#63: Respektlosigkeit der Moderne | Verantwortung als Serotoninhack | Mann ist man nur mit Frau

Kommentare

    1. Zu deiner Aussage, dass psychologische Erklärungen für Phänomene wie erlernte Hilflosigkeit nur auf einer deskriptiven Ebene sinnvoll seien, weil sie den individuell Handelnden außer Acht lassen: Denkst du denn, dass es die Aufgabe der Psychologie ist, über die deskriptive Ebene hinauszugehen? Wenn man die Psychologie als eine Grundlagenwissenschaft des menschlichen Verhaltens und Erlebens sehen wollte, hätte sie dann überhaupt etwas jenseits der deskriptiven Ebene zu suchen? Im Prinzip könntest du mit deiner Aussage übrigens auch eine gute Grundlage für die Trennung von Psychologie und Psychotherapie/Psychiatrie gelegt haben: Die Psychologie wäre dann für die allgemeine und möglichst abstrakte und allgemeine Beschreibung der Phänomene des menschlichen Verhaltens und Erlebens zuständig, die Psychotherapie/Psychiatrie für die Anpassung des Verhaltens und Erlebens der Einzelperson, denn das ist es letzten Endes, was in einer psychotherapeutischen/psychiatrischen Behandlung passiert, ob mit Medikamenten oder mit Beziehungsarbeit.

    2. Zu dem Feiern von Inkompetenz und Harmlosigkeit: Ich sehe darin auch ein Feiern von Verletzlichkeit sowohl auf persönlicher, aber auch auf gesellschaftlicher Ebene, das heute sehr stark ausgeprägt ist. Quasi das Gegenteil zu vergangenen Jahrhunderten, in denen eher Stärke, Härte und Heldentum gefeiert wurden. Ich finde es spannend, wie das noch weitergeht. Das Feiern von Stärke, Härte und Heldentum hat – neben sehr vielen anderen Dingen – immerhin zu zwei Weltkriegen geführt. Wohin wird uns das Feiern von Verletzlichkeit wohl führen?

  • 1: Die Aufgabe der Psychologie

    Zu deiner Aussage, dass psychologische Erklärungen für Phänomene wie erlernte Hilflosigkeit nur auf einer deskriptiven Ebene sinnvoll seien, weil sie den individuell Handelnden außer Acht lassen: Denkst du denn, dass es die Aufgabe der Psychologie ist, über die deskriptive Ebene hinauszugehen? Wenn man die Psychologie als eine Grundlagenwissenschaft des menschlichen Verhaltens und Erlebens sehen wollte, hätte sie dann überhaupt etwas jenseits der deskriptiven Ebene zu suchen? Im Prinzip könntest du mit deiner Aussage übrigens auch eine gute Grundlage für die Trennung von Psychologie und Psychotherapie/Psychiatrie gelegt haben: Die Psychologie wäre dann für die allgemeine und möglichst abstrakte und allgemeine Beschreibung der Phänomene des menschlichen Verhaltens und Erlebens zuständig, die Psychotherapie/Psychiatrie für die Anpassung des Verhaltens und Erlebens der Einzelperson, denn das ist es letzten Endes, was in einer psychotherapeutischen/psychiatrischen Behandlung passiert, ob mit Medikamenten oder mit Beziehungsarbeit.

    Man kann es so sehen, dass Psychologie eine rein beschreibende Wissenschaft sein soll. Genau genommen ist das die einzige Möglichkeit, wie Psychologie überhaupt eine reine Wissenschaft sein kann. Schließlich ist es der Anspruch der Wissenschaft “objektiv” die “Realität” zu beschreiben. Ich setze beides bewusst und ausdrücklich in Klammern, weil überhaupt nicht klar ist, was wirklich damit gemeint ist. Als Alltagsbegriffe sind beide unproblematisch. Aber wenn man damit in der Wissenschaft hausieren geht, bewegt man sich auf sehr dünnem Eis.

    Aber damit ist der gesamte Bereich der Pathologie und der psychischen Gesundheit rausgeschmissen. Um zu entscheiden, was gesund und was krank ist, muss man zwingend Werturteile fällen. Meine Arbeit könnte man als psychologisch bezeichnen. Aber die Werturteile, die ich meiner Arbeit zu Grunde lege, sind moralischer Natur. In der modernen Psychologie ist es nicht relevant, ob ein Verhalten gerecht ist. Elon Musk würde sicherlich als psychisch krank gelten. Er beschreibt sich als leidenden, getriebenen Menschen. Man sieht ihm seine Sorge, seine Unruhe und Getriebenheit an. Doch sein Leben dreht sich nicht um sich selbst. Sein Leben dreht sich um das Opfer, das er bringt.

    Ein hervorragendes Beispiel für das Versagen der Psychologie kann man sich selbst geben, indem man versucht den Begriff der psychischen Krankheit auf die dargestellten Athleten der Dokumentation The Price of Gold anzuwenden. Das körperlich selbstschädigende Verhalten, die Fixierung und die psychische Abhängigkeit vom Sport drängen einem gerade zu das Urteil auf, dass diese Leute krank sind. Doch nur vor dem Hintergrund, dass so eine Goldmedaille nicht der höchste Wert ist, den es im Leben anzustreben gilt.

    Damit habe ich dir erstmal Recht gegeben. Damit ist jedoch die Psychologie sehr ausgehöhlt. Eine wissenschaftliche Disziplin ist ja nicht nur ein theoretisches Konstrukt. Sie lebt schließlich auch zusammen mit dem Menschen die sie betreiben, den Fakultäten, der Politik, der Wirtschaft und so weiter. Damit der beschreibende Teil der Psychologie lebendig bleibt, braucht die Psychologie beispielsweise Studenten, die motiviert sind. Bloße deskriptive Forschung ist so trocken und mürbe, dass die Psychologie viele Menschen verlöre. Freuds Leistung war ja auch nicht einfach von bloßer Faszination genährt. Es ging um das Gespräch, die Faszination für das Dunkle und der Frage, wie man ihm entkommen kann. Die Pathologie ist einer der wichtigsten Treibkräfte für die Neurologie. Und so weiter. Die Psychologie verlöre einen großen Teil ihrer Relevanzkriterien.

    Ich habe das in meiner eigenen Zeit als Student gut beobachten können. Kaum ein Student, Doktorand oder Professor war wirklich und wahrhaftig begeistert vom eigenen Fach. Professoren haben im Sommer ihre Freiheiten genutzt, um im Freibad zu faulenzen. Doktoranden sind erschöpft von wenigen Stunden Arbeit pro Tag und tricksen, um sich Arbeit zu ersparen. Und Studenten sind sowieso faule Lumpen. :wink: Eine rein beschreibende Psychologie wäre meiner Meinung nach tot und es mangelnde ihr an Inspiration, um sich selbst am Leben zu halten.

    Die Lösung, die mir vorschwebte ist, dass es nur sehr wenig Spezialisten gibt, dafür aber Studiengänge sehr viel angewandter gestaltet werden. Sehr kleine, sehr (!) anspruchsvolle Universitäten und große, pragmatisch gestaltete Fachuniversitäten fände ich sinnvoll. Ein Psychologe, der keine Ahnung von Sinn- oder Existenzialismus hat, ist meiner Meinung nach äußerst unvollständig. Aber auch ein Psychologe, der nicht Grundlagen der Ernährung oder meditativer Praktiken beherrscht, hat meiner Meinung nach große Lücken. Daher sollte man Psychologie als angewandte Wissenschaft studieren und anschließend die Option haben, sich für Grundlagenforschung zu qualifizieren. Das heißt aber auch, dass man eben das, was wir heute als Psychologie bezeichnen, heftig erweitern sollte.

    Meine praktische Folge aus dieser Kritik läuft also genau gegenteilig zu dem, was du schreibst.

    2: Das Feiern von Inkompetenz

    Es ist kein Feiern von Verletzlichkeit. Im Englischen kann man das sehr gut unterscheiden:

    1. Being vulnerable.
    2. Being weak.

    Ok. Geht im Deutschen auch. Ist ein klassischer Peterson.

    Gut, du schreibst “auch darin”. Mir scheint es aber eine Ausrede zu sein. Seine eigene Verletzlichkeit anzuerkennen ist vor dem Hintergrund vernünftig, wenn man es auf dem Standpunkt der Kompetenz macht. Anstatt sie zu verdrängen, erkennt man sie an. Das erfordert Ehrlichkeit zu sich selbst. Doch hoffentlich bleibt man nicht dabei stehen, sondern arbeitet an dieser Verletzlichkeit. Und man nimmt sie nicht als willkommene Ausrede keine Verantwortung zu übernehmen.

    Doch eben das scheint mir heute mehr und mehr praktiziert zu werden. Es wäre präziser zu sagen, dass wir mehr und mehr in einem Zeitalter der Verantwortungslosigkeit leben. Deswegen reagiere ich auch empfindlich auf psychologische Erklärungen, weil sie allzu oft so benutzt werden, um Menschen ihre Verantwortung zu nehmen. Und eben das führt dazu, dass wir Menschen uns gegenseitig schwächer und schwächer machen.

    Ich bestreite auch sehr stark, dass die beiden Weltkriege auf einem Feiern von Stärke und Härte basieren. Der zweite Weltkrieg konnte nur gestartet werden, weil Hitler auf großartige Weise die Deutschen als Opfer inszeniert hat. Da wurde nicht Stärke gefeiert, sondern sie war das Gegengift der selbstwahrgenommenen Schwäche der Deutschen. Dabei haben sich die Menschen systematisch die Verantwortung nehmen lassen und sich mehr und mehr eingereiht.

    Das hat nun wenig mit Feiern von Stärke zu tun. Vielmehr ist es gerade zu offen sklavenmoralisch (wie Nietzsche sagen würde): Die eigene Moral wird im ersten Schritt durch Bezug auf einen Feind und Unterdrücker entwickelt. Es entsteht das Paar von Gut und Böse.

  • bearbeitet 31. Oktober

    @Sascha schrieb:

    1: Die Aufgabe der Psychologie

    Aber damit ist der gesamte Bereich der Pathologie und der psychischen Gesundheit rausgeschmissen.

    Das ist aber auch nur ein relativ kleiner Teilbereich der Psychologie: die klinische Psychologie bzw. Psychotherapie als Anwendungsfächer. Daneben gibt es noch sehr viele weitere Bereiche der Psychologie, die mit psychischer Gesundheit und Pathologie nichts zu tun haben. Eine Doktorandin z. B., die für ihre Dissertation Augenbewegungen beim Bedienen von Computerprogrammen untersucht, ist genauso Diplom- oder Master-Psychologin wie eine Psychotherapeutin mit eigener Praxis, obwohl beide beide an völlig unterschiedlichen Dingen arbeiten.

    Ein Psychologe, der keine Ahnung von Sinn- oder Existenzialismus hat, ist meiner Meinung nach äußerst unvollständig. Aber auch ein Psychologe, der nicht Grundlagen der Ernährung oder meditativer Praktiken beherrscht, hat meiner Meinung nach große Lücken.

    Wenn du hier mit Psychologe einen klinischen Psychologen bzw. Psychotherapeuten meinst, stimme ich dir absolut zu. Aber besagte Doktorandin, die Augenbewegungen beim Bedienen von Computerprogrammen untersucht, braucht das alles nicht.

    Die Lösung, die mir vorschwebte ist, dass es nur sehr wenig Spezialisten gibt, dafür aber Studiengänge sehr viel angewandter gestaltet werden. Sehr kleine, sehr (!) anspruchsvolle Universitäten und große, pragmatisch gestaltete Fachuniversitäten fände ich sinnvoll. Daher sollte man Psychologie als angewandte Wissenschaft studieren und anschließend die Option haben, sich für Grundlagenforschung zu qualifizieren. Das heißt aber auch, dass man eben das, was wir heute als Psychologie bezeichnen, heftig erweitern sollte.

    Die aktuelle Entwicklung führt ja in eine ähnliche Richtung. Es gibt an vielen Universitäten schon inter- und transdiziplinäre Studiengänge, z. B. Human Factors (ein Mix aus psychologischen Grundlagenfächern wie Kognitionspsychologie oder eben besagten Augenbewegungsuntersuchungen, Ingenieurswissenschaften und Informatik) oder verschiedene wirtschaftspsychologische Studiengänge, in denen BWL, Volkswirtschaftslehre und verschiedene Grundlagen- und Anwendungsfächer der Psychologie kombiniert werden.

    Außerdem, vielleicht noch interessanter für dich: Unser hoch sympathischer und dynamischer Gesundheitsminister hat die Psychotherapeutenausbildung reformiert. Jetzt wird es neben dem Psychologiestudium ein Psychotherapiestudium geben, in dem Studenten direkt zu Psychotherapeuten ausgebildet werden. Das klassische Psychologiestudium wird dann mit allem zu tun haben, aber nicht mehr mit klinischer Psychologie.

    Meine praktische Folge aus dieser Kritik läuft also genau gegenteilig zu dem, was du schreibst.

    Ja, das dachte ich mir. Ich muss aber auch ganz ehrlich sagen, dass ich mich als Psychologe immer etwas getriggert fühle, wenn Nichtpsychologen die Psychologie so darstellen, als bestünde sie nur aus der klinischen Psychologie. Wenn ich sage, ich habe Psychologie studiert, werde ich dann ständig zu psychischer Gesundheit oder Psychotherapie gefragt. Dabei habe ich damit gar nichts zu tun und wollte es auch nie. Da habe ich wohl einfach das falsche Fach studiert ;)

    2: Das Feiern von Inkompetenz

    Seine eigene Verletzlichkeit anzuerkennen ist vor dem Hintergrund vernünftig, wenn man es auf dem Standpunkt der Kompetenz macht. Anstatt sie zu verdrängen, erkennt man sie an. Das erfordert Ehrlichkeit zu sich selbst. Doch hoffentlich bleibt man nicht dabei stehen, sondern arbeitet an dieser Verletzlichkeit. Und man nimmt sie nicht als willkommene Ausrede keine Verantwortung zu übernehmen.

    Mir ging es ja nicht nur um das Anerkennen der Verletzlichkeit. Es ging mir darum, sich so richtig schön darin zu suhlen und nicht aus der emotionalen Suhle aufzustehen. Ich habe "Feiern" nämlich im aktuellen, eher jugendsprachlichen Gebrauch gemeint, im Sinne von "ich feier das voll". Ich sehe das oft in Artikeln auf ze.tt, bei Vice oder ähnlichen Seiten: Sehr junge Menschen, die Artikel schreiben nach dem Motto "Das Leben ist so gemein, ich kann nicht viel, doch eines kann ich ganz gut: Mich verletzt, beleidigt, getriggert oder sonstwie scheiße fühlen. Und das ist toll, denn: Ich fühle, also bin ich!".

    Deswegen reagiere ich auch empfindlich auf psychologische Erklärungen, weil sie allzu oft so benutzt werden, um Menschen ihre Verantwortung zu nehmen. Und eben das führt dazu, dass wir Menschen uns gegenseitig schwächer und schwächer machen.

    Erst mal kleine Randnotiz dazu: Das finde ich sehr spannend, weil du nicht der einzige bist, der empfindlich auf psychologische Erklärungen reagiert. Viele andere machen das auch, aber aus einem ganz anderen Grund als du: Sie reagieren empfindlich auf psychologische Erklärungen, weil sie – ganz im Gegenteil zu dir – denken, dass psychologische Erklärungen sie für Dinge verantwortlich machen, die ihrer Meinung nach gesellschaftliche Probleme sind. Menschen die glauben, "das Private ist politisch". (Was ich btw. für absoluten Quatsch halte; die Kritische Theorie ist aus gutem Grund schon lange out, nur in Frankfurt tritt Habermas noch regelmäßig auf, aber er ist inzwischen ein Zombie.)

    Meine Meinung dazu: Natürlich kann man psychologische Erklärungen immer auch als Ausreden benutzen. Dafür kann aber die Psychologie nichts. Oder in diesem Fall Martin Seligman. Der wollte ja nicht erklären, wie Depressionen entstehen, und dann die Depressiven von ihrer Verantwortung für ihre Situation entlasten; der wollte Lern- und Konditionierungsprozesse an Hunden untersuchen. Dabei fand er das, was er "erlernte Hilflosigkeit" nannte. (Übrigens wurde die erlernte Hilflosigkeit auch in vielen anderen Anwendungs- und Grundlagenfächern der Psychologie rezipiert, von der Motivationspsychologie bis hin Pädagogischen Psychologie.) Wenn Menschen psychologische Erklärungen über die Erklärung hinaus als Entschuldigung benutzen, dann liegt das meiner Meinung nach eher an deren Unreife als an der Psychologie.

    Ich bestreite auch sehr stark, dass die beiden Weltkriege auf einem Feiern von Stärke und Härte basieren.

    Ja, das bestreite ich auch. Deshalb habe ich auch den Zusatz "– neben sehr vielen anderen Dingen –" verwendet. Das Feiern von Stärke, Härte und Heldentum wurde ja nicht von Kaiser Friedrich, Hitler und Co. erfunden, das war schon sehr lange Zeit in der Welt, als viele von ihnen noch gar nicht gelebt haben ("Ein preußischer Mann weint nicht"). Ich halte es nur für einen guten Nährboden, auf dem all das schneller wachsen konnte.

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