Geht es nur um Sex?

Hallo zusammen.

Ich bin in letzter Zeit auf einen Gedanken gekommen, der zwar noch nicht explizit in einem Stream behandelt wurde, aber durchaus in den Kontext der Diskussionen der letzten Wochen passen könnte und in meinen Augen einfach geklärt werden muss. Da ich mir ziemlich sicher bin, dass er bei Sascha und wohl auch dem Großteil der Community hier auf Ablehnung stoßen wird, bin ich auf die Gegenargumente gespannt.

Wenn ich meine eigenen Ziele und die Ziele meiner Bekannten betrachte, fällt schnell das selbe Muster auf:
Muskeln aufbauen oder abnehmen. Gute Noten im Studium schreiben und Karriereaussichten verbessern oder die eigene Leistung im Job verbessern. Aufbau von speziellen Fähigkeiten oder Wissenskapital in Bereichen wie Musik, Kunst, Wissenschaft oder praktischen Dingen wie Gartenanbau, Handwerk oder was auch immer.
Mehr meditieren, mehr Selbstvertrauen aufbauen, die Comfortzone mehr verlassen, ein Mann bzw. männlicher werden, mehr spannende Menschen kennenlernen.

Worauf ich hinaus will: All diese Ziele verbindet die Tatsache, dass sie den Zielenden mittelbar oder unmittelbar attraktiver für das andere Geschlecht machen, egal ob dies bewusst oder unbewusst geschieht. Ich gebe zu, das trifft vor Allem zu, wenn Männer diese Ziele verfolgen und dadurch attraktiver auf Frauen wirken wollen. Inwieweit eine Vermännlichung des Frauenbilds dazu geführt haben könnte, dass auch immer mehr Frauen solche Ziele verfolgen, ist eine andere Diskussion.

Ist das Bedürfnis nach einer Verbesserung unserer Position im "sexuellen Wettbewerb" also das sinnstiftende Element unseres Lebens?
Ihr könnt ja mal eure eigenen Ziele vor diesem Hintergrund betrachten. Ich tippe darauf, dass die meisten davon sich so interpretieren lassen würden.
Wenn man den Einfluss der Evolution auf uns Menschen betrachtet, würde das doch gar nicht so abwiegig erscheinen. Vereinfacht gesagt: Was nicht die Chancen aufs Überleben oder Fortpflanzen erhöhte, war Zeit- und Energieverschwendung. (Natürlich gibt es da noch Ausnahmen, zum Beispiel wenn es um Verwandte oder das Prinzip der gegenseitigen Hilfe geht. Mir geht es hier aber um den grundlegenden Handlungsantrieb.)

Selbst moralische Ziele könnte man so interpretieren. Wer sich stark für etwas auf den ersten Blick uneigennütziges einsetzt, wird unter Gleichgesinnten zu einem "Alphatier". Je stärker das moralische Engagement, desto größer die Anerkennung seiner Mitstreiter - und desto größer die Attraktivität für Mitstreiter des anderen Geschlechts. Auch für ihn könnte der unterliegende Handlungsantrieb sein, der coolste Affe im Dschungel werden zu wollen. Nur ist der Dschungel ein anderer als der eines schicken Jungmillionärs.

Man könnte den Gedanken auch so formulieren, dass die allgemein bekannten Bedürfnisse, beispielsweise aus der Maslow'schen Pyramide, lediglich Unterkategorien von zwei Hauptbedürfnissen sind: Dem Überlebenstrieb (der für uns im Alltag keine so große Rolle mehr spielt) und dem Sexualtrieb. Bei letzterem geht es nicht nur um den Akt an sich, sondern vor Allem eben auch um das Anziehen von immer "besseren" Exemplaren des anderen Geschlechts.

Ich weiß, dass Sascha mit Sinn- und spirituellen Bedürfnissen herumhantiert, und die Tatsache, dass ich noch in meinen Zwanzigern bin, könnte die Ursache dafür sein, dass diese weder bei mir noch in meinem Umfeld eine große Rolle spielen.
Doch auch wenn diese zu einem dritten Hauptbedürfnis gehören, würde dies meinen Thesen nicht widersprechen, sondern eine Erweiterung darstellen, die oft vielleicht erst ab einem gewissen Alter eine relevante Rolle spielt.

Mich würden eure Meinungen und Gegenargumente zu diesen Gedanken wirklich sehr interessieren. Selbst falls es auf euch nicht zutreffen sollte, trifft es nicht auf die meisten Menschen heutzutage zu?

Es grüßt Billy Wrandt

Kommentare

  • bearbeitet 5. Januar

    Gefühlt würde ich sagen, dass da viel Wahres drin steckt. Vielleicht fehlt noch was, wie du ja auch eingeräumt hast.

    @Dominique schrieb:
    Letztes Jahr habe ich mir folgende schwammige Ziele aufgeschrieben

    • auf der Suche sein - nach dem verdammten Sinn !
    • wertvoll für die Anderen und mich werden
    • Gemeinschaft - Guter Sohn/ Bruder/ Freund/ Mitmensch (Vater & Ehemann ?) werden
    • Lebenswandel - Macht als Mittel
    • Natur - Zimmerpflanzen/ Garten/ ein Stück Land kultivieren/ Müll trennen/ Kompostieren
    • Denken und Forschen - Zettelkasten anlegen
    • diszipliniert werden
    • einfacher werden
      [...]

    Diese Ziele sind unter anderem auf das Überleben meiner Gene gerichtet (Lebenswandel, fast alle Ziele mehr oder weniger), aber auch dem Überleben meiner Familie und des Menschens generell (wertvoll für die Anderen und mich werden; Gemeinschaft - Guter Sohn/ Bruder/ Freund/ Mitmensch... werden; Denken und Forschen) und in weiterem Sinne auch auf das Überleben von Leben generell. (Leben auf der Erde erhalten und bewahren - siehe Natur).

    @Billy_Wrandt schrieb:
    Selbst moralische Ziele könnte man so interpretieren. Wer sich stark für etwas auf den ersten Blick uneigennütziges einsetzt, wird unter Gleichgesinnten zu einem "Alphatier". Je stärker das moralische Engagement, desto größer die Anerkennung seiner Mitstreiter - und desto größer die Attraktivität für Mitstreiter des anderen Geschlechts. Auch für ihn könnte der unterliegende Handlungsantrieb sein, der coolste Affe im Dschungel werden zu wollen. Nur ist der Dschungel ein anderer als der eines schicken Jungmillionärs.

    So etwas wie altruistische Handeln, kann doch auch zwei Zwecken gleichzeitig dienen. Dass es dir hilft und anderen.

  • Es ist eine Frage von Form und Substanz. Im Leben geht es auf die gleiche Weise nur um Sex, wie der Mensch nur aus Atomen besteht und keine Seele hat. Oder anders: Gibt es nur Substanz oder doch auch Form?

  • Ich bin davon überzeugt, dass du damit durchaus nicht Unrecht hast. Das evolutionär abgespeicherte biologische Programm (Substanz) lässt sich nicht leugnen, aber es lässt sich formen (Form). Durch primäre und sekundäre Sozialisation, Medien und Mitmenschen wird ein bestimmter Lebensstil gelehrt und gefestigt, an dem sich dann die meisten mehr oder weniger unreflektiert orientieren. Heute ist das zu einem großen Teil verbunden mit Konsum. Eine ganze Wissenschaftssparte (Markt- und Werbepsychologie) hat - sehr erfolgreich - daran gearbeitet, dass Menschen biologische Wünsche (Status --> Sexualpartner) meinen, durch Konsum befriedigen zu können (wenn ich Auto, Kleidung oder was auch immer XY habe, finden mich die Mädels/Jungs geiler). Weil es fast alle machen, funktioniert das sogar teilweise ganz gut.
    Es gibt ja kaum noch Lebensentwürfe, die sich dieser Logik entziehen: Vegane Yogamädels sollen bestimmte Smoothies kaufen, Lululemon Klamotten tragen, ne schicke Matte haben und sich die in den Studios massenhaft ausgestellte Naturkosmetik kaufen. Und natürlich zum Seminar nach Portugal oder Indien fliegen. Mir fällt kein kategorial benennbarer Lebensentwurf ein, der nicht mehr oder weniger der Verwertungslogik unterworfen wurde. Und diese Verwertungslogik ist immer auch subtil auf die Befriedigung biologischer Grundbedürfnisse ausgerichtet.

    Der Mensch hat durch Kulturschaffen wie gesagt immer das Potential, sich über die reine Biologie zu erheben. Das ist dann in Bahnen leiten, Fördern und Unterdrücken von biologischen Trieben (siehe oben: Auto kaufen um zu beeindrucken, bevor es zum Sex kommt anstatt Keule über den Schädel und einfach in die Höhle schleifen). Auch metaphysische Bedürfnisse werden so teilweise befriedigt, wenn man mal daran denkt, wie quasi-religiös Marken und deren Produkte (Apple z.B.) verehrt werden (Großartig in dem Zusammenhang übrigens die "Jobisten" aus Iron Sky2).

    Es kommt also auf die Kanalisierung, also Kultivierung, seiner biologischen Programme an. Es gibt in der Moderne leider kaum semantische Alternativen zum Konsumismus.

Anmelden oder Registrieren, um zu kommentieren.