#63: Respektlosigkeit der Moderne | Verantwortung als Serotoninhack | Mann ist man nur mit Frau

Kommentare

    1. Zu deiner Aussage, dass psychologische Erklärungen für Phänomene wie erlernte Hilflosigkeit nur auf einer deskriptiven Ebene sinnvoll seien, weil sie den individuell Handelnden außer Acht lassen: Denkst du denn, dass es die Aufgabe der Psychologie ist, über die deskriptive Ebene hinauszugehen? Wenn man die Psychologie als eine Grundlagenwissenschaft des menschlichen Verhaltens und Erlebens sehen wollte, hätte sie dann überhaupt etwas jenseits der deskriptiven Ebene zu suchen? Im Prinzip könntest du mit deiner Aussage übrigens auch eine gute Grundlage für die Trennung von Psychologie und Psychotherapie/Psychiatrie gelegt haben: Die Psychologie wäre dann für die allgemeine und möglichst abstrakte und allgemeine Beschreibung der Phänomene des menschlichen Verhaltens und Erlebens zuständig, die Psychotherapie/Psychiatrie für die Anpassung des Verhaltens und Erlebens der Einzelperson, denn das ist es letzten Endes, was in einer psychotherapeutischen/psychiatrischen Behandlung passiert, ob mit Medikamenten oder mit Beziehungsarbeit.

    2. Zu dem Feiern von Inkompetenz und Harmlosigkeit: Ich sehe darin auch ein Feiern von Verletzlichkeit sowohl auf persönlicher, aber auch auf gesellschaftlicher Ebene, das heute sehr stark ausgeprägt ist. Quasi das Gegenteil zu vergangenen Jahrhunderten, in denen eher Stärke, Härte und Heldentum gefeiert wurden. Ich finde es spannend, wie das noch weitergeht. Das Feiern von Stärke, Härte und Heldentum hat – neben sehr vielen anderen Dingen – immerhin zu zwei Weltkriegen geführt. Wohin wird uns das Feiern von Verletzlichkeit wohl führen?

  • 1: Die Aufgabe der Psychologie

    Zu deiner Aussage, dass psychologische Erklärungen für Phänomene wie erlernte Hilflosigkeit nur auf einer deskriptiven Ebene sinnvoll seien, weil sie den individuell Handelnden außer Acht lassen: Denkst du denn, dass es die Aufgabe der Psychologie ist, über die deskriptive Ebene hinauszugehen? Wenn man die Psychologie als eine Grundlagenwissenschaft des menschlichen Verhaltens und Erlebens sehen wollte, hätte sie dann überhaupt etwas jenseits der deskriptiven Ebene zu suchen? Im Prinzip könntest du mit deiner Aussage übrigens auch eine gute Grundlage für die Trennung von Psychologie und Psychotherapie/Psychiatrie gelegt haben: Die Psychologie wäre dann für die allgemeine und möglichst abstrakte und allgemeine Beschreibung der Phänomene des menschlichen Verhaltens und Erlebens zuständig, die Psychotherapie/Psychiatrie für die Anpassung des Verhaltens und Erlebens der Einzelperson, denn das ist es letzten Endes, was in einer psychotherapeutischen/psychiatrischen Behandlung passiert, ob mit Medikamenten oder mit Beziehungsarbeit.

    Man kann es so sehen, dass Psychologie eine rein beschreibende Wissenschaft sein soll. Genau genommen ist das die einzige Möglichkeit, wie Psychologie überhaupt eine reine Wissenschaft sein kann. Schließlich ist es der Anspruch der Wissenschaft “objektiv” die “Realität” zu beschreiben. Ich setze beides bewusst und ausdrücklich in Klammern, weil überhaupt nicht klar ist, was wirklich damit gemeint ist. Als Alltagsbegriffe sind beide unproblematisch. Aber wenn man damit in der Wissenschaft hausieren geht, bewegt man sich auf sehr dünnem Eis.

    Aber damit ist der gesamte Bereich der Pathologie und der psychischen Gesundheit rausgeschmissen. Um zu entscheiden, was gesund und was krank ist, muss man zwingend Werturteile fällen. Meine Arbeit könnte man als psychologisch bezeichnen. Aber die Werturteile, die ich meiner Arbeit zu Grunde lege, sind moralischer Natur. In der modernen Psychologie ist es nicht relevant, ob ein Verhalten gerecht ist. Elon Musk würde sicherlich als psychisch krank gelten. Er beschreibt sich als leidenden, getriebenen Menschen. Man sieht ihm seine Sorge, seine Unruhe und Getriebenheit an. Doch sein Leben dreht sich nicht um sich selbst. Sein Leben dreht sich um das Opfer, das er bringt.

    Ein hervorragendes Beispiel für das Versagen der Psychologie kann man sich selbst geben, indem man versucht den Begriff der psychischen Krankheit auf die dargestellten Athleten der Dokumentation The Price of Gold anzuwenden. Das körperlich selbstschädigende Verhalten, die Fixierung und die psychische Abhängigkeit vom Sport drängen einem gerade zu das Urteil auf, dass diese Leute krank sind. Doch nur vor dem Hintergrund, dass so eine Goldmedaille nicht der höchste Wert ist, den es im Leben anzustreben gilt.

    Damit habe ich dir erstmal Recht gegeben. Damit ist jedoch die Psychologie sehr ausgehöhlt. Eine wissenschaftliche Disziplin ist ja nicht nur ein theoretisches Konstrukt. Sie lebt schließlich auch zusammen mit dem Menschen die sie betreiben, den Fakultäten, der Politik, der Wirtschaft und so weiter. Damit der beschreibende Teil der Psychologie lebendig bleibt, braucht die Psychologie beispielsweise Studenten, die motiviert sind. Bloße deskriptive Forschung ist so trocken und mürbe, dass die Psychologie viele Menschen verlöre. Freuds Leistung war ja auch nicht einfach von bloßer Faszination genährt. Es ging um das Gespräch, die Faszination für das Dunkle und der Frage, wie man ihm entkommen kann. Die Pathologie ist einer der wichtigsten Treibkräfte für die Neurologie. Und so weiter. Die Psychologie verlöre einen großen Teil ihrer Relevanzkriterien.

    Ich habe das in meiner eigenen Zeit als Student gut beobachten können. Kaum ein Student, Doktorand oder Professor war wirklich und wahrhaftig begeistert vom eigenen Fach. Professoren haben im Sommer ihre Freiheiten genutzt, um im Freibad zu faulenzen. Doktoranden sind erschöpft von wenigen Stunden Arbeit pro Tag und tricksen, um sich Arbeit zu ersparen. Und Studenten sind sowieso faule Lumpen. :wink: Eine rein beschreibende Psychologie wäre meiner Meinung nach tot und es mangelnde ihr an Inspiration, um sich selbst am Leben zu halten.

    Die Lösung, die mir vorschwebte ist, dass es nur sehr wenig Spezialisten gibt, dafür aber Studiengänge sehr viel angewandter gestaltet werden. Sehr kleine, sehr (!) anspruchsvolle Universitäten und große, pragmatisch gestaltete Fachuniversitäten fände ich sinnvoll. Ein Psychologe, der keine Ahnung von Sinn- oder Existenzialismus hat, ist meiner Meinung nach äußerst unvollständig. Aber auch ein Psychologe, der nicht Grundlagen der Ernährung oder meditativer Praktiken beherrscht, hat meiner Meinung nach große Lücken. Daher sollte man Psychologie als angewandte Wissenschaft studieren und anschließend die Option haben, sich für Grundlagenforschung zu qualifizieren. Das heißt aber auch, dass man eben das, was wir heute als Psychologie bezeichnen, heftig erweitern sollte.

    Meine praktische Folge aus dieser Kritik läuft also genau gegenteilig zu dem, was du schreibst.

    2: Das Feiern von Inkompetenz

    Es ist kein Feiern von Verletzlichkeit. Im Englischen kann man das sehr gut unterscheiden:

    1. Being vulnerable.
    2. Being weak.

    Ok. Geht im Deutschen auch. Ist ein klassischer Peterson.

    Gut, du schreibst “auch darin”. Mir scheint es aber eine Ausrede zu sein. Seine eigene Verletzlichkeit anzuerkennen ist vor dem Hintergrund vernünftig, wenn man es auf dem Standpunkt der Kompetenz macht. Anstatt sie zu verdrängen, erkennt man sie an. Das erfordert Ehrlichkeit zu sich selbst. Doch hoffentlich bleibt man nicht dabei stehen, sondern arbeitet an dieser Verletzlichkeit. Und man nimmt sie nicht als willkommene Ausrede keine Verantwortung zu übernehmen.

    Doch eben das scheint mir heute mehr und mehr praktiziert zu werden. Es wäre präziser zu sagen, dass wir mehr und mehr in einem Zeitalter der Verantwortungslosigkeit leben. Deswegen reagiere ich auch empfindlich auf psychologische Erklärungen, weil sie allzu oft so benutzt werden, um Menschen ihre Verantwortung zu nehmen. Und eben das führt dazu, dass wir Menschen uns gegenseitig schwächer und schwächer machen.

    Ich bestreite auch sehr stark, dass die beiden Weltkriege auf einem Feiern von Stärke und Härte basieren. Der zweite Weltkrieg konnte nur gestartet werden, weil Hitler auf großartige Weise die Deutschen als Opfer inszeniert hat. Da wurde nicht Stärke gefeiert, sondern sie war das Gegengift der selbstwahrgenommenen Schwäche der Deutschen. Dabei haben sich die Menschen systematisch die Verantwortung nehmen lassen und sich mehr und mehr eingereiht.

    Das hat nun wenig mit Feiern von Stärke zu tun. Vielmehr ist es gerade zu offen sklavenmoralisch (wie Nietzsche sagen würde): Die eigene Moral wird im ersten Schritt durch Bezug auf einen Feind und Unterdrücker entwickelt. Es entsteht das Paar von Gut und Böse.

  • bearbeitet Oktober 2019

    @Sascha schrieb:

    1: Die Aufgabe der Psychologie

    Aber damit ist der gesamte Bereich der Pathologie und der psychischen Gesundheit rausgeschmissen.

    Das ist aber auch nur ein relativ kleiner Teilbereich der Psychologie: die klinische Psychologie bzw. Psychotherapie als Anwendungsfächer. Daneben gibt es noch sehr viele weitere Bereiche der Psychologie, die mit psychischer Gesundheit und Pathologie nichts zu tun haben. Eine Doktorandin z. B., die für ihre Dissertation Augenbewegungen beim Bedienen von Computerprogrammen untersucht, ist genauso Diplom- oder Master-Psychologin wie eine Psychotherapeutin mit eigener Praxis, obwohl beide beide an völlig unterschiedlichen Dingen arbeiten.

    Ein Psychologe, der keine Ahnung von Sinn- oder Existenzialismus hat, ist meiner Meinung nach äußerst unvollständig. Aber auch ein Psychologe, der nicht Grundlagen der Ernährung oder meditativer Praktiken beherrscht, hat meiner Meinung nach große Lücken.

    Wenn du hier mit Psychologe einen klinischen Psychologen bzw. Psychotherapeuten meinst, stimme ich dir absolut zu. Aber besagte Doktorandin, die Augenbewegungen beim Bedienen von Computerprogrammen untersucht, braucht das alles nicht.

    Die Lösung, die mir vorschwebte ist, dass es nur sehr wenig Spezialisten gibt, dafür aber Studiengänge sehr viel angewandter gestaltet werden. Sehr kleine, sehr (!) anspruchsvolle Universitäten und große, pragmatisch gestaltete Fachuniversitäten fände ich sinnvoll. Daher sollte man Psychologie als angewandte Wissenschaft studieren und anschließend die Option haben, sich für Grundlagenforschung zu qualifizieren. Das heißt aber auch, dass man eben das, was wir heute als Psychologie bezeichnen, heftig erweitern sollte.

    Die aktuelle Entwicklung führt ja in eine ähnliche Richtung. Es gibt an vielen Universitäten schon inter- und transdiziplinäre Studiengänge, z. B. Human Factors (ein Mix aus psychologischen Grundlagenfächern wie Kognitionspsychologie oder eben besagten Augenbewegungsuntersuchungen, Ingenieurswissenschaften und Informatik) oder verschiedene wirtschaftspsychologische Studiengänge, in denen BWL, Volkswirtschaftslehre und verschiedene Grundlagen- und Anwendungsfächer der Psychologie kombiniert werden.

    Außerdem, vielleicht noch interessanter für dich: Unser hoch sympathischer und dynamischer Gesundheitsminister hat die Psychotherapeutenausbildung reformiert. Jetzt wird es neben dem Psychologiestudium ein Psychotherapiestudium geben, in dem Studenten direkt zu Psychotherapeuten ausgebildet werden. Das klassische Psychologiestudium wird dann mit allem zu tun haben, aber nicht mehr mit klinischer Psychologie.

    Meine praktische Folge aus dieser Kritik läuft also genau gegenteilig zu dem, was du schreibst.

    Ja, das dachte ich mir. Ich muss aber auch ganz ehrlich sagen, dass ich mich als Psychologe immer etwas getriggert fühle, wenn Nichtpsychologen die Psychologie so darstellen, als bestünde sie nur aus der klinischen Psychologie. Wenn ich sage, ich habe Psychologie studiert, werde ich dann ständig zu psychischer Gesundheit oder Psychotherapie gefragt. Dabei habe ich damit gar nichts zu tun und wollte es auch nie. Da habe ich wohl einfach das falsche Fach studiert ;)

    2: Das Feiern von Inkompetenz

    Seine eigene Verletzlichkeit anzuerkennen ist vor dem Hintergrund vernünftig, wenn man es auf dem Standpunkt der Kompetenz macht. Anstatt sie zu verdrängen, erkennt man sie an. Das erfordert Ehrlichkeit zu sich selbst. Doch hoffentlich bleibt man nicht dabei stehen, sondern arbeitet an dieser Verletzlichkeit. Und man nimmt sie nicht als willkommene Ausrede keine Verantwortung zu übernehmen.

    Mir ging es ja nicht nur um das Anerkennen der Verletzlichkeit. Es ging mir darum, sich so richtig schön darin zu suhlen und nicht aus der emotionalen Suhle aufzustehen. Ich habe "Feiern" nämlich im aktuellen, eher jugendsprachlichen Gebrauch gemeint, im Sinne von "ich feier das voll". Ich sehe das oft in Artikeln auf ze.tt, bei Vice oder ähnlichen Seiten: Sehr junge Menschen, die Artikel schreiben nach dem Motto "Das Leben ist so gemein, ich kann nicht viel, doch eines kann ich ganz gut: Mich verletzt, beleidigt, getriggert oder sonstwie scheiße fühlen. Und das ist toll, denn: Ich fühle, also bin ich!".

    Deswegen reagiere ich auch empfindlich auf psychologische Erklärungen, weil sie allzu oft so benutzt werden, um Menschen ihre Verantwortung zu nehmen. Und eben das führt dazu, dass wir Menschen uns gegenseitig schwächer und schwächer machen.

    Erst mal kleine Randnotiz dazu: Das finde ich sehr spannend, weil du nicht der einzige bist, der empfindlich auf psychologische Erklärungen reagiert. Viele andere machen das auch, aber aus einem ganz anderen Grund als du: Sie reagieren empfindlich auf psychologische Erklärungen, weil sie – ganz im Gegenteil zu dir – denken, dass psychologische Erklärungen sie für Dinge verantwortlich machen, die ihrer Meinung nach gesellschaftliche Probleme sind. Menschen die glauben, "das Private ist politisch". (Was ich btw. für absoluten Quatsch halte; die Kritische Theorie ist aus gutem Grund schon lange out, nur in Frankfurt tritt Habermas noch regelmäßig auf, aber er ist inzwischen ein Zombie.)

    Meine Meinung dazu: Natürlich kann man psychologische Erklärungen immer auch als Ausreden benutzen. Dafür kann aber die Psychologie nichts. Oder in diesem Fall Martin Seligman. Der wollte ja nicht erklären, wie Depressionen entstehen, und dann die Depressiven von ihrer Verantwortung für ihre Situation entlasten; der wollte Lern- und Konditionierungsprozesse an Hunden untersuchen. Dabei fand er das, was er "erlernte Hilflosigkeit" nannte. (Übrigens wurde die erlernte Hilflosigkeit auch in vielen anderen Anwendungs- und Grundlagenfächern der Psychologie rezipiert, von der Motivationspsychologie bis hin Pädagogischen Psychologie.) Wenn Menschen psychologische Erklärungen über die Erklärung hinaus als Entschuldigung benutzen, dann liegt das meiner Meinung nach eher an deren Unreife als an der Psychologie.

    Ich bestreite auch sehr stark, dass die beiden Weltkriege auf einem Feiern von Stärke und Härte basieren.

    Ja, das bestreite ich auch. Deshalb habe ich auch den Zusatz "– neben sehr vielen anderen Dingen –" verwendet. Das Feiern von Stärke, Härte und Heldentum wurde ja nicht von Kaiser Friedrich, Hitler und Co. erfunden, das war schon sehr lange Zeit in der Welt, als viele von ihnen noch gar nicht gelebt haben ("Ein preußischer Mann weint nicht"). Ich halte es nur für einen guten Nährboden, auf dem all das schneller wachsen konnte.

  • @Tobias Habe ich hier nicht schon darauf geantwortet? Kannst du dich an etwas erinnern?

  • Nicht dass ich wüsste, also zumindest nicht hier und im Stream auch nicht.

  • @Tobias schrieb:

    @Sascha schrieb:

    1: Die Aufgabe der Psychologie

    Aber damit ist der gesamte Bereich der Pathologie und der psychischen Gesundheit rausgeschmissen.

    Das ist aber auch nur ein relativ kleiner Teilbereich der Psychologie: die klinische Psychologie bzw. Psychotherapie als Anwendungsfächer. Daneben gibt es noch sehr viele weitere Bereiche der Psychologie, die mit psychischer Gesundheit und Pathologie nichts zu tun haben. Eine Doktorandin z. B., die für ihre Dissertation Augenbewegungen beim Bedienen von Computerprogrammen untersucht, ist genauso Diplom- oder Master-Psychologin wie eine Psychotherapeutin mit eigener Praxis, obwohl beide beide an völlig unterschiedlichen Dingen arbeiten.

    Dieses Genauso ist falsch. Psychologie mischt gerade unterschiedliche Bereiche in sich zusammen. Im Grunde ist es weder ein Argument für deine Seite, weil ich sagen könnte: "Ja, siehste. Da ist das Problem." Noch für meine Seite, weil sie faktisch als Psychologin gilt, wenn es nur um ihr Zertifikat geht.

    Ein Psychologe, der keine Ahnung von Sinn- oder Existenzialismus hat, ist meiner Meinung nach äußerst unvollständig. Aber auch ein Psychologe, der nicht Grundlagen der Ernährung oder meditativer Praktiken beherrscht, hat meiner Meinung nach große Lücken.

    Wenn du hier mit Psychologe einen klinischen Psychologen bzw. Psychotherapeuten meinst, stimme ich dir absolut zu. Aber besagte Doktorandin, die Augenbewegungen beim Bedienen von Computerprogrammen untersucht, braucht das alles nicht.

    Braucht sich aber auch nicht Psychologin zu nennen, sondern eher Kognitionsforscherin.

    Die Lösung, die mir vorschwebte ist, dass es nur sehr wenig Spezialisten gibt, dafür aber Studiengänge sehr viel angewandter gestaltet werden. Sehr kleine, sehr (!) anspruchsvolle Universitäten und große, pragmatisch gestaltete Fachuniversitäten fände ich sinnvoll. Daher sollte man Psychologie als angewandte Wissenschaft studieren und anschließend die Option haben, sich für Grundlagenforschung zu qualifizieren. Das heißt aber auch, dass man eben das, was wir heute als Psychologie bezeichnen, heftig erweitern sollte.

    Die aktuelle Entwicklung führt ja in eine ähnliche Richtung. Es gibt an vielen Universitäten schon inter- und transdiziplinäre Studiengänge, z. B. Human Factors (ein Mix aus psychologischen Grundlagenfächern wie Kognitionspsychologie oder eben besagten Augenbewegungsuntersuchungen, Ingenieurswissenschaften und Informatik) oder verschiedene wirtschaftspsychologische Studiengänge, in denen BWL, Volkswirtschaftslehre und verschiedene Grundlagen- und Anwendungsfächer der Psychologie kombiniert werden.

    Außerdem, vielleicht noch interessanter für dich: Unser hoch sympathischer und dynamischer Gesundheitsminister hat die Psychotherapeutenausbildung reformiert. Jetzt wird es neben dem Psychologiestudium ein Psychotherapiestudium geben, in dem Studenten direkt zu Psychotherapeuten ausgebildet werden. Das klassische Psychologiestudium wird dann mit allem zu tun haben, aber nicht mehr mit klinischer Psychologie.

    Wenn ich nicht bezweifeln würde, dass das praktisch ganz müllig gemacht wird, wären das gute Nachrichten. :smile:

    Meine praktische Folge aus dieser Kritik läuft also genau gegenteilig zu dem, was du schreibst.

    Ja, das dachte ich mir. Ich muss aber auch ganz ehrlich sagen, dass ich mich als Psychologe immer etwas getriggert fühle, wenn Nichtpsychologen die Psychologie so darstellen, als bestünde sie nur aus der klinischen Psychologie. Wenn ich sage, ich habe Psychologie studiert, werde ich dann ständig zu psychischer Gesundheit oder Psychotherapie gefragt. Dabei habe ich damit gar nichts zu tun und wollte es auch nie. Da habe ich wohl einfach das falsche Fach studiert ;)

    Siehe oben. Klarer wäre es, wenn man Kognitionswissenschaften abtrennt und den Bereich der Psychologie nochmal neu definiert. Kognitionswissenschaft wäre Hilfswissenschaft und Pathologie darf nicht im Zentrum stehen.

    2: Das Feiern von Inkompetenz

    Seine eigene Verletzlichkeit anzuerkennen ist vor dem Hintergrund vernünftig, wenn man es auf dem Standpunkt der Kompetenz macht. Anstatt sie zu verdrängen, erkennt man sie an. Das erfordert Ehrlichkeit zu sich selbst. Doch hoffentlich bleibt man nicht dabei stehen, sondern arbeitet an dieser Verletzlichkeit. Und man nimmt sie nicht als willkommene Ausrede keine Verantwortung zu übernehmen.


    Mir ging es ja nicht nur um das Anerkennen der Verletzlichkeit. Es ging mir darum, sich so richtig schön darin zu suhlen und nicht aus der emotionalen Suhle aufzustehen. Ich habe "Feiern" nämlich im aktuellen, eher jugendsprachlichen Gebrauch gemeint, im Sinne von "ich feier das voll". Ich sehe das oft in Artikeln auf ze.tt, bei Vice oder ähnlichen Seiten: Sehr junge Menschen, die Artikel schreiben nach dem Motto "Das Leben ist so gemein, ich kann nicht viel, doch eines kann ich ganz gut: Mich verletzt, beleidigt, getriggert oder sonstwie scheiße fühlen. Und das ist toll, denn: Ich fühle, also bin ich!".

    Ah. ok. Ich glaube, wir reden aneinander vorbei. Im WW war gerade die Selbstinzenierung als Opfer der Zündstoff. Hier ist bisher noch nichts gezündet. Deswegen ist auch nicht zu sagen, was genau dann die Reaktion auf die Opferhaltung ist. Aber der Anfang ist gleich.

    Deswegen reagiere ich auch empfindlich auf psychologische Erklärungen, weil sie allzu oft so benutzt werden, um Menschen ihre Verantwortung zu nehmen. Und eben das führt dazu, dass wir Menschen uns gegenseitig schwächer und schwächer machen.

    Erst mal kleine Randnotiz dazu: Das finde ich sehr spannend, weil du nicht der einzige bist, der empfindlich auf psychologische Erklärungen reagiert. Viele andere machen das auch, aber aus einem ganz anderen Grund als du: Sie reagieren empfindlich auf psychologische Erklärungen, weil sie – ganz im Gegenteil zu dir – denken, dass psychologische Erklärungen sie für Dinge verantwortlich machen, die ihrer Meinung nach gesellschaftliche Probleme sind. Menschen die glauben, "das Private ist politisch". (Was ich btw. für absoluten Quatsch halte; die Kritische Theorie ist aus gutem Grund schon lange out, nur in Frankfurt tritt Habermas noch regelmäßig auf, aber er ist inzwischen ein Zombie.)

    Das ist mir ja noch nie begegnet. Wie läuft denn da die Argumentation?

    Meine Meinung dazu: Natürlich kann man psychologische Erklärungen immer auch als Ausreden benutzen. Dafür kann aber die Psychologie nichts. Oder in diesem Fall Martin Seligman. Der wollte ja nicht erklären, wie Depressionen entstehen, und dann die Depressiven von ihrer Verantwortung für ihre Situation entlasten; der wollte Lern- und Konditionierungsprozesse an Hunden untersuchen. Dabei fand er das, was er "erlernte Hilflosigkeit" nannte. (Übrigens wurde die erlernte Hilflosigkeit auch in vielen anderen Anwendungs- und Grundlagenfächern der Psychologie rezipiert, von der Motivationspsychologie bis hin Pädagogischen Psychologie.) Wenn Menschen psychologische Erklärungen über die Erklärung hinaus als Entschuldigung benutzen, dann liegt das meiner Meinung nach eher an deren Unreife als an der Psychologie.

    Klar. Grundsätzlich ist immer der Handelnde für sein verantwortlich.

    Ich bestreite auch sehr stark, dass die beiden Weltkriege auf einem Feiern von Stärke und Härte basieren.

    Ja, das bestreite ich auch. Deshalb habe ich auch den Zusatz "– neben sehr vielen anderen Dingen –" verwendet. Das Feiern von Stärke, Härte und Heldentum wurde ja nicht von Kaiser Friedrich, Hitler und Co. erfunden, das war schon sehr lange Zeit in der Welt, als viele von ihnen noch gar nicht gelebt haben ("Ein preußischer Mann weint nicht"). Ich halte es nur für einen guten Nährboden, auf dem all das schneller wachsen konnte.

    Gibt ja den Spruch "Diversity is our strength". Anstatt blond ist heute bunt die gewollte Identität. Sehe immer noch keinen Unterschied. :smile:

  • bearbeitet November 2019

    @Sascha schrieb:

    Dieses Genauso ist falsch.

    Das _Genauso _ ist eben nicht falsch. Das, was für dich offenbar ein Psychologe ist, ist ja nicht nur ein einfacher Master- oder Diplompsychologe, sondern ein Master- oder Diplompsychologe mit anschließender Weiterbildung zum psychologischen Psychotherapeuten. Erst in dieser Ausbildung entsteht das, was du einen Psychologen nennst – nämlich ein Psychotherapeut, ein klinischer Psychologe. Davor ist er erst mal einfach nur ein Master- oder Diplompsychologe. Genauso wie z. B. Mihalyi Csziksentmihalyi oder Daniel Kahnemann, die nach ihrem Psychologiestudium keine Therapeutenausbildung gemacht haben (meines Wissens) und stattdessen in die Forschung gegangen sind.

    Insgesamt vermute ich, dass wir beide einfach eine andere Auffassung davon haben, wer oder was ein Psychologe ist. Du scheinst mir da näher am alltagssprachlichen Wortgebrauch zu sein, wie es auch beispielsweise Menschen sind, die sagen "Ich gehe zum Psychologen", wenn sie eigentlich meinen "Ich gehe zum psychologischen Psychotherapeuten". Ist auch okay. Denn welcher echte Mensch spricht schon so?

    Braucht sich aber auch nicht Psychologin zu nennen, sondern eher Kognitionsforscherin.

    Ja, genau so wie ein Diplom-Maschinenbauer, der nicht im Unternehmen arbeitet, sondern in der universitären Forschung, sich auch "Maschinenforscher" statt Maschinenbauer nennen könnte ;) "Academia" vs. "real world" halt.

    Wenn ich nicht bezweifeln würde, dass das praktisch ganz müllig gemacht wird, wären das gute Nachrichten. :smile:

    Ich fürchte auch, dass das ganz müllig gemacht wird. Aber vielleicht kann es ja auch funktionieren. Ich finde jedenfalls gut, dass die klinische Psychologie von der Gesamtpsychologie abgelöst wird.

    Siehe oben. Klarer wäre es, wenn man Kognitionswissenschaften abtrennt und den Bereich der Psychologie nochmal neu definiert. Kognitionswissenschaft wäre Hilfswissenschaft und Pathologie darf nicht im Zentrum stehen.

    Die Pathologie stand ja noch nie im Zentrum der Psychologie, sondern das menschliche Verhalten und Erleben in all seinen Facetten. Die Pathologie des Verhaltens und Erlebens ist nur ein sehr kleiner Teil davon. Auch die Kognitionspsychologie ist nur ein kleiner Teil davon. Aber du hast recht: In einem Studium der klinischen Psychologie, wie es jetzt eingeführt wird, wird natürlich die Kognitionspsychologie eine wichtige Hilfswissenschaft sein.

    ## 2: Das Feiern von Inkompetenz
    Ah. ok. Ich glaube, wir reden aneinander vorbei. Im WW war gerade die Selbstinzenierung als Opfer der Zündstoff. Hier ist bisher noch nichts gezündet. Deswegen ist auch nicht zu sagen, was genau dann die Reaktion auf die Opferhaltung ist. Aber der Anfang ist gleich.

    Ja, ich bin auch gespannt, wie sich das entwickelt. Im Prinzip haben die Nazis vor dem Krieg ja auch nicht viel anderes gemacht als Identitätspolitik, so wie es heute jede Gruppe für sich macht. Schauen wir mal, was hier gezündet wird.

    Das ist mir ja noch nie begegnet. Wie läuft denn da die Argumentation?

    Ganz stark vereinfacht und möglichst neutral formuliert: Unsere Gesellschaftsform (Kapitalismus) hat zu großer sozialer Ungleichheit geführt, die wiederum zu individuellen Problemen führt. Diese individuellen Probleme können aber nicht auf individueller Ebene gelöst werden, weil sie so tief in der Sozialstruktur verankert sind, dass sie, falls überhaupt, nur top-down gelöst werden können. Psychologische Erklärungen – so die Kritisch Theoretisch Argumentierenden – lenken aber von diesem Umstand ab, indem sie den Schwerpunkt weg von der Sozialstruktur hin zum Individuum legen und somit dem Individuum die Verantwortung für seine Probleme geben. Das nennen sie dann "Psychologisierung sozialer bzw. struktureller Probleme".

    Hier findest du eine – wie ich persönlich finde – nicht allzu überdrehte Annäherung an diese Argumentation am Beispiel von Burn-out:

    Keupp, H. (2016). Das erschöpfte Selbst der Psychologie. Journal für Psychologie, 25(2), 7-36. Verfügbar unter: https://journal-fuer-psychologie.de/index.php/jfp/article/view/409

    Um jetzt wieder auf deine Allergie auf psychologische Erklärungen zurückzukommen: Könnte man es so zusammenfassen, dass du im Gegensatz zu oben genannten Sozialkritikern nicht eine Psychologisierung sozialer Probleme kritisierst, sondern eine Psychologisierung moralischer Probleme?

  • @Tobias schrieb:

    @Sascha schrieb:

    Dieses Genauso ist falsch.

    Das _Genauso _ ist eben nicht falsch. Das, was für dich offenbar ein Psychologe ist, ist ja nicht nur ein einfacher Master- oder Diplompsychologe, sondern ein Master- oder Diplompsychologe mit anschließender Weiterbildung zum psychologischen Psychotherapeuten. Erst in dieser Ausbildung entsteht das, was du einen Psychologen nennst – nämlich ein Psychotherapeut, ein klinischer Psychologe. Davor ist er erst mal einfach nur ein Master- oder Diplompsychologe. Genauso wie z. B. Mihalyi Csziksentmihalyi oder Daniel Kahnemann, die nach ihrem Psychologiestudium keine Therapeutenausbildung gemacht haben (meines Wissens) und stattdessen in die Forschung gegangen sind.

    Insgesamt vermute ich, dass wir beide einfach eine andere Auffassung davon haben, wer oder was ein Psychologe ist. Du scheinst mir da näher am alltagssprachlichen Wortgebrauch zu sein, wie es auch beispielsweise Menschen sind, die sagen "Ich gehe zum Psychologen", wenn sie eigentlich meinen "Ich gehe zum psychologischen Psychotherapeuten". Ist auch okay. Denn welcher echte Mensch spricht schon so?

    Siehe unten. Man ist eben das, was man macht. Bin ja auch kein Abiturient mehr, obwohl ich Abi gemacht habe. :smile:

    Braucht sich aber auch nicht Psychologin zu nennen, sondern eher Kognitionsforscherin.

    Ja, genau so wie ein Diplom-Maschinenbauer, der nicht im Unternehmen arbeitet, sondern in der universitären Forschung, sich auch "Maschinenforscher" statt Maschinenbauer nennen könnte ;) "Academia" vs. "real world" halt.

    Oder einfach: Ingenieur in der Forschung :smile: . Oder wie der Mensch, der ein Diplom im Maschinenbau hat, aber im Unternehmen nicht mehr als Ingenieur arbeitet. Der nennt sich dann Unternehmensberater, weil es das ist, was er macht.

    Ich vermeide gerne sprachlichen Bloat. Ein Psychologe ist jemand, der die Logik der Seele zu seinem Gegenstand gemacht hat. Augenbewegungen sind das nicht. Das ist Kognition.

    Wenn ich nicht bezweifeln würde, dass das praktisch ganz müllig gemacht wird, wären das gute Nachrichten. :smile:

    Ich fürchte auch, dass das ganz müllig gemacht wird. Aber vielleicht kann es ja auch funktionieren. Ich finde jedenfalls gut, dass die klinische Psychologie von der Gesamtpsychologie abgelöst wird.

    Siehe oben. Klarer wäre es, wenn man Kognitionswissenschaften abtrennt und den Bereich der Psychologie nochmal neu definiert. Kognitionswissenschaft wäre Hilfswissenschaft und Pathologie darf nicht im Zentrum stehen.

    Die Pathologie stand ja noch nie im Zentrum der Psychologie, sondern das menschliche Verhalten und Erleben in all seinen Facetten. Die Pathologie des Verhaltens und Erlebens ist nur ein sehr kleiner Teil davon. Auch die Kognitionspsychologie ist nur ein kleiner Teil davon. Aber du hast recht: In einem Studium der klinischen Psychologie, wie es jetzt eingeführt wird, wird natürlich die Kognitionspsychologie eine wichtige Hilfswissenschaft sein.

    Ich sprache ja noch mit meinen Begriffen von Psychologie und nicht deinen. :smile:

    Ich will sagen: Der Pathogenese sollte ein noch viel stärkeres Gegengewicht in Form einer Salutogenese entgegenstehen. (Paradigmenwechsel und so)

    ## 2: Das Feiern von Inkompetenz
    Ah. ok. Ich glaube, wir reden aneinander vorbei. Im WW war gerade die Selbstinzenierung als Opfer der Zündstoff. Hier ist bisher noch nichts gezündet. Deswegen ist auch nicht zu sagen, was genau dann die Reaktion auf die Opferhaltung ist. Aber der Anfang ist gleich.

    Ja, ich bin auch gespannt, wie sich das entwickelt. Im Prinzip haben die Nazis vor dem Krieg ja auch nicht viel anderes gemacht als Identitätspolitik, so wie es heute jede Gruppe für sich macht. Schauen wir mal, was hier gezündet wird.

    D ist ja nochmal etwas ganz besonderes. Wir können nicht einmal politisch rechts sagen, ohne dass das einen negativen Beigeschmack bekommt. Das ist, als wären wir politisch einäugig. Und dann fehlt das dreidimensionale Sehen. Aber der Deutsche, wie man so schön sagt, war schon immer am liebsten Untertan.

    Das ist mir ja noch nie begegnet. Wie läuft denn da die Argumentation?

    Ganz stark vereinfacht und möglichst neutral formuliert: Unsere Gesellschaftsform (Kapitalismus) hat zu großer sozialer Ungleichheit geführt, die wiederum zu individuellen Problemen führt. Diese individuellen Probleme können aber nicht auf individueller Ebene gelöst werden, weil sie so tief in der Sozialstruktur verankert sind, dass sie, falls überhaupt, nur top-down gelöst werden können. Psychologische Erklärungen – so die Kritisch Theoretisch Argumentierenden – lenken aber von diesem Umstand ab, indem sie den Schwerpunkt weg von der Sozialstruktur hin zum Individuum legen und somit dem Individuum die Verantwortung für seine Probleme geben. Das nennen sie dann "Psychologisierung sozialer bzw. struktureller Probleme".

    Hier findest du eine – wie ich persönlich finde – nicht allzu überdrehte Annäherung an diese Argumentation am Beispiel von Burn-out:

    Keupp, H. (2016). Das erschöpfte Selbst der Psychologie. Journal für Psychologie, 25(2), 7-36. Verfügbar unter: https://journal-fuer-psychologie.de/index.php/jfp/article/view/409

    Ach, die Leier von der bürgerlichen Wissenschaft.. :disappointed:

    Um jetzt wieder auf deine Allergie auf psychologische Erklärungen zurückzukommen: Könnte man es so zusammenfassen, dass du im Gegensatz zu oben genannten Sozialkritikern nicht eine Psychologisierung sozialer Probleme kritisierst, sondern eine Psychologisierung moralischer Probleme?

    Ich würde beides nicht kritisieren. Da stecken ja auch valide Punkte in beidem. Es gibt Grenzen des Menschen. Nur haben wir sie eben nicht herausgefunden, weil keine Sau Kritik aus einer starken Position ausübt. Wenn jemand sich über etwas beschwert, kann er das ja ruhig, wenn er alles in seiner Macht stehende getan hat, um sein eigenes Leben und seine Umgebung in die gewünschte Richtung zu bewegen.

    Soziologie, Psychologie und Moral haben jeweils immer Totalitätsanspruch. Alles ist sozial, psychisch und moralisch. Aber eben nicht nur. Niemals nicht nur.

  • bearbeitet Dezember 2019

    @Sascha schrieb:

    Ich vermeide gerne sprachlichen Bloat. Ein Psychologe ist jemand, der die Logik der Seele zu seinem Gegenstand gemacht hat.

    Ja, kann man natürlich durchaus auch so sehen. Ich finde aber, dass das Wort "Seele" mehr sprachlicher Bloat ist als "menschliches Verhalten und Erleben". Was ist für dich die Seele?

    Insgesamt hat sich die moderne Psychologie nach William James ja im Laufe der Jahrhunderte immer weiter von der Seele entfernt und trägt sie heute nur noch im Namen. Jetzt gibt es eigentlich fast nur noch diese pragmatisch auf menschliches Verhalten und Erleben verkürzte James’sche Psychologie mit dem Verständnis von Psychologie als Wissenschaft des menschlichen Verhaltens, wie man es in so ziemlich jedem Psychologielehrbuch findet.

    Nach der ist ein Psychologe jemand, der die Logik des menschlichen Verhaltens und Erlebens zu seinem Gegenstand gemacht hat. Da passen dann Augenbewegungen bei bestimmten menschlichen Handlungen wie Lesen und dem Bedienen von Computerprogrammen ebenso rein wie psychotherapeutische Interventionen.

  • @Tobias schrieb:

    @Sascha schrieb:

    Ich vermeide gerne sprachlichen Bloat. Ein Psychologe ist jemand, der die Logik der Seele zu seinem Gegenstand gemacht hat.

    Ja, kann man natürlich durchaus auch so sehen. Ich finde aber, dass das Wort "Seele" mehr sprachlicher Bloat ist als "menschliches Verhalten und Erleben". Was ist für dich die Seele?

    Fehlt die Begründung, weshalb das Wort Bloat ist.

    Ich bezeichne die Seele als den Sitz dieses Erlebens.

    Insgesamt hat sich die moderne Psychologie nach William James ja im Laufe der Jahrhunderte immer weiter von der Seele entfernt und trägt sie heute nur noch im Namen. Jetzt gibt es eigentlich fast nur noch diese pragmatisch auf menschliches Verhalten und Erleben verkürzte James’sche Psychologie mit dem Verständnis von Psychologie als Wissenschaft des menschlichen Verhaltens, wie man es in so ziemlich jedem Psychologielehrbuch findet.

    Nach der ist ein Psychologe jemand, der die Logik des menschlichen Verhaltens und Erlebens zu seinem Gegenstand gemacht hat. Da passen dann Augenbewegungen bei bestimmten menschlichen Handlungen wie Lesen und dem Bedienen von Computerprogrammen ebenso rein wie psychotherapeutische Interventionen.

    Naja, das ist eben das Bizarre an der Psychologie. Hier wird einerseits eine Vernaturwisseschaftlichung angenommen, aber gleichzeitig der springende Punkt, nämlich das Leib-Seele-Problem, einfach ignoriert. Je nachdem, wie man sich zu diesem Problem stellt, wird das psychologische Programm etwas anderes.

    Diese Misszustand kann man meiner Meinung nach gut daran ablesen, dass man immer wieder hört, dass psychologisches Experiment XY wichtige Folgen für Ethik, Natur des Menschen usw. hat, während es umgekehrt kaum Flüsse in die Psychologie hinein. Zumindest bekomme ich da nix mit.

  • bearbeitet Dezember 2019

    @Sascha schrieb:

    @Tobias schrieb:

    @Sascha schrieb:

    Ich vermeide gerne sprachlichen Bloat. Ein Psychologe ist jemand, der die Logik der Seele zu seinem Gegenstand gemacht hat.

    Ja, kann man natürlich durchaus auch so sehen. Ich finde aber, dass das Wort "Seele" mehr sprachlicher Bloat ist als "menschliches Verhalten und Erleben". Was ist für dich die Seele?

    Fehlt die Begründung, weshalb das Wort Bloat ist.

    Für mich ist "Seele" im Vergleich zu "Verhalten und Erleben" einfach ein schwammigerer Begriff, der darüber hinaus noch an die Voraussetzung gekoppelt ist, dass man überhaupt an eine Seele glaubt. Aber meine Aussage ist auch eher ein klassisches Geschmacksurteil :)

    Naja, das ist eben das Bizarre an der Psychologie. Hier wird einerseits eine Vernaturwisseschaftlichung angenommen, aber gleichzeitig der springende Punkt, nämlich das Leib-Seele-Problem, einfach ignoriert. Je nachdem, wie man sich zu diesem Problem stellt, wird das psychologische Programm etwas anderes.

    Ja, das finde ich auch bizarr. Und das wird schon seit dem Anfang der modernen Psychologie ausgiebig intern diskutiert. Ein Stück weit ist dieses Ignorieren des Leib-Seele-Problems auch William James und dem angelsächsischen philosophischen Pragmatismus geschuldet, der im Prinzip so etwas wie die philosophische Grundlage der modernen Psychologie ist.

    Der heutigen Psychologie fehlt insgesamt viel, vor allem ein einendes Prinzip, wie es beispielsweise die Evolution in der modernen Biologie ist. (Ich habe übrigens die – noch nicht ausgearbeitete und durchdachte Vermutung, dass die Aufmerksamkeit bzw. Aufmerksamkeitskontrolle in solches einendes Prinzip der Psychologie sein könnte.) Viele Psychologen halten die Statistik und die Forschungsmethodik für das einende Prinzip. Das verstärkt dann meiner Meinung nach die Fragmentierung der Psychologie: Am Ende ist da ein großer Haufen aus einzelnen Studienergebnissen und linearen statistischen Modellen. Aber die Psychologie ist ja im Vergleich zu anderen Wissenschaften noch jung. Quasi in der Pubertät.

  • @Tobias schrieb:

    @Sascha schrieb:

    @Tobias schrieb:

    @Sascha schrieb:

    Ich vermeide gerne sprachlichen Bloat. Ein Psychologe ist jemand, der die Logik der Seele zu seinem Gegenstand gemacht hat.

    Ja, kann man natürlich durchaus auch so sehen. Ich finde aber, dass das Wort "Seele" mehr sprachlicher Bloat ist als "menschliches Verhalten und Erleben". Was ist für dich die Seele?

    Fehlt die Begründung, weshalb das Wort Bloat ist.

    Für mich ist "Seele" im Vergleich zu "Verhalten und Erleben" einfach ein schwammigerer Begriff, der darüber hinaus noch an die Voraussetzung gekoppelt ist, dass man überhaupt an eine Seele glaubt. Aber meine Aussage ist auch eher ein klassisches Geschmacksurteil :)

    Aber das ist gerade der Punkt. Wenn man Begriff zu starr anlegt, sind sie nicht mehr sensibel genug, um sich zu wandeln.

    Schwammig ist ja auch nicht gleich Bloat. Bloat heißt, dass da mit mehr gemeint ist, als sollte.

    Naja, das ist eben das Bizarre an der Psychologie. Hier wird einerseits eine Vernaturwisseschaftlichung angenommen, aber gleichzeitig der springende Punkt, nämlich das Leib-Seele-Problem, einfach ignoriert. Je nachdem, wie man sich zu diesem Problem stellt, wird das psychologische Programm etwas anderes.

    Ja, das finde ich auch bizarr. Und das wird schon seit dem Anfang der modernen Psychologie ausgiebig intern diskutiert. Ein Stück weit ist dieses Ignorieren des Leib-Seele-Problems auch William James und dem angelsächsischen philosophischen Pragmatismus geschuldet, der im Prinzip so etwas wie die philosophische Grundlage der modernen Psychologie ist.

    Aber genau das ist die Krux. Das Leib-Seele-Problem setzt voraus, dass man sich mit dem Begriff der Seele auseinandersetzt.

    Man könnte sogar eine einfache und pragmatische Definition von Psychologie finden: Psychologie ist das, was sich mit der Interaktion von Leib und Seele auseinandersetzt. Da hat man alles drin.

    Der heutigen Psychologie fehlt insgesamt viel, vor allem ein einendes Prinzip, wie es beispielsweise die Evolution in der modernen Biologie ist. (Ich habe übrigens die – noch nicht ausgearbeitete und durchdachte Vermutung, dass die Aufmerksamkeit bzw. Aufmerksamkeitskontrolle in solches einendes Prinzip der Psychologie sein könnte.) Viele Psychologen halten die Statistik und die Forschungsmethodik für das einende Prinzip. Das verstärkt dann meiner Meinung nach die Fragmentierung der Psychologie: Am Ende ist da ein großer Haufen aus einzelnen Studienergebnissen und linearen statistischen Modellen. Aber die Psychologie ist ja im Vergleich zu anderen Wissenschaften noch jung. Quasi in der Pubertät.

    Statistik und Methode? Dann wäre ja auch quantitative Textanalyse Psychologie. :blush:

  • bearbeitet Dezember 2019

    @Sascha schrieb:

    Man könnte sogar eine einfache und pragmatische Definition von Psychologie finden: Psychologie ist das, was sich mit der Interaktion von Leib und Seele auseinandersetzt. Da hat man alles drin.

    Mit dem Definitionsvorschlag bist du Zimbardo und Konsorten schon mal weit voraus :)

    Der heutigen Psychologie fehlt insgesamt viel, vor allem ein einendes Prinzip, wie es beispielsweise die Evolution in der modernen Biologie ist. (Ich habe übrigens die – noch nicht ausgearbeitete und durchdachte Vermutung, dass die Aufmerksamkeit bzw. Aufmerksamkeitskontrolle in solches einendes Prinzip der Psychologie sein könnte.) Viele Psychologen halten die Statistik und die Forschungsmethodik für das einende Prinzip. Das verstärkt dann meiner Meinung nach die Fragmentierung der Psychologie: Am Ende ist da ein großer Haufen aus einzelnen Studienergebnissen und linearen statistischen Modellen. Aber die Psychologie ist ja im Vergleich zu anderen Wissenschaften noch jung. Quasi in der Pubertät.

    Statistik und Methode? Dann wäre ja auch quantitative Textanalyse Psychologie. :blush:

    Ich kann mir gut vorstellen, dass man bald auch Text-Mining etc. in der Diagnostik einsetzen wird, aber bis dahin ist die quantitative Textanalyse erst mal ein Spielzeug der (Computer-)Linguistik. EDIT: Der Duden ist ja zum Beispiel ein Ergebnis quantitativer Textanalyse.

  • bearbeitet Dezember 2019

    Ich habe heute noch ein bisschen darüber nachgedacht:

    @Sascha schrieb:
    Diese Misszustand kann man meiner Meinung nach gut daran ablesen, dass man immer wieder hört, dass psychologisches Experiment XY wichtige Folgen für Ethik, Natur des Menschen usw. hat, während es umgekehrt kaum Flüsse in die Psychologie hinein. Zumindest bekomme ich da nix mit.

    Auf diese ganzen psychologischen Experimente XY, die angeblich wichtige Folgen für etwas hätten, würde ich grundsätzlich erst mal nicht viel geben. Oft sind das ziemlich spektakuläre Effekte, die entweder von anderen Forschern in anderen Arbeitsgruppen nicht repliziert werden können oder wenn, dann nur mit einer sehr geringen Effektstärke. Bei Powerposing ist das zum Beispiel so, beim Dunning-Kruger-Effekt, bei der "Narzissmus-Epidemie", Ego-Depletion und bei vielen anderen spektakulären psychologischen Effekten. Das bekommt die breite Öffentlichkeit dann aber nicht mit, weil die Journalisten dann schon wieder den nächsten spektakulären psychologischen Effekt gefunden haben, über den sie schreiben können. Oft sind es aber auch Forscher selbst, die irgendwelche psychologischen Experimente aufblähen. Das war zum Beispiel bei der Sache mit der "Illusion des freien Willens" Anfang der 2000er-Jahre so. So was wird gerne gelesen, denn wir Menschen hören gerne neue, spektakuläre Dinge über unsere Seele.

    Manche psychologische Effekte sind aber recht robust. Das sind aber oft eher langweilige, weitaus weniger spektakuläre, die man teilweise schon in alten Schriften findet. Nassim Taleb listet sie in Skin in the Game auf.

    Und:

    @Sascha schrieb:

    Aber genau das ist die Krux. Das Leib-Seele-Problem setzt voraus, dass man sich mit dem Begriff der Seele auseinandersetzt.

    Ich glaube viele Psychologen, insbesondere von der Neuro-Fraktion, betrachten das Leib-Seele-Problem einfach als erledigt, weil sie glauben, alles was früher mal Seele war, lässt sich heute über die Neurobiologie erklären. Das tun aber bei Weitem nicht alle.

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