#77: Viel Offtopic | Aber auch Liebhaber wird abgefrühstückt

Kommentare

  • Zum Thema 'Auswandern' (ab ca. 17:00): Wer auswandert, weil ihm die Verhältnisse in anderen Teilen der Erde besser passen, drückt sich davor, Verantwortung für die von den eigenen Ahnen geschaffenen Verhältnisse zu übernehmen und diese weiter mitzugestalten. Stattdessen geht man an einen Ort, den fremde Ahnen ihren eigenen Nachkommen hinterlassen haben, und lässt sich dort nieder, weil es einem gerade günstig erscheint.

    Eine Ausnahme bildet vielleicht der Pionier, der große Strapazen auf sich nimmt, um neue Orte zu erschließen. Das ist mit hohem Risiko verbunden und damit weit entfernt von dem, was die meisten heutigen Auswanderer antreibt.

    Sascha sagt, er habe zu viel in die deutsche Sprache investiert, um auszuwandern. Analog dazu: Indem ich nicht auswandere, respektiere ich, dass meine Ahnen über viele Generationen ihr Leben in dieses Stück Erde investiert haben. Will ich diese Kette wirklich unterbrechen?

    Was meint ihr?

  • Ist dein Gedanke auf mich anwendbar? Ich bin der Erste seit ein paar 100 Jahren in meiner Familie, der in D geboren ist.

  • Ich denke schon.
    Der Fall der Russlanddeutschen zeigt, wie stark eine solche Verbindung zur Heimat der eigenen Ahnen sein kann - so stark, dass sie auch in der Ferne Jahrhunderte überdauert.

    Dieser Umstand wird in der BRD auch gesetzlich anerkannt - Russlanddeutsche haben als Einwanderer Priviliegien, die andere nicht haben.

  • Also, meine Ahnen wurden sowohl von den Nazis verschleppt als auch von den Sowjets umgebracht oder in Gulags gesteckt. Investiert haben sie vor allem in den Glauben und waren ohne Probleme bereit ihre Heimat zu verlassen, als Katharina ihnen das Angebot unterbreitet hat.

    Der Fall der Russlanddeutschen zeigt eher, das Heimat weniger an den Ort selbst gebunden ist, sondern an Kultur. Offiziell gelten russlanddeutsche als die Vorzeigeeinwanderer mit bester Integration. Deine Bezeichnung von uns als Einwanderer, hätte meinen Vater schon mal auf die Palme gebracht: Wir sind Heimkehrer. Der Großteil der Russlanddeutschen fühlt sich aber nicht integriert, weil das, was hier gelebt wird, sich mit ihrem Selbstverständnis als Deutsche vereinbaren lässt. Deswegen wählen viele die AfD.

    Ich fühle mich selbst übrigens nicht als Deutscher. Bin als "Quereinsteiger" von der Unterschicht über das Gymnasium in den universitären Kreis geraten. Vom Gymnasium an, wo die erste Sortierung stattgefunden hat, hat mir meine Herkunft mal mehr, mal weniger Probleme bereitet. Im Studium habe ich mich grundsätzlich mit anderen Migranten verbundener gefühlt. Natürlich hatte ich auch deutsche Freunde. Und meine ältesten Freunde sind überwiegend Deutsche. Aber allzu häufig war ich mit dem konfrontiert, das deutsche Toleranz nennen und in Wirklichkeit Arroganz war. Meinungspluralität wird nur geduldet, wenn sie nicht ertragen werden muss. Ich glaube, deswegen fangen mich kulturelle Themen immer wieder gerne.

    Diese Distanz zum Deutschsein teile ich mir mit den anderen Migranten und witziger Weise mit dem größten Teil der Deutschen, die ich kennengelernt habe. Der Hund liegt meiner Meinung nach da begraben, wo du hier den ersten Spatenstich getätigt hast. In die Heimat investiert hier (fast) keiner mehr. Da wird nur noch abstrakt über Dinge gesprochen, die man nicht in seiner eigenen Lebenswelt fühlen kann. Deswegen wird hier von der Mitte verlangt, dass sie mit der SED-Nachfolgepartei paktieren soll, weil die "Nazis" sonst bei einer Wahl beteiligt waren. Ich meine, da beschließen Leute Dinge, die noch vor wenigen Jahrzehnten im Nachbarfaschismus mit am Drücker saßen.

    Die Politiker sind ja keinen dummen Leute. Sie sind lediglich Symptom einer tiefer liegenden Problematik, die sich hier mehr und mehr zu manifestieren beginnt. Wer kann heute noch den Begriff "rechts" im politischen Sinne benutzen, ohne eine negative Konnotation zu haben? Auch ich kann das nicht. Damit sind wir politisch gesehen auf einem Auge blind, nämlich auf dem linken Auge.

    Die Blindheit ist aber nicht politisch veruracht, sondern kulturell. Die gemeinsame Ursache ist, dass Menschen eben hauptsächlich in sich selbst investieren. Das bringt Heimatlosigkeit hervor, denn man findet keine Heimat in sich. Das ist nur einigen wenigen eremitischen Nomaden vorbehalten, aber den meisten Menschen kaum möglich. Das bringt eine Alltagskultur hervor, in der immer weniger Leute an einem selbst interessiert sind. Paradox ist es: Damit andere sich für einen interessieren können, muss man aufhören, das eigene Leben nur um einen selbst herumzubauen. Ideologien (ob politisch oder sonstwie) dienen nur dem eigenen Zweck. Das Bedürfnis der Zugehörigkeit soll befriedigt werden. Aber die Pflicht in etwas zu investieren, dass dann da ist, wozu man sich zugehörig fühlen kann, die nimmt keiner wahr. (Vgl. Die Millionen Regelungen, die Organisationen von den Arbeitnehmern verlangen. Man könnte ja auch einfach Unternehmen gründen und die dann so funktionieren, wie man es für richtig hält).

    Die interessante Frage wird sein, wer hier im Wohlstand genügend Vitalität übrig hat, um eine gesunde Kultur hervorzubringen, die dann auch ein Heimatgefühl zulässt.

  • Entschuldige die Einwanderer-Bezeichnung, habe das eher staatsrechtlich gemeint. Ich stimme dem Heimkehrer-Begriff völlig zu.

    Wenn ich dich richtig verstehe, sagst du, dass Deutschsein in Deutschland weitestgehend zu einer substanzlosen Sache verkommen ist.
    Das spüren viele Leute und gehen daher auf Distanz zum Deutschsein. Ebenso spüren es alle Migranten und Heimkehrer und eine Integration findet nicht statt. Was hierzulande an deutscher Kultur übrig geblieben ist, hat Leuten, die aus einer gefestigteren Kultur kommen (z.B. Russlanddeutsche, Migranten), einfach nicht viel zu bieten.

    Den Deutschen, die in dieser Kultur aufgewachsen sind, hat sie leider ebenfalls nicht viel zu bieten. Auch meiner Erfahrung nach gehen daher praktisch alle Deutschen grundsätzlich auf Distanz zum Deutschsein (in seiner heutigen Form). Das äußert sich dann unterschiedlich:

    Entweder wird das Deutschsein höchstens noch da gelebt, wo man es konsumieren kann, z.B. im Sport oder in Form der von dir beschriebenen Arroganz (man konsumiert das Gefühl des Besserseins aufgrund der eigenen deutschen Herkunft).

    Oder die Leute fangen an, das Deutschsein allgemein zum Feind zu erklären und vernichten zu wollen, wie die antideutsche Strömung in der Linken.

    Oder man versucht, sich auf ein Deutschsein der Vergangenheit zu berufen und an dieses anzuknüpfen, wie die meisten Menschen, die sich trotz der von dir genannten negativen Konnotation als "rechts" bezeichnen.

    In der Nähe der letzten Gruppe würde ich auch die Russlanddeutschen verorten, da diese ja quasi eine noch intakte deutsche Kultur haben, welche u.a. aufgrund der Abgeschiedenheit überdauert hat. Wie du sagst: viele wählen die AfD.

    Zu deiner Schlussfrage: Ich denke, dass es schwierig bis unmögilch ist, im Wohlstand eine solche gesunde Kultur hervorzubringen. Es ist schon schwierig genug, sich im Wohlstand gesund zu ernähren und zu bewegen. Kultur hervorbringen spielt ja nochmal in einer anderen Liga.
    Passende Kandidaten findet man wohl am ehesten in der letzten von mir genannten Gruppe, sind aber auch dort nur sehr schwer aufzutun.

    Darf ich fragen, was deine Familie dazu bewegt hat, zurück nach Deutschland zu gehen? Eine Hoffnung auf Heimat, die dann wahrscheinlich eher enttäuscht wurde, wenn nicht der Ort, sondern die Kultur zählt?

    Dazu frage ich mich gerade: Gibt es eigentlich eine ähnlich erleichterte Einwanderung für russlanddeutsche Heimkehrer in Österreich und dem deutschen Teil der Schweiz? Gibt/Gab es Russlanddeutsche, die von dort stammen?

  • @Balivo schrieb:
    Entschuldige die Einwanderer-Bezeichnung, habe das eher staatsrechtlich gemeint. Ich stimme dem Heimkehrer-Begriff völlig zu.

    Kein Grund dazu. Ich wollte nur darstellen, was bei vielen Russlanddeutschen ankommt. Bin selbst ja auch weder mit der einen noch mit der anderen Seite verbrüdert.

    Wenn ich dich richtig verstehe, sagst du, dass Deutschsein in Deutschland weitestgehend zu einer substanzlosen Sache verkommen ist.
    Das spüren viele Leute und gehen daher auf Distanz zum Deutschsein. Ebenso spüren es alle Migranten und Heimkehrer und eine Integration findet nicht statt. Was hierzulande an deutscher Kultur übrig geblieben ist, hat Leuten, die aus einer gefestigteren Kultur kommen (z.B. Russlanddeutsche, Migranten), einfach nicht viel zu bieten.

    So sehe ich das. Man kann das bewerten, wie man will. Es gibt ja genügend Leute hier, die das begrüßen. Ich glaube, dass ist für viele Leute ein Problem.

    Darf ich fragen, was deine Familie dazu bewegt hat, zurück nach Deutschland zu gehen? Eine Hoffnung auf Heimat, die dann wahrscheinlich eher enttäuscht wurde, wenn nicht der Ort, sondern die Kultur zählt?

    Die Hoffnung auf Heimat nennen meine Großeltern natürlich auch. Aber schlussendlich war es ein dreckiges Leben in der Sowjetunion und es war gefährlich. Deutschland war wie das Paradies, zu dem man zurückkehren wollte.

    Dazu frage ich mich gerade: Gibt es eigentlich eine ähnlich erleichterte Einwanderung für russlanddeutsche Heimkehrer in Österreich und dem deutschen Teil der Schweiz? Gibt/Gab es Russlanddeutsche, die von dort stammen?

    Ich vermute nicht, dass das so ein großes Phänomen war. Die Deutschen sind damal auf Einladung von Katharina der Großen angesiedelt worden. Die Schweizer und Österreicher waren damals ja schon eigene Nationen.

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