Errosion öffentlicher Glaubwürdigkeit

Einer der Nebenwirkungen der Moderne ist der Zerfall öffentlich verfügbarer Glaubwürdigkeit. Es wird wohl nicht lange dauern, bevor für dein einfachen Menschen gefälschtes Video- und Tonmaterial nicht mehr von echtem Material zu unterscheiden ist. Kombiniert man das mit dem Sachverhalt, dass Meinung immer stärker von digitalen Medien abhängig ist, ist eines klar: Als einzelner Mensch muss ich mich auf eine besondere Weise vor Einflussnahme schützen.

Deswegen halte ich in vielen Fällen die totale Vermeidung für die beste Taktik. Nur so kann man ein Wettrüsten vermeiden.

Warum hier in dieser Kategorie? Wahrheit ist einer der grundlegenden Voraussetzungen für Bedeutung, Sinn und Spiritualität. Man kann sein Seelenheil nicht auf Falschem bauen.

Kommentare

  • Vielleicht (hoffentlich!!!!) wird Ehrlichkeit bald wieder geschätzt.

  • Auch eines meiner Kopfschmerzthemen. Es scheint auch bis jetzt gegen sowas wie Verschwörungstheorien noch kein richtiges Heilmittel zu geben. Das Problem der "Fakes" ist auch das Menschen in den Skeptizismus abdriften, man nichts mehr glauben kann und alles hinterfragt wird und als Lüge bezeichnet wird. Das ist ja das schlimme an den Fakes, dass nicht nur gelogen wird, sondern, dass die Wahrheit auch als Lüge pauschalisiert wird.

  • Es gibt da ein ganz wichtiges Zitat von Luhmann aus der berühmten Doku über ihn:

    Theorien sind ja primär bestimmt, die Wissenschaft selbstzusteuern. Also: Wissenschaftliche Forschung anzuregen, umzuleiten, zu instruieren, abzubrechen und so weiter. Es ist also eine wissenschaftsinterne Einrichtung. Und es wäre absurd sich vorzustellen, dass die gesamte Gesellschaft auf ein Niveau theoretischer Einsichtigkeit gebracht werden könne und nun mit den Problemen besser fertig wird. - in: Beobachter im Krähennest

    Das Problem ist bei so etwas die Zeit. Wir haben einfach nicht genug Zeit und verplämpern viel von ihr. Man ist ja sehr viel schneller, wenn Schemata abgespeichert hat. Ist ja beim Kampfsport nicht anders. Die Reflexe werden geschult, indem man einfach viele verschiedene Bewegungsmuster abspeichert und dann viel weniger andere Optionen überhaupt in Frage kommen. Gerade auch bei der Beurteilung von Informationsqualität gibt es da ja ganz viel: So wie sich wahrscheinlich genügend Biochemiker über meine Fehler an den Kopf packen, packe ich mir an den Kopf, wenn ich die Argumentationsmuster und Modellarbeit angucke.

    Eine vielversprechende Möglichkeit sehe ich ja noch: Menschen könnten sich generell zur näheren Region binden. Ich muss mir ja keine Gedanken darüber machen, ob nun @Joseph_Bartz dies oder das gesagt hat. Ich frage ihn einfach. Ebenso lese oder sehe ich immer weniger für das ich nicht persönliche Empfehlungen bekommen habe, die auf Praxiserfahrungen basieren. Amazonrezensionen werden genauso gefaked wie alles andere auch. Auch hier lässt sich kaum Wahrheit von Lüge unterscheiden. Reflexion und Analyse hat angeblich einige Fake Reviews: https://reviewmeta.com/amazon-de/1979748594

    Aber die meisten Fakes kenne ich persönlich und habe nicht einmal zum Review gebeten, weil ich paranoid war und dachte, dass das ebenfalls unehrlich war. (Meine Exfreundin musste natürlich :smiley: )

    @Joseph_Bartz schreibt
    Das ist ja das schlimme an den Fakes, dass nicht nur gelogen wird, sondern, dass die Wahrheit auch als Lüge pauschalisiert wird.

    Das ist das Problem von Vertrauen, wenn es fehlt. Es wird durch Misstrauen ersetzt und nicht durch Unbefangenheit. Vertrauen in der einer Gruppe von Menschen entsteht durch bestimmte Mechanismen. Eine coole Demonstration dazu ist: https://ncase.me/trust/ Das Problem ist heutzutage, dass das gesellschaftliche Spiel nicht korrekt gespielt wird. Siehe beispielsweise mit der von der Leyen. Man über die sagen, was man will, aber das ist ein Vertrauensbruch, weil die da oben sich einfach ausgesucht habe, was ihnen gepasst hat, aber die Konventionen ignoriert haben. Das geschieht aber auch im Kleinen: Im Taxi hat mir der Fahrer neulich erst bestätigt, dass man heutzutage auch den Taxifahrern nicht vertrauen kann, weil die nicht mehr so ehrlich fahren wie früher.

    Und heute gibt es immer mehr rationale Gründe zu misstrauen. Es ist ja nicht so, dass auf einmal alle Leute spinnen. (Zumindest liegt das Problem nicht hier.)

  • @Joseph_Bartz schrieb:
    Das ist ja das schlimme an den Fakes, dass nicht nur gelogen wird, sondern, dass die Wahrheit auch als Lüge pauschalisiert wird.

    Word. Ich sehe ein fundamentales Problem darin, dass es in unserer Gesellschaft ganz wichtig ist, gut zu lügen. Das lernen wir von Kindesbeinen an. Nicht ehrlich sagen, was man denkt oder zeigen wer man ist wird belohnt. Stattdessen: Schminke, Emotionen maskieren, Neugierde/Creativität unterdrücken, Small-Talk, White Lies und so weiter. Unsere Gesellschaft belohnt es Fake zu sein.

  • Gestern habe ich mit äußerst gebildeten Freunden in einer Runde gesessen, wo der Klimawandel geleugnet wurde. Crazy!

  • @Johannes schrieb:
    Gestern habe ich mit äußerst gebildeten Freunden in einer Runde gesessen, wo der Klimawandel geleugnet wurde. Crazy!

    Skeptisch dem Klimawandel gegenüber zu sein, ist die rationale Haltung. Das ist das Problem der Debatte: Alleine schon der Begriff der Leugnung ist ein ideologischer Begriff, weil man die mögliche Wahrheit der Gegenposition nicht zulässt.

    Man kann keine nicht-ideologische Position in dieser Debatte einnehmen.

  • bearbeitet 5. Oktober

    Noch eine kleine Ergänzung zu den Bubbles und Kommentaren:

    https://www.spiegel.de/netzwelt/web/youtube-kommentare-in-der-datenanalyse-wenige-stimmen-viel-meinung-a-1288662.html

    Ich finde es wichtig sich nochmal vor Augen zu führen, dass auch Kommentare aus vielen verschiedenen Strömungen allgemein auf keinen Fall repräsentativ für aktuelle Stimmungsbilder sind, ich bin da selbst sehr leicht versucht das anzunehmen, wenn ich mich nicht daran erinnere.

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