Heuristiken für Verantwortungsübernahme

Welche Heuristiken habt ihr dafür, ob jemand Verantwortung übernimmt/nicht übernimmt?

Kommentare

  • bearbeitet 9. Oktober

    Ich halte mich da an Skin in the Game und prüfe, ob die Person von den möglichen Konsequenzen der Dinge, die sie macht/anbietet/fordert in irgendeiner Weise direkt selbst betroffen wäre, wenn sie eintreten.

    Ein typisches Negativbeispiel dafür sind Anwohner, die klagen, dass es wenig bezahlbaren Wohnraum gibt, aber Bürgerinitiativen gründen, sobald in ihrer Nähe Wohnraum geschaffen werden soll, nach dem Motto "Not in my neighborhood". Oder Eltern, die reden, wie wichtig Inklusion und Diversität seien, aber ihr Kind auf eine Schule schicken, auf die nur nichtbedinderte, biodeutsche Kinder aus der oberen bis gehobenen Mittelschicht gehen. Menschen also, bei dem es einen Widerspruch zwischen Forderung/Anspruch und Handeln gibt. Oft stammen diese Menschen aus einem ganz bestimmten Milieu …

    Ein Negativbeispiel aus der Wirtschaft sind Plattformen aller Art, bei denen ein Unternehmer anderen Menschen die Arbeit von Selbstständigen vermittelt, die arbeiten und das volle Risiko sowohl ihrer eigenen Tätigkeit als auch der Dienstleistung/des Produktes tragen, während der Unternehmer daran gut verdient und immer wieder betont, er würde "nur" die Arbeit von "selbstständigen Partnern" vermitteln und könne deshalb keine Verantwortung übernehmen. Diese unethische Geschäftspraxis reicht von Uber bis hin zu diesen ganzen Ghostwriting-Agenturen für Studenten.

  • Meinst du Allgemein? Jemanden, den man kennt? Jemanden, den man kennenlernen will? Jemanden aus der Öffentlichkeit?

  • Ein Negativbeispiel aus der Wirtschaft sind Plattformen aller Art, bei denen ein Unternehmer anderen Menschen die Arbeit von Selbstständigen vermittelt, die arbeiten und das volle Risiko sowohl ihrer eigenen Tätigkeit als auch der Dienstleistung/des Produktes tragen, während der Unternehmer daran gut verdient und immer wieder betont, er würde "nur" die Arbeit von "selbstständigen Partnern" vermitteln und könne deshalb keine Verantwortung übernehmen. Diese unethische Geschäftspraxis reicht von Uber bis hin zu diesen ganzen Ghostwriting-Agenturen für Studenten.

    Das kann ich nur bestätigen.

  • @Sascha schrieb:
    Meinst du Allgemein? Jemanden, den man kennt? Jemanden, den man kennenlernen will? Jemanden aus der Öffentlichkeit?

    Ich wollte erstmal alles sammeln, was so in den Sinn kommt. Mich interessiert das Thema erstmal nicht nur im Detail.

  • Und auch Heuristiken, um den Grad der eigenen Verantwortungsübernahme zu prüfen !

  • Ein paar Beispiele:

    1. Benutzung von Wörtern wie "Gesellschaft" und "man".
    2. Verhältnis davon, wie oft sich jemand als Ursache von Zuständen in der Welt sieht und wann er andere oder anderes dafür verantwortlich macht.
    3. Skin in the Game sehe ich nicht als Heuristik für Verantwortung, sondern eher als Heuristik für Kompetenz und moralische Integrität
    4. Ideologie als negative Heuristik (Feminismus, Nationalismus und alle Ismen). Selbstzuschreibung ist für mich eine deutliche red flag.
    5. Das Verhältnis von Wünschen/Träumen/Plänen an sich und denjenigen, zu deren Erreichung gehandelt wird.
    6. Eine weitere negative Heuristik ist die Verwestlichung und egozentrische Zweckrationalisierung von buddhistischen Elementen.
  • @Sascha schrieb:

    1. Eine weitere negative Heuristik ist die Verwestlichung und egozentrische Zweckrationalisierung von buddhistischen Elementen.

    Wie dient dir diese Heuristik im Zusammenhang mit Verantwortungsübernahme? In manchen Videos äußerst du dich ja oft negativ über die Verwestlichung buddhistischer Elemente im Zusammenhang mit "Lebe im Moment" etc.

    Lehnst du eine Übertragung buddhistischer Elemente auf die westliche Kultur grundsätzlich ab, so wie es beispielsweise im 20. Jahrhundert Shunryu Suzuki (Zen-Geist Anfänger-Geist) und seine Nachfolger in der Übertragungslinie in den USA gemacht haben? Gerade der Zen-Buddhismus ist ja schon von Anfang an immer ein Mix aus klassisch indischem Buddhismus und den Religionen/Philosphien gewesen, die er vorgefunden hat, in China Taoismus, in Japan Shintoismus.

    Und was meinst du mit "egozentrischer Zweckrationalisierung von buddhistischen Elementen" in dem Zusammenhang? So etwas wie "Ich meditiere, um besser zu arbeiten und mehr Geld zu verdienen"? Oder auch eine entweder absichtliche oder unabsichtliche egozentrische Auslegung der Karmalehre? Nach dem Motto: "Jeder kriegt, was er verdient, und das ist meistens das, was ich für richtig halte."

  • @Tobias Man kann den Buddhismus in unserem westlichen Kontext leicht für sich selbst so auslegen, dass man damit Faulheit Drückebergertum rationalisiert (sprich rechtfertigt).

  • bearbeitet 10. Oktober

    @Johannes schrieb:
    @Tobias Man kann den Buddhismus in unserem westlichen Kontext leicht für sich selbst so auslegen, dass man damit Faulheit Drückebergertum rationalisiert (sprich rechtfertigt).

    Das wurde aber auch im östlichen Kontext schon sehr ausgiebig betrieben, sogar schon zu Buddhas Leb- und Lehrzeiten ;)

  • bearbeitet 10. Oktober

    Für manche Christen gilt das auch. Gott wird's schon richten statt Gott hilft dem, der sich selbst hilft

    Ich stelle hier oft Fragen, wenn sie aus meinem Unterbewusstsein aufploppen. Dann denke ich in der Folge selber erst darüber nach. Hier ein paar der Heuristiken, die mir so eingefallen sind (ungefiltert):

    • Negativ: Benutzung von Betäubungsmitteln jeglicher Art (Pornos, Zucker, andere Drogen, Internet, Zocken usw.)
    • Negativ: Nihilismus
    • Negativ: Regeln (religiös oder eigene) stur befolgen oder unumstößliche innere Strukturen haben.
    • Positiv: Zivilcourage, auch im kleinen. Hilft jemand einer älteren Person, etwas zu schleppen. Hebt jemand Fremden Müll auf der Straße auf?
    • Positiv: Ehrlichkeit. Negativ: Lügen.
    • Positiv: Respekt und Wertschätzung gegenüber Menschen, die in Hackordnungen unter einem stehen.
    • Negativ: Attributionen von Emotionen. Damit meine ich, wenn jemand anderen Menschen die Schuld und Verantwortung an eigenen Emotionen gibt. Das beobachte ich total häufig. "XY hat mich wütend gemacht" usw.
    • Positiv: Fitness und Ernährung. Ausmaß, in dem jemand auf seinen Körper achtet. Von Sascha geklaut: Kocht eine Person ihr Essen selbst?
    • Positiv: Assertiveness
    • Positiv: Echte Selbstachtung. Das fällt mir schwer zu erklären. Es ist aber etwas, das ich intuitiv anzuwenden scheine. Man merkt einer Person an, ob die Selbstachtung echt ist oder ein aufgeblasenes Ego oder irgendetwas anderes dahinter steht, kurz: ob sie fake ist oder real. Hat eine Person echte Selbstachtung - und da halte ich mich an Jordan Peterson - kommt dies meiner Erfahrung nach daher, dass sie "ihre Last trägt".
    • Positiv: Proactivität, d.h. Ausmaß, in dem eine Person in ihrem Circle of Control und Circle of Influence arbeitet, statt sich im Circle of Concern zu verlieren. Deckt sich ein bisschen, mit deiner 5. @Sascha Siehe dazu auch "Clean Up Your Room" von Jordan Peterson. :smiley:
  • @Johannes schrieb:
    Für manche Christen gilt das auch. Gott wird's schon richten statt Gott hilft dem, der sich selbst hilft

    Ja, Faulheit und Drückebergertum sind kein kulturelles Problem, sondern ein Menschenproblem.

  • @Tobias Zur Erleuchtung gehört ganz zentral das Ziel, diese zum Wohle aller leidenden Wesen zu erlangen. Das ist eine Ausrichtung des eigenen Leben auf totalen Altruismus. Einzig die Jesusfigur ist noch archetypischer (noch grundsätzlicher) gedacht, weil hier noch die Identität mit Gott dazukommt. Aber darüber kann man ohne weiteres streiten. Die absolute Gemeinsamkeit ist der bedingungslose Altruismus.

    Daher auch das Doppelkonzept von Bodhicitta. Das zuerst kommt der Wille, anderen zu helfen. (Der ohne Kompetenz echt kacke ist)

    Gehen wir die einzelnen Aspekte meiner Heuristik durch:

    Eine weitere negative Heuristik ist die Verwestlichung (1) und egozentrische (2) Zweckrationalisierung (3) von buddhistischen Elementen.

    1. Verwestlichung meint, dass sie in der zum Versagen verurteilten Multikultur des modernen Wesens aufpropft wird. Tagsüber ist man dann Büroangesteller und macht brav beim Kaffeeklatsch mit und Abends wird dann die Pluderhose angezogen und Tibetanisch gesprochen. Oder es sind irgendwelche Hippies, die keine eigene Kultur haben oder die westlichen Kultur grundsätzlich kacke finden (aber schön natürlich die Smartphones und pünktlichen, öffentlichen Verkehrsmittel benutzen) und alles andere zu einem unharmonischen Mischmasch vermengen. Buddhismus ist dann nicht gelebt Kultur, sondern eine Art Theaterspiel, bei dem man versucht möglichst dem zu entsprechen, was man als Klischee von einem offenen Menschen hat. Oder: Man ist Manager in der Pharmaindustrie und sucht dann Frieden beim regelmäßigen Tempelretreat.
    2. Egozentrisch meint, dass sich das Individuum ins Zentrum stellt. Dabei geht es nicht zwangsläufig um Egoismus, der auch dahinter stecken kann. Eher geht es darum, zu glauben, dass man schon weiß, was sich gehört und es auch besser weiß. Selbst die Leute, die sagen, dass an es nicht besser weiß, nutzen das, um mit Stolz gefüllter Brust zu verkünden, dass sie ja voll offen und nicht festgelegt sind in ihren Ansichten. (Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie es doch sind oder später werden).
    3. Zweckrationalisierung meint, dass man Techniken wie Meditation einen Zweck unterstellt, der sich mit den eigenen deckt. Man unterstellt dem Brauch dieser Technik Vernunft, aber nicht aus Einsicht, sondern aus Arroganz, dass man schließlich die richtigen Zwecke verfolgt und hier keinen Zweifel erträgt. Rationalisierung bedeutet, dass man glaubt, diese Einsicht intellektuell zu haben, vernünftig begründen zu können und das diese weise der Begründung schon hinreicht.
  • bearbeitet 11. Oktober

    Danke für deine ausführliche Antwort.

    @Sascha schrieb:
    @Tobias Zur Erleuchtung gehört ganz zentral das Ziel, diese zum Wohle aller leidenden Wesen zu erlangen. Das ist eine Ausrichtung des eigenen Leben auf totalen Altruismus.

    Daher auch das Doppelkonzept von Bodhicitta. Das zuerst kommt der Wille, anderen zu helfen. (Der ohne Kompetenz echt kacke ist)

    Das stimmt, unter der Voraussetzung, dass man Mahayana-Buddhismus praktiziert. Im Hinayana-Buddhismus, wie er vor allem in Südostasien praktiziert wird, kann das ganz anders aussehen. Aber das ist ein sehr alter Auslegungsbattle, der letzten Endes nur den Schriftgelehrten etwas zu tun gibt und sonst niemandem etwas nutzt.

    Gehen wir die einzelnen Aspekte meiner Heuristik durch:

    Eine weitere negative Heuristik ist die Verwestlichung (1) und egozentrische (2) Zweckrationalisierung (3) von buddhistischen Elementen.

    1. Verwestlichung meint, dass sie in der zum Versagen verurteilten Multikultur des modernen Wesens aufpropft wird. Tagsüber ist man dann Büroangesteller und macht brav beim Kaffeeklatsch mit und Abends wird dann die Pluderhose angezogen und Tibetanisch gesprochen. Oder es sind irgendwelche Hippies, die keine eigene Kultur haben oder die westlichen Kultur grundsätzlich kacke finden (aber schön natürlich die Smartphones und pünktlichen, öffentlichen Verkehrsmittel benutzen) und alles andere zu einem unharmonischen Mischmasch vermengen. Buddhismus ist dann nicht gelebt Kultur, sondern eine Art Theaterspiel, bei dem man versucht möglichst dem zu entsprechen, was man als Klischee von einem offenen Menschen hat. Oder: Man ist Manager in der Pharmaindustrie und sucht dann Frieden beim regelmäßigen Tempelretreat.

    Ah ja, so was Ähnliches habe ich mir schon gedacht. Ich habe auch Probleme mit diesem Mischmasch. Aber das wird die pluderhosentragenden Büroangestelltenhippies im Tempelretreat nicht davon abhalten, Tibetanisch zu sprechen ;) Ich würde es eher "Lifestyle-Buddhismus" oder einen Lifestyle mit buddhistischen Elementen nennen als "verwestlichter Buddhismus", weil das schnell mit einem seriösen westlichen Buddhismus verwechselt werden könnte. Das gibt es aber auch in den östlichen Kulturen, gerade die Japaner scheinen sehr flexibel zu sein, was die Vermischung von Lifestyle-Elementen angeht.

    EDIT: Aus Hinayana-Sicht wäre gegen einen Lifestyle-Buddhismus übrigens gar nichts einzuwenden: Jede buddhistische Sache die man macht, aus welchen Gründen auch immer, brächte dann nämlich einen Verdienst und somit Karmapunkte.Der Pharmamanager würde dann sogar genau das Richtige machen und seine schlechten, weil leidverursachenden Handlungen auf der Arbeit ausgleichen.

    1. Zweckrationalisierung meint, dass man Techniken wie Meditation einen Zweck unterstellt, der sich mit den eigenen deckt. Man unterstellt dem Brauch dieser Technik Vernunft, aber nicht aus Einsicht, sondern aus Arroganz, dass man schließlich die richtigen Zwecke verfolgt und hier keinen Zweifel erträgt. Rationalisierung bedeutet, dass man glaubt, diese Einsicht intellektuell zu haben, vernünftig begründen zu können und das diese weise der Begründung schon hinreicht.

    Das ist auch der Grund dafür, warum ich normalerweise nicht (mehr) mit anderen über meine Meditationspraxis spreche oder auch nur darüber nachdenke, sondern mich einfach jeden Tag hinsetze und die Wand anstarre. Insbesondere in der Zenpraxis geht es ja darum, sich so weit wie möglich vom sprachgebundenen Denken in Konzepten und Kategorien zu entfernen und dann das Richtige im jeweiligen Augenblick zu machen (was dieses Richtige ist, erfährt man dann, wenn es so weit ist). Wenn man die Meditation aber behandelt wie eine Technik, die einem etwas bringen soll, und auch entsprechend darüber spricht, oder nachdenkt kommt man nicht von der Sprache weg und haftet seiner falschen Vorstellung von der Meditation an. Die Frage ist natürlich nur, ob das tragisch ist. Denn Zen ist schließlich die größte Lüge aller Zeiten und bringt nichts (Kodo Sawaki).

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