Heilpraktiker

bearbeitet November 2019 in Meta

Momentan ist es (mal wieder) mediales Thema, dass die Bundesregierung überlegt, die Befugnisse von Heilpraktikern einzuschränken. Außerdem soll die Möglichkeit geprüft werden, den HP-Beruf abzuschaffen. Was sind eure persönlichen Erfahrungen mit Heilpraktikern, wie steht ihr zu dieser Diskussion? Ich werde dazu auch meine persönliche, ausführliche Meinung posten.

https://daserste.ndr.de/panorama/aktuell/Bundesregierung-zieht-Abschaffung-des-Heilpraktiker-Berufs-in-Betracht,heilpraktiker126.html

Kommentare

  • Ich glaube, dass die mal wieder Jahre zu spät sind. In Internetforen, Facebook-Gruppen und ähnlichem Milieu findet seit Anfang des Jahrtausends Peer2Peer-Beratung statt. Eine angestrebte staatliche Kontrolle ist mal wieder der verspätete Versuch, politischen Aktionismus für die wenigen Menschen zu betreiben, die Politik beobachten.

  • Eins vorweg: Als studierter, nichtklinisch tätiger Psychologe bekomme ich die Diskussion nur am Rande mit und wenn, dann nur im Bezug auf Heilpraktiker für Psychotherapie. Wobei da von einer Diskussion eigentlich keine Rede sein kann, sondern nur von Geringschätzung. Was nicht verwunderlich ist, weil viele Heilpraktiker für Psychotherapie nicht nur mit fragwürdigen Methoden arbeiten, sondern auch nach außen hin völlig unbescheiden auftreten.

    Ich finde es okay, dass Heilpraktiker für Psychotherapie ihre Arbeit nicht mit Krankenkassen abrechnen können, das dürfen in Deutschland nur Psychologen oder Mediziner. Wenn ein Mensch mit gesundheitlichen Problemen sich an einen Heilpraktiker wendet und es selbst bezahlt, finde ich das völlig in Ordnung, jeder Erwachsene Mensch darf meiner Meinung nach mit seinem Körper machen, was er will, solange er bereit ist, die Konsequenzen zu tragen.

    Ein vollständiges Verbot halte ich für Überregulation, denn das wird – wie Sascha oben schreibt – die Menschen nicht davon abhalten, sich außerhalb des medizinischen Systems Hilfe zu suchen.

  • Ich halte ein vollständiges Verbot für nicht gut und schließe mich @Tobias an. Zumal es ganz gewiss Methoden gibt, die zwar keinen Platz in unserem Gesundheitssystem haben, aber dennoch für manche Probleme Lösungswege bieten.

  • @Tobias schrieb:
    Eins vorweg: Als studierter, nichtklinisch tätiger Psychologe bekomme ich die Diskussion nur am Rande mit und wenn, dann nur im Bezug auf Heilpraktiker für Psychotherapie. Wobei da von einer Diskussion eigentlich keine Rede sein kann, sondern nur von Geringschätzung. Was nicht verwunderlich ist, weil viele Heilpraktiker für Psychotherapie nicht nur mit fragwürdigen Methoden arbeiten, sondern auch nach außen hin völlig unbescheiden auftreten.

    Imho bekleckern sich die klinische Psychologen selbst nicht gerade mit Ruhm. Es gibt prominente Fälle wie diese moralische Panik. Aber wenn man tiefer gräbt, dann findet man jede Menge (!) komisches Zeug.

    Ebenso ist die psychologische Wissenschaft ziemlich shaky, was man an der Replikationskrise sieht, in der sich vor allem gezeigt hat, dass sich auch forschende Psychologen nicht einmal mit der grundlegenden Mathematik auskannten. Vgl. diesen Artikel für Laien

    Ich finde es okay, dass Heilpraktiker für Psychotherapie ihre Arbeit nicht mit Krankenkassen abrechnen können, das dürfen in Deutschland nur Psychologen oder Mediziner. Wenn ein Mensch mit gesundheitlichen Problemen sich an einen Heilpraktiker wendet und es selbst bezahlt, finde ich das völlig in Ordnung, jeder Erwachsene Mensch darf meiner Meinung nach mit seinem Körper machen, was er will, solange er bereit ist, die Konsequenzen zu tragen.

    Ich halte dagegen: Es gibt keinen Grund, weshalb das die Krankenkassen nicht selbst entscheiden sollten, was sie unterstützen und was nicht.

  • bearbeitet November 2019

    @Sascha schrieb:

    @Tobias schrieb:
    Eins vorweg: Als studierter, nichtklinisch tätiger Psychologe bekomme ich die Diskussion nur am Rande mit und wenn, dann nur im Bezug auf Heilpraktiker für Psychotherapie. Wobei da von einer Diskussion eigentlich keine Rede sein kann, sondern nur von Geringschätzung. Was nicht verwunderlich ist, weil viele Heilpraktiker für Psychotherapie nicht nur mit fragwürdigen Methoden arbeiten, sondern auch nach außen hin völlig unbescheiden auftreten.

    Imho bekleckern sich die klinische Psychologen selbst nicht gerade mit Ruhm. Es gibt prominente Fälle wie diese moralische Panik. Aber wenn man tiefer gräbt, dann findet man jede Menge (!) komisches Zeug.

    Ebenso ist die psychologische Wissenschaft ziemlich shaky, was man an der Replikationskrise sieht, in der sich vor allem gezeigt hat, dass sich auch forschende Psychologen nicht einmal mit der grundlegenden Mathematik auskannten. Vgl. diesen Artikel für Laien

    Yep, auch das Elend der Psychologie ist groß. Aber hier geht es ja um Heilpraktiker und nicht um Psychologen. (Ich plane ja schon länger einen Thread über das Elend der Psychologie zu eröffnen, das ist nämlich genau mein Ding; aber bisher bin ich noch nicht dazu gekommen, das sinnvoll auszuarbeiten.)

    Ich finde es okay, dass Heilpraktiker für Psychotherapie ihre Arbeit nicht mit Krankenkassen abrechnen können, das dürfen in Deutschland nur Psychologen oder Mediziner. Wenn ein Mensch mit gesundheitlichen Problemen sich an einen Heilpraktiker wendet und es selbst bezahlt, finde ich das völlig in Ordnung, jeder Erwachsene Mensch darf meiner Meinung nach mit seinem Körper machen, was er will, solange er bereit ist, die Konsequenzen zu tragen.

    Ich halte dagegen: Es gibt keinen Grund, weshalb das die Krankenkassen nicht selbst entscheiden sollten, was sie unterstützen und was nicht.

    Machen und sollen sie ja auch, in der Psychotherapie machen sie das anhand von Forschungsergebnissen (womit wir schnell wieder in das oben erwähnte Elend der Psychologie kommen können). Und zumindest in der Psychotherapie entscheiden sie sich wegen der Studienlage dagegen. In der Medizin scheint es anders auszusehen und die Kassen scheinen mehr zu bezahlen (Globuli etc.), doch damit kenne ich mich nicht aus.

    EDIT: Kurze Erläuterung für alle, die die derzeitige Lage im Gesundheitswesen noch nicht kennen:

    In der Psychotherapie zahlen gesetzliche Krankenkassen derzeit drei Therapieverfahren:

    1. klassische Psychoanalyse
    2. analytische Psychotherapie (von der klassischen Psychoanalyse weiterführende Ansätze; hier wäre z. B. Jung’sche Therapie einzuordnen)
    3. Verhaltenstherapie

    In der Praxis vermischen sich die Verfahren aber immer mehr, vor allem analytische Psychotherapie und Verhaltenstherapie werden einander immer ähnlicher (Stichwort: "dritte Welle der Verhaltenstherapie").

    Und das auch nur, wenn es ein Arzt (Facharzt für Psychiatrie/Psychotherapie) oder psychologischer Psychotherapeut macht. Bei Kindern und Jugendlichen darf das auch ein Sozialpädagoge (Master oder Diplom) mit Ausbildung zum Kinder- und Jugendtherapeuten machen.

    Alles andere muss aus eigener Tasche bezahlt werden.

  • bearbeitet November 2019

    @Tobias plante:
    einen Thread über das Elend der Psychologie zu eröffnen

    Sehr gerne! Ich bin dabei. Ein bisschen shaky ist sehr wohlwollend formuliert, was psychologische "Wissenschaft" angeht, @Sascha :smiley:

  • bearbeitet November 2019

    @Johannes schrieb:

    @Tobias plante:
    einen Thread über das Elend der Psychologie zu eröffnen

    Sehr gerne! Ich bin dabei. Ein bisschen shaky ist sehr wohlwollend formuliert, was psychologische "Wissenschaft" angeht, @Sascha :smiley:

    Ich vermute mal, dass sich Sascha da vor allem auf den Teil der psychologischen Wissenschaft bezieht, der wirklich shaky ist, u. a., weil der Untersuchungsgegenstand zu komplex/nichtlinear ist für die angewendeten statistischen Verfahren, die auf dem linearen Modell basieren (Nassim Taleb ist ein sehr eifriger Kritiker dieser Praxis). Außerdem gibt es noch manche andere methodische Probleme, z. B., dass die meisten Stichproben WEIRD sind (s.: https://slate.com/technology/2013/05/weird-psychology-social-science-researchers-rely-too-much-on-western-college-students.html?fbclid=IwAR3EPuGNSQyoB_pCy9fSEzYCTKLKhq0uGFxiM-5P-9eAUMO-OzpIG3OC7N0) Das betrifft größtenteils die Sozialpsychologie und noch ein paar weitere Forschungszweige. Die Replikationskrise hat sich ja auch größtenteils in der Sozialpsychologie ereignet.

    Andere psychologische Forschungszweige hingegen sind relativ safe, z. B. der Bereich der Wahrnehmungs-, Gedächtnis- und Teile der Kognitionsforschung (z. B. Aufmerksamkeitsforschung und Forschung zu manchen "Denkfehlern"). Hier kann man größtenteils mit diesen statistischen Verfahren arbeiten und braucht noch nicht mal unbedingt immer große, repräsentative Stichproben. In The Black Swan schreibt Taleb darüber übrigens ein kleineres Unterkapitel.

  • @Sascha schrieb:
    Ich glaube, dass die mal wieder Jahre zu spät sind. In Internetforen, Facebook-Gruppen und ähnlichem Milieu findet seit Anfang des Jahrtausends Peer2Peer-Beratung statt. Eine angestrebte staatliche Kontrolle ist mal wieder der verspätete Versuch, politischen Aktionismus für die wenigen Menschen zu betreiben, die Politik beobachten.

    Ja und nein. Ja, weil du damit sicher Recht hast. Das ist das Thema der "freien" Wissensverteilung und des Austauschs im Internet. Damit gehen Deutungshoheiten verloren, im Optimalfall entsteht dadurch so etwas wie eine neue Souveränität. In Bezug auf die HPs muss aber bedacht werden, dass hier nicht nur Beratung und Austausch stattfindet, analog zu diversen Newsgroups/Foren im Netz, sondern praktische Therapie, die vom Patienten nicht geleistet werden kann - zB manuell oder durch invasive Verfahren (Spritzen). Ich glaube auch nicht unbedingt, dass eine versuchte Reglementierung nur Aktionismus fürs Publikum ist. Ich vermute, dass hier auch das eine oder andere Lobbyinteresse eine Rolle spielt. Das HP-Gesetz ist nämlich etwas wirklich abgefahrenes (und in vielen Bereichen durchaus zu kritisieren, werde ich weiter unten tun). Aber hier in D hat sich "der Heilpraktiker" - und es ist schwer, das zusammenzufassen, denn erst einmal weiß man kaum, was drin ist, wenn HP drauf steht - gesellschaftlich etabliert. Es geht hier wohl um etwa 125.000 Patienten, die täglich von einem HP behandelt werden.

    @Tobias schrieb:
    Eins vorweg: Als studierter, nichtklinisch tätiger Psychologe bekomme ich die Diskussion nur am Rande mit und wenn, dann nur im Bezug auf Heilpraktiker für Psychotherapie. Wobei da von einer Diskussion eigentlich keine Rede sein kann, sondern nur von Geringschätzung. Was nicht verwunderlich ist, weil viele Heilpraktiker für Psychotherapie nicht nur mit fragwürdigen Methoden arbeiten, sondern auch nach außen hin völlig unbescheiden auftreten.

    Dazu kann ich nicht viel sagen. Ich denke aber, dass ein unbescheidenes Auftreten vor allem am Menschen an sich liegt, und nicht daran, ob er HP, Arzt oder Psychologe ist.
    Aber Fun Fact zum HP-Gesetz: wusstest du, dass ein "großer HP" (also der nicht nur die Ausbildung für HP Psych gemacht hat), dennoch Psychotherapie anbieten darf? Obwohl Psychologie im Unterricht an den Schulen vielleicht ein, zwei Wochen einnimmt und das Niveau der ersten wenigen Stunden einer Grundlagenvorlesung im Psychologiestudium hat? Das wäre dann eine der zahlreichen Lücken des HP-Gesetzes, von denen kaum einer weiß und die bedenklich sind. Die Ausbildung zum HP Psych behandelt diese Themen immerhin ausschließlich und komplett.

    @Sascha schrieb:
    Ich halte dagegen: Es gibt keinen Grund, weshalb das die Krankenkassen nicht selbst entscheiden sollten, was sie unterstützen und was nicht.

    Absolut!

    Ich füge mal einen Text zum Thema ein, den ich vor einigen Tagen für andere Stelle geschrieben habe:

    Den HP-Beruf sehe ich durchaus sehr kritisch. Dass das HP-Gesetz ein kurioses Überbleibsel ist, steht außer Frage. Es hat aber nun zur heutigen Situation geführt, die es zu bewerten gilt.

    Ja, der schriftliche und mündliche Test dienen dazu, sicherzustellen, dass der künftige HP „keine Gefahr für die Volksgesundheit“ darstellt. Dennoch: der Test ist zu 100% schulmedizinisch und alles andere als leicht zu bestehen. Das kannst du überprüfen, wenn du mal einen Blick in Vorbereitungsliteratur zur HP-Prüfung oder auf ehemalige Prüfungen wirfst. Das Erkennen und die Diagnose von Infektionskrankheiten nimmt einen gewissen Teil ein, weil der HP diese nicht behandeln darf und der Patient damit weitergeschickt werden muss. Darüber hinaus setzen sich sowohl schriftliche als auch mündliche Prüfung aber aus nahezu allen anderen medizinischen Fachbereichen zusammen. Besteht man die Prüfung, weiß man tatsächlich was. Dass keine Heilkompetenz erworben wird… ist einerseits richtig (keine Praktika usw), andererseits aber auch falsch, weil der HP sehr wohl (Differential)diagnose und Fachwissen erlernt. Die Behauptung, dass der Prüfling kein medizinisches Fachwissen nachweisen muss, ist falsch.

    Dass in der HP-Branche alle Esoteriker sind, ist schlicht falsch. Nach meiner subjektiven Erfahrung (München, eine große Heilpraktikerschule) stammen viele HP-Schüler aus medizinischen (Hilfs-)Berufen, sind also bereits Physio oder Krankenschwester, bringen also handfestes schulmedizinisches Wissen mit. Gleichzeitig gibt es aber tatsächlich die Klischee-Esoteriker. Von denen überstehen durchaus einige die Prüfungen nicht (die mündliche Prüfung wird übrigens von Amtsärzten abgenommen, die ihre Sache sehr ernst nehmen und eher allergisch auf esoterische Spinner reagieren). Einige aber doch, und die begründen dann den nicht unberechtigten schlechten Ruf der HPs: die Idioten sind immer sichtbarer, als die seriös arbeitenden. Meiner Meinung nach steht und fällt die Qualität der Behandlung mit dem Menschen als Behandler, nicht mit der Tatsache, ob jemand HP oder Arzt ist. Ein Arzt mit schlechtem Charakter und schlechter Arbeitseinstellung leistet auch keine gute Arbeit und auch hier gibt es Kompetenzüberschreitungen und Fehldiagnosen/Fehlbehandlungen. Ich zeige damit aber nicht nur auf die Anderen, dieses Problem besteht zweifelsfrei bei HPs auch. Ob es tatsächlich in einem höheren Maß besteht, als bei Ärzten, weiß ich nicht.

    Meine HP-Schule war, was die Dozenten angeht, ziemlich seriös besetzt, und von deren Seite wurde nichts Esoterisches verbreitet. Ich weiß aber, dass das nicht überall so ist.

    Das Problem beginnt eigentlich nach der Prüfung, da ich als HP alles an alternativen Heilverfahren anbieten kann, was ich will, ohne dass ich dahingehend irgendeine Form von Kurs/ Ausbildung vorweisen muss. Homöopathie, Chinesische Medizin, Geistheilung – du kannst dir alles aufs Schild schreiben. Führt dazu, dass niemand weiß, was „drin ist“, wenn Heilpraktiker draufsteht. Frage mal 10 Leute, ob sie wissen, was eigentlich ein HP ist/macht. Die Antworten fallen vermutlich divers aus und sind oft nicht wirklich zutreffend.

    Ich kenne HPs, die schulmedizinischer und gründlicher in der Diagnose arbeiten, als Ärzte. Ich kenne umgekehrt auch einige HPs, von denen ich mich nie behandeln lassen würde. Gleichzeitig ist aber ein HP, der eine mehrhundertstündige Ausbildung in TCM absolviert hat, dafür besser qualifiziert als ein Arzt, der nur einen Wochenendkurs absolvieren muss, um zu akupunktieren.

    Alle Arbeiten, die von einem HP verrichtet werden und weswegen die Patienten einen HP aufsuchen, können theoretisch auch von Ärzten abgedeckt werden. Warum wird also ein HP aufgesucht? Das ist meiner Meinung nach „dem System“ geschuldet. Ärzte nehmen sich oftmals kaum Zeit. HPs in der Regel schon. Alleine durch eine wirklich gründliche Anamnese und Diagnose, für die sich ein Hausarzt in der Regel 5 Minuten Zeit nimmt, ein HP oftmals eine Stunde, können viele Zusammenhänge erkannt werden.

    Aus einem Bereich, den ich aktiv wie passiv gut kenne, kann ich auch erzählen: bei Problemen am Bewegungsapparat ist der Weg zum entsprechend ausgebildeten HP (der vielleicht zusätzlich Physio oder gut ausgebildeter Trainer ist) meistens klüger, als der Weg zum Orthopäden. Notfallmedizinisch ist der Orthopäde natürlich Ansprechpartner der Wahl. Davon abgesehen herrscht oft Ratlosigkeit. Ein befreundeter Orthopäde führt das darauf zurück, dass Basics wie Muskelfunktionstests in der medizinischen Ausbildung fast keine Rolle spielen, dazu kommt auch hier wieder der Zeitfaktor. Oftmals hilft ein gründlicher Blick auf Körper und Bewegung, der in 5 Minuten aber nicht zu bewerkstelligen ist.

    Warum wird ein Physio zusätzlich HP? Als Physio bist du medizinischer Hilfsberuf. Der Arzt stellt die Diagnose, der Patient kommt mit Rezept zu dir, du darfst exklusiv machen, was auf dem Rezept steht. Als HP darf der Physio seine Diagnose selber stellen, der Patient braucht kein Rezept, und der Physio kann auch direkt eine Rechnung schreiben, die der privat versicherte Patient mit der KK abrechnen kann. Ich halte das für einen Gewinn sowohl für Therapeuten als auch Patienten.

    Abschließend kann ich sagen, dass ich der Überzeugung bin, dass HPs in vielen Bereichen gute Arbeit leisten, ohne esoterisch und unwissenschaftlich zu sein. Diese Arbeit könnte theoretisch auch von Ärzten/Physios verrichtet werden. Denen wird es systematisch/strukturell aber oftmals schwer gemacht. Die Voraussetzungen, die man erfüllen muss, um HP zu werden, sollten verschärft werden. Ich halte einerseits eine gewisse Standardisierung der Ausbildung für sinnvoll, auch verpflichtende Praktika, damit der HP nicht erst nach Abschluss der Prüfung ersten Patientenkontakt hat. Außerdem wäre es sinnvoll, eine Ausbildung überhaupt erst tatsächlich verpflichtend zu machen. Bisher kannst du dich theoretisch privat auf die Prüfungen vorbereiten. Das klappt allerdings nur, wenn du viel Vorwissen hast.

    Die Ausbildung „an Länge und Inhalt am Medizinstudium zu orientieren“ halte ich für unsinnig, weil der HP wirklich erheblich weniger tun/behandeln darf, als ein Arzt. Entsprechend kann sich auch Dauer/Inhalt der Ausbildung reduzieren.
    Ob „weitere Krankheiten von der Behandlung durch einen HP ausgeschlossen werden“ sollten, weiß ich nicht. Welche Krankheiten sollten das sein und warum? Darauf habe ich keine Antwort.

    Eine Abschaffung des Heilpraktikerberufes unterstütze ich theoretisch, wenn das restliche Gesundheitssystem so umstrukturiert wird, dass Ärzte sich Zeit nehmen können und nicht belohnt werden, wenn sie Medikamente verschreiben, die nicht nötig sind. Prävention und Anleitung zu Prävention muss stattdessen endlich (auch) belohnt werden. Faktisch lehne ich also eine Abschaffung des Heilpraktikerberufs ab.

  • bearbeitet November 2019

    @Jost schrieb:

    @Tobias schrieb:
    Eins vorweg: Als studierter, nichtklinisch tätiger Psychologe bekomme ich die Diskussion nur am Rande mit und wenn, dann nur im Bezug auf Heilpraktiker für Psychotherapie. Wobei da von einer Diskussion eigentlich keine Rede sein kann, sondern nur von Geringschätzung. Was nicht verwunderlich ist, weil viele Heilpraktiker für Psychotherapie nicht nur mit fragwürdigen Methoden arbeiten, sondern auch nach außen hin völlig unbescheiden auftreten.

    Dazu kann ich nicht viel sagen. Ich denke aber, dass ein unbescheidenes Auftreten vor allem am Menschen an sich liegt, und nicht daran, ob er HP, Arzt oder Psychologe ist.

    Ja, das liegt natürlich auch am Menschen an sich. Aber ich beobachte schon, dass manche Vertreter aller drei Gruppen auf ihre jeweils eigene Weise unbescheiden bzw. mit arrogantem Absolutheitsanspruch auftreten. Und der Umgang ist oft geprägt von einem allseitigen Herabschauen (das Folgende ist bewusst überspitzt und übertrieben ausgedrückt):

    Die Mediziner schauen auf die Psychologen herab, weil sie denken, dass alles Psychologische "weich" ist – und Medizin ist natürlich ganz, ganz doll "hart". Im StudiVz gab es damals eine Gruppe namens "Medizin muss klatschen", ich glaube, das sagt schon viel über die Sichtweise mancher Mediziner. Die Psychologen hingegen schauen auf die Heilpraktiker herab, weil die "weich" und esoterisch sind – und nichts mit Statistik und Forschungsmethoden zu tun haben. Und manche Heilpraktiker halten sich – so mein Eindruck – für moralisch überlegen, weil sie nicht im "System" sind, sondern "frei und selbstständig denken", ohne auf Geschenke von der Pharmaindustrie angewiesen zu sein.

    So sind natürlich nicht alle und die hassen sich auch nicht alle, es gibt ja auch viele Ärzte, Psychologen und Heilpraktiker, die einander schätzen und miteinander arbeiten, weil sie sich eher dafür interessieren, dass es ihren Patienten besser geht, als darum, wer "härter/weicher" oder "wissenschaftlicher/esoterischer" ist. Aber ich beobachte da schon eine sehr starke Abneigung der drei Gruppen untereinander.

    Aber Fun Fact zum HP-Gesetz: wusstest du, dass ein "großer HP" (also der nicht nur die Ausbildung für HP Psych gemacht hat), dennoch Psychotherapie anbieten darf? Obwohl Psychologie im Unterricht an den Schulen vielleicht ein, zwei Wochen einnimmt und das Niveau der ersten wenigen Stunden einer Grundlagenvorlesung im Psychologiestudium hat? Das wäre dann eine der zahlreichen Lücken des HP-Gesetzes, von denen kaum einer weiß und die bedenklich sind. Die Ausbildung zum HP Psych behandelt diese Themen immerhin ausschließlich und komplett.

    Ja, das hat mir mal eine Heilpraktikerin erzählt. Die meinte aber auch, in der Ausbildung würden psychische Störungen intensiv behandelt, von ein, zwei Wochen war nicht die Rede … Vielleicht hängt das ja auch von der Ausbildungsstätte ab.

    Weiterer Fun Fact: Wusstest du, dass man mit einem Master-Abschluss in Psychlogie beim Amt (ich glaube Gesundheitsamt) die Heilerlaubnis als Heilpraktiker beantragen kann? Je nach Stadt muss man dafür noch nicht mal eine Prüfung machen, und in einigen Städten braucht man noch nicht mal einen klinischen Schwerpunkt im Studium. Im schlimmsten Fall weiß man dann sogar noch weniger über klinische Psychologie als ein voll ausgebildeter HP Psych und darf direkt am Menschen arbeiten. Eine weitere Lücke des HP-Gesetzes.

    Dass in der HP-Branche alle Esoteriker sind, ist schlicht falsch. […] Einige aber doch, und die begründen dann den nicht unberechtigten schlechten Ruf der HPs: die Idioten sind immer sichtbarer, als die seriös arbeitenden.

    Dass alle HP Esoteriker sind halte auch ich für ein Vorurteil. Nach meiner Erfahrung sind aber die Esoteriker nicht nur sichtbarer, wie du schreibst, sondern auch am lautesten darin, ihre Methoden als allen anderen überlegen darzustellen. Und der Lauteste wird von mehr Menschen gehört als der Leise. (Und btw.: Viele Mediziner und Psychologen sind auf ihre Weise auch sehr esoterisch, sogar sektiererisch.)

    Alle Arbeiten, die von einem HP verrichtet werden und weswegen die Patienten einen HP aufsuchen, können theoretisch auch von Ärzten abgedeckt werden. Warum wird also ein HP aufgesucht? Das ist meiner Meinung nach „dem System“ geschuldet. Ärzte nehmen sich oftmals kaum Zeit. HPs in der Regel schon. Alleine durch eine wirklich gründliche Anamnese und Diagnose, für die sich ein Hausarzt in der Regel 5 Minuten Zeit nimmt, ein HP oftmals eine Stunde, können viele Zusammenhänge erkannt werden.

    […]

    Eine Abschaffung des Heilpraktikerberufes unterstütze ich theoretisch, wenn das restliche Gesundheitssystem so umstrukturiert wird, dass Ärzte sich Zeit nehmen können und nicht belohnt werden, wenn sie Medikamente verschreiben, die nicht nötig sind. Prävention und Anleitung zu Prävention muss stattdessen endlich (auch) belohnt werden. Faktisch lehne ich also eine Abschaffung des Heilpraktikerberufs ab.

    Ich finde, da sprichst du einen wichtigen Punkt an. Wir dürfen ja auch nicht vergessen, dass die Ärzte sich nicht deshalb so wenig Zeit für ihre Kassenpatienten nehmen, weil sie böse und fies und gemein sind, sondern weil sie von den Kassen nur sehr wenig Geld pro Patient pro Quartal ausgezahlt bekommen (falls überhaupt). Heilpraktiker können genauso wie Privatärzte alles fein säuberlich abrechnen, ohne ellenlang mit der Kasse diskutieren zu müssen, und bekommen für ihre Arbeit auch das, was sie (hoffentlich) wert ist. Die Frage ist nur: Wie kann man das Gesundheitssystem optimieren?

  • Nachtrag zum Elend der Psychologie: Zufälligerweise ist da gestern ein interessanter Artikel erschienen, den ich gerade erst gefunden habe. Auch Amy Cuddy und das Powerposing kommt vor:

    https://sueddeutsche.de/wissen/psychologie-koennte-quatsch-sein-1.4689473!amp?fbclid=IwAR32mW7DSwPypDKXelTCcI5432Nc2d30wy-2cqx7BW1VTsfciMQfChtqOBk

  • @Tobias schrieb:

    @Sascha schrieb:

    @Tobias schrieb:
    Eins vorweg: Als studierter, nichtklinisch tätiger Psychologe bekomme ich die Diskussion nur am Rande mit und wenn, dann nur im Bezug auf Heilpraktiker für Psychotherapie. Wobei da von einer Diskussion eigentlich keine Rede sein kann, sondern nur von Geringschätzung. Was nicht verwunderlich ist, weil viele Heilpraktiker für Psychotherapie nicht nur mit fragwürdigen Methoden arbeiten, sondern auch nach außen hin völlig unbescheiden auftreten.

    Imho bekleckern sich die klinische Psychologen selbst nicht gerade mit Ruhm. Es gibt prominente Fälle wie diese moralische Panik. Aber wenn man tiefer gräbt, dann findet man jede Menge (!) komisches Zeug.

    Ebenso ist die psychologische Wissenschaft ziemlich shaky, was man an der Replikationskrise sieht, in der sich vor allem gezeigt hat, dass sich auch forschende Psychologen nicht einmal mit der grundlegenden Mathematik auskannten. Vgl. diesen Artikel für Laien

    Yep, auch das Elend der Psychologie ist groß. Aber hier geht es ja um Heilpraktiker und nicht um Psychologen. (Ich plane ja schon länger einen Thread über das Elend der Psychologie zu eröffnen, das ist nämlich genau mein Ding; aber bisher bin ich noch nicht dazu gekommen, das sinnvoll auszuarbeiten.)

    Naja. Die Aussage, dass es gut ist das HP nicht über die Krankenkasse abgewickelt werden, muss ja vor dem Hintergrund der Alternativen gezogen werden. Und auch die Qualität der HP muss vor dem Hintergrund eines Vergleichswerts gemacht werden.

    @Jost Was für geile Gesetze. :smiley:

  • @Tobias schrieb:

    Weiterer Fun Fact: Wusstest du, dass man mit einem Master-Abschluss in Psychlogie beim Amt (ich glaube Gesundheitsamt) die Heilerlaubnis als Heilpraktiker beantragen kann? Je nach Stadt muss man dafür noch nicht mal eine Prüfung machen, und in einigen Städten braucht man noch nicht mal einen klinischen Schwerpunkt im Studium. Im schlimmsten Fall weiß man dann sogar noch weniger über klinische Psychologie als ein voll ausgebildeter HP Psych und darf direkt am Menschen arbeiten. Eine weitere Lücke des HP-Gesetzes.

    Nein, das wusste ich tatsächlich nicht. Ich gehe davon aus, dass es dann die Erlaubnis ist, als psychologischer und nicht als normaler Heilpraktiker zu arbeiten?!

  • Ja, genau "nur" psychologischer. Kann aber schon fatal genug sein, wenn da jemand einfach so die Heilerlaubnis kriegt, der sich in seinem Psychologiestudium nur minimal mit klinischer Psychologie, Psychopathologie etc. beschäftigt hat. So viel zur "Gefährdung für die Volksgesundheit" ;)

  • @Tobias schrieb:
    Ja, genau "nur" psychologischer. Kann aber schon fatal genug sein, wenn da jemand einfach so die Heilerlaubnis kriegt, der sich in seinem Psychologiestudium nur minimal mit klinischer Psychologie, Psychopathologie etc. beschäftigt hat. So viel zur "Gefährdung für die Volksgesundheit" ;)

    Ich habe gerade mal geschaut. Der Ausschluss der Gefährdung der Volksgesundheit stammt ja von ganz früher und bezieht sich ja vor allem darauf, dass Infektionskrankheiten erkannt werden sollen und Wissen vorhanden sein soll, was meldepflichtig ist und was nicht. Dass es der psychologische Heilpraktiker erst viel später dazugekommen ist, war mir neu. Eigentlich sollte das eine Übergangsmöglichkeit sein, um Psychologen vor der Psychotherapiereform 1999 die Ausübung der Psychotherapie zu ermöglichen. Du weißt das vermutlich, ich schreibe das auch für Mitleser. Der HP psych. ist damit seit 20 Jahren aus dieser Warte obsolet. Hat man dann wohl einfach so gelassen. Das ist schon irgendwie verrückt.

  • Cool, dass du noch mal nachgeschaut hast. An diese Reform habe ich jetzt gar nicht gedacht (jetzt kommt ja übrigens eine neue). Ich schätze, das erklärt, warum man mit seinem Diplom-/Masterabschluss in Psychologie die Erlaubnis beantragen kann, ohne vorher eine Heilpraktikerschule besucht zu haben. Dann kommt das noch von früher …

  • @Tobias schrieb:
    Ja, genau "nur" psychologischer. Kann aber schon fatal genug sein, wenn da jemand einfach so die Heilerlaubnis kriegt, der sich in seinem Psychologiestudium nur minimal mit klinischer Psychologie, Psychopathologie etc. beschäftigt hat. So viel zur "Gefährdung für die Volksgesundheit" ;)

    Ich bin mir da nicht so sicher, ob die Ausbildung der ausschlaggebende Punkt ist. Ich habe so viele werdende Psychologen kennengelernt und nur ein winziger Bruchteil von denen hat das charakterliche Rüstzeug dafür, um anderen Leuten wirklich eine Hilfe zu sein. Mein Credo ist: Man kann andere Leute nur auf das eigene Niveau heben.

    Ich denke, die Gefährdung liegt darin, dass die Kenntnis irgendeiner Therapietechnik mit einer tatsächlichen Kompetenz, die wesentlich von der emotionalen Stabilität des Anwendenden abhängt, gleichgesetzt wird.

  • bearbeitet November 2019

    Ja, die Persönlichkeit des Therapeuten ist auch ganz wichtig. Und wenn die nicht zur Tätigkeit passt, ist es egal, ob der Therapeut nun Psychiater, psychologischer Psychotherapeut oder Heilpraktiker ist. Auch die therapeutische Beziehung an sich ist sehr wichtig, also die Beziehung zwischen Therapeut und Patient. In der Psychotherapieforschung stellt sich die immer mehr als wichtigere Variable heraus als Therapierichtung und -technik.

    Direkt nach dem Psychologiestudium aber direkt ohne Ausbildung gleich mit der Heilpraktikererlaubnis therapeutisch loszuarbeiten wäre halt gerade deshalb ziemlich heftig, weil man im Psychologiestudium allerhöchstens ein erweitertes Grundlagenwissen über klinische Psychologie und Psychotherapie erwirbt. Der klinische Psychologe entsteht ja erst in der Therapieausbildung, die dann wieder mehrere Jahre dauert. Damit kann man meiner Meinung und Erfahrung nach noch nichts mit anfangen. Ist so wie nach dem Medizinstudium: Dann ist man zwar Arzt, hat aber erst mal nur viel auswendig gelernt.

  • @Sascha schrieb:
    Ich bin mir da nicht so sicher, ob die Ausbildung der ausschlaggebende Punkt ist. Ich habe so viele werdende Psychologen kennengelernt und nur ein winziger Bruchteil von denen hat das charakterliche Rüstzeug dafür, um anderen Leuten wirklich eine Hilfe zu sein. Mein Credo ist: Man kann andere Leute nur auf das eigene Niveau heben.

    Ich denke, die Gefährdung liegt darin, dass die Kenntnis irgendeiner Therapietechnik mit einer tatsächlichen Kompetenz, die wesentlich von der emotionalen Stabilität des Anwendenden abhängt, gleichgesetzt wird.

    Was hatten diese Personen an sich, dass du zu dem Schluss gekommen bist, sie könnten keine Hilfe für andere sein?

  • @HB312

    Teilweise waren das keine aufmerksamen Zuhörer. Teilweise wollten sie durch Hilfe vermeiden, sich selbst zu helfen. Teilweise waren das machtgierige Menschen (auch ein Grund für Helferkomplexe). Ganz unterschiedlich.

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