich auch manchmal den Faden, während ich etwas versuche zu formulieren. Meine Absicht ist im Endeffekt die Selbsttherapie.

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