Zettelkasten für Lebenswandler

Gerade geschrieben. Für dieses Projekt relevant. Ist ein unbearbeiteter Zettel mit strengen Copyright:

202003250834 Zettelkasten für Laien als Professionalisierung des Privaten

Zettelkasten #Professionalisierung

Im Vorfeld der zweiten Auflage der Zettelkastenmethode werde ich regelmäßig gefragt, ob ich die Arbeit mit dem Zettelkasten so vorstelle, dass sie auch für Nichtwissenschaftler brauchbar ist. Die eigentliche Frage ist gewöhnlich, wie man den Zettelkasten verwendet und ob man ihn verwenden kann, wenn man nicht beabsichtigt Texte zu verfassen.

Meine Antwort ist selbstverständlich: Ja! Schließlich ist der Nebeneffekt der Zettelkastenmethode, dass sich das Denken verbessert, man gelernte Inhalte besser behält und sie in Beziehung zu vielen anderen Lerninhalten setzt. Wenn man sich mit bestimmten Themen auseinandersetzt, hat man bei Verwendung der Zettelkastenmethode das Gelernte auf gut zugängliche Weise parat. Als Sportler haben sie unterschiedliche Trainingspläne und Prinzipien der Trainingsmethoden zur Verfügung. Sie haben Rezepte und unterschiedliche Methoden der gesunden Ernährung parat. Auch ihre privaten Reflexionen über ihre ganz persönlichen Lebensfragen stehen ihnen systematisch zur Verfügung. Selbst wenn sie Computerspieler sind, können sie die Zettelkastenmethode benutzen, um über komplexe Vorgehensweisen bei Strategiespielen nachzudenken und neue Strategien zu entwickeln.

Doch während es prinzipiell möglich ist, gibt es eine spezielle Hürde bei der Verwendung des Zettelkastens für solche Zwecke: Sie erfordert hohe Gewissenhaftigkeit und einen planvollen Umgang mit dem eigenen Leben.

Sehen wir uns zum Vergleich die Biohacker an und wie sie mit ihrem Leben umgehen. Auf Wikipedia lesen sie eine völlig andere Definition von der, die ich ihnen geben werde. Das liegt daran, dass ich den Begriff so verwende, wie er auf eine bestimmte Subkultur zutrifft. Das Urban Dictionary liefert dabei die beste Definition:

[biohacking] refers to managing one's own biology using a combination of medical, nutritional and electronic techniques.1

[Biohacking] bezeichnet eine Weise die eigene Biologie durch eine Kombination aus medizinischen, ernährungstechnischen und elektronischen Methoden zu beeinflussen. (Meine leicht angepasste Übersetzung)

Eine sehr deutliche Demonstration dieser Haltung finden wir darin, dass einige Biohacker sich Blutzuckermonitore implantieren, wie es eigentlich für Diabetiker vorgesehen ist, um ihren Blutzucker zu messen. So können sie sehen, welchen Einfluss bestimmte Mahlzeiten und Tätigkeiten auf ihren Blutzucker haben. Auf Basis dieser Daten gestalten sie dann beispielsweise ihr Trainings- und Ernährungsverhalten.

Während eine solche Haltung zweifellos ein enormes Potential hat, das eigene Leben besonders gesund und produktiv zu gestalten, stößt es bei vielen Menschen auf Abwehr. Dafür gibt es viele Gründe. Einer der Gründe ist auch die daraus resultierende Selbstobjektivierung. Biohacking macht einen immer ein Stück mehr zur Maschine, was langen nicht jedermanns Sache ist.

Doch einer der Gründe ist für unsere Betrachtung ganz wesentlich: Biohacking führt dazu, dass man gewissenhaft und diszipliniert handeln muss. Man muss planen, ganz bewusst leben, und die Toleranz gegenüber unüberlegtem Handeln sich selbst gegenüber zurückfahren.

Auf gleiche Weise kann die Zettelkastenmethode zu einem Problem werden. Nehmen wir Fitnessbegeisterte als Beispiel. Fitness und Gesundheit sind nicht nur Mittel zum Zweck. Sie sind auch Teil der Identität. Es ist nicht nur Recherche, wenn diese Menschen im Internet surfen. Es ist Zeitvertreib und ausgelebte Identität, wenn sie Trends folgen, bestimmten Blogs folgen und Videos ansehen. Der Zettelkastenmethode zu folgen ist ein tiefer Eingriff in viele dieser Routinen. Anstatt nur Informationen zu konsumieren, müssten die Leute immer wieder pausieren und die Artikel, Videos und Podcasts zu Zetteln verarbeiten, die Zettel verbinden, Strukturen schaffen, Querverweise prüfen und so weiter. Die Zettelkastenmethode hat zwar eigene Elemente der Gamifikation, das heißt, der besonderen spielerischen Anreize bei der Bedienung, so hat ein Nutzer mir folgendes in einer Email geschrieben:

Der Zettelkasten ist World of Warcraft für Wissensfreaks – laufende Mini Erfolg, laufend offene ToDos, Sammelwahn, Gefühl von kontinuierliches Fortschritt, Respekt für viele angesammelte Zettel, süchtig machend.

Doch schlussendlich ist dies nicht für alle so. Nicht umsonst hat Christian damals einen Artikel über des Sammlers Irrtum.

Schlussendlich muss man sich als Zettelkastler fragen, auf welche Weise man den Zettelkasten in sein Leben integrieren will. Ich lebe mein Leben auf diese Weise und möchte nie wieder zurück. Etwas zu erschaffen erfüllt das Leben mit Sinn, während Konsum uns immer mehr mehr und mehr Leere zurücklässt. Doch wenn diese Erfahrung ausreichen würde, um uns Menschen zu schaffendem Verhalten zu bewegen, hätten wir kein Konsumproblem mehr.

Wenn Wissensarbeit nicht schon Teil ihres Leben ist, wie es für Wissenschaftler, Blogger oder Autoren ist, ist mein Rat, dass sie in ihrem Lebenwandel Raum für den Zettelkasten schaffen. Doch schlussendlich müssen sie selbst entscheiden, wie gewissenhaft sie ihr Leben führen wollen.

Kommentare

  • Hallo Sascha, sehr gerne würde ich die Beta-Version deines Zettelkasten Buchs gegenlesen!

    Beste Grüße

  • Hallo Sascha,

    gibt es schon ein voraussichtliches Veröffentlichungsdatum?

  • @Daniel schrieb:
    Hallo Sascha,

    gibt es schon ein voraussichtliches Veröffentlichungsdatum?

    Nein. Ich habe mir abgeschminkt, so etwas zu sagen, bevor das Ding nicht fertig ist. Es dauert immer länger, als man glaubt und noch länger.

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