#88: Müde, müde. Warum stehen wir so auf Schein?

Für diejenigen, die sich mit ein paar Dingen über Covid-19 auseinandersetzen wollen: Eine Sammlung von Links: https://swprs.org/covid-19-hinweis-ii/

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  • Hinweis für Kopfhörerhörende: Wenn Sascha zum Bücherregal geht gibt es ne fiese Tonstörung.

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    https://archive.org/download/88-mude-mude.-warum-stehen-wir-so-auf-schein/#88 - Müde, Müde. Warum stehen wir so auf Schein?.mp3

    Archive.org: Seite: https://archive.org/details/88-mude-mude.-warum-stehen-wir-so-auf-schein

  • bearbeitet 6. Mai

    Bezüglich der Thematik wieso der Mensch so auf Schein abfährt/reinfällt:

    Ich denke, dass dieses Phänomen nur in einem sozialen Kontext zu verstehen ist.
    Indem ich in Sachen investiere, welche teuer sind und sich als nutzlos entpuppen, verdeutliche ich meinen Mitmenschen, dass der Mangel an Geld in meinem Leben keine Rolle spielt. Ganz im Gegenteil zeigt es sogar, dass ich es mir finanziell leisten viel Geld in Dinge zu stecken, welche teuer sind und ihr Preis bei weitem nicht ihren Wert entsprechen.

    Hinter diesem Ausbau und Investment in Schein vermute ich folgende zwei Gründe:

    1. Der Schein ist in den meisten Situationen und vor Allem in der heutigen Zeit nahezu die einzige Grundlage, auf welcher wir uns ein Urteil von den Großteil unserer Mitmenschen bilden können. Begegne ich etwa in der Stadt einem Menschen, welcher Klamotten von Gucci trägt, so muss ich annehmen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Mensch die finanziellen Mittel hat, um in Markenkleidung investieren zu können, ziemlich groß ist. Eine andere Grundlage für mein Urteil habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht, da ich weder in den Kontostand der besagten Person noch in dessen Lebensalltag (wie etwa Berufswahl, persönliche Werte, etc.) einblicken kann. Das wahrheitsgetreue Urteil wäre also in diesem Fall mit einem erhöhten Aufwand an Zeit und Energie verbunden, welche ich in die Recherche zu Informationen zu dieser Person investieren müsste. Ich könnte mich etwa mit der Person anfreunden, Zeit mit ihr verbringen, etc.
      Doch selbst dieser, im Vergleich zu seinem Nutzen hohe Aufwand würde nicht zu 100 % garantieren, dass ich eine wahrheitsgetreue Grundlage für mein Urteil habe. Denn nicht alle Menschen sind bereit bestimmte, der Wahrheit entsprechenden Informationen von sich preiszugeben (wie etwa den tatsächlichen Kontostand, Schulden, etc.). Womit wir beim zweiten Grund für den Ausbau von Schein angekommen wären:

    2. Es ist einfacher zu scheinen als zu sein.
      Es ist einfach ein Bild auf Instagram hochzuladen, auf welchen man seine einmalige und nur zehn Minuten lange Lernphase für sein Studium festhält, um bei seinen Mitmenschen den Eindruck zu erwecken, man sei ein gewissenhafter und pflichtbewusster Student, welcher einen Großteil seines Lebens in sein Studium investieren würde.
      Es ist schwierig und kostet viel Energie sowie Frustration tatsächlich einen Großteil seiner Zeit mit der ernsthaften Beitreibung seines Studiums zu verbringen. Warum sollte ich diese Energie und Zeit investieren, wenn ich mich irgendwie durchs Studium durchschummeln kann und auf trotzdem durch Instagram den Eindruck eines kompetenten und pflichtbewussten Studenten erwecken kann.

    Ich denke auch, dass für die meisten Menschen ein der Wahrheit entsprechendes Urteil über die meisten ihrer Menschen irrelevant ist.
    Was kümmert es mich ob mein Nachbar nun tatsächlich, wie behauptet, über ein hohes Vermögen verfügt oder in Wirklichkeit haushoch verschuldet ist?
    Was kümmert es mich ob ein ehemaliger Klassenkamerad, von dessen Leben ich ausschließlich nur über Instagram etwas mitbekomme, nun tatsächlich aufgrund seiner studentischen Leistungen ein Stipendium erhalten hat oder in Wirklichkeit nicht mal die nötigen ECTS für die Kinderbeihilfe zusammenbekommt?
    Die Erkenntnis, welche ich bei einer wahrheitsgetreuen Wahrnehmung der Großteil meiner Mitmenschen erhalte, ist in den meisten Fällen einfach nicht den Aufwand wert, welche die "Enttarnung" dieser Persona, dieses Scheins erfordern würde.
    Und die entsprechenden Personen suhlen sich in dem Gedanken daran, dass der Großteil der Menschen sie so wahrnimmt, wie sie von Außen wahrgenommen werden wollen.

    Woher dieses Bedürfnis nach Schein kommt ist schwer zu beurteilen.
    Womöglich rührt es daher, dass wir weniger Energie aufwenden müssen und trotzdem noch die meisten Vorteile unserer aufgezogenen Persönlichkeit von unseren Mitmenschen verspüren (in Form von Freundlichkeit, Hilfe, etc.).

    Einfaches Szenario:
    Man findet auf dem Weg während eines Spaziergangs durch die Stadt eine Ein-Euro-Münze.
    Man beschließt das gefundene Geld einen Obdachlosen zu schenken.
    Man erblickt zwei Obdachlose.
    Der Eine blickt mürrisch drein, der Andere lächelt einem freundlich entgegen.
    Die meisten Menschen würden, dass Geld wahrscheinlich dem freundlichen Obdachlosen geben, da das Lächeln zu diesem Zeitpunkt die einzige Grundlage ist, welche einem für die Urteilsbildung über den Charakter der Obdachlosen übrig bleibt. Man hätte zwar die beiden Obdachlosen auch für eine Weile beobachten können aber das hätte vergleichsweise viel Zeit gekostet und noch immer nicht das Wesen und den Charakter der beiden Obdachlosen vollständig erfasst.
    Für den Obdachlosen ist es also einfacher so zu tun als ob (es ist einfacher sich in gewissen Situationen ein Lächeln abzuringen als tatsächlich den ganzen Tag über und zu allen seiner Mitmenschen freundlich zu sein) und trotzdem dabei die Vorteile/Resultate seiner Persona bei seinen Mitmenschen zu kassieren.

  • bearbeitet 7. Mai

    Ich versuche mich auch mal an einer Erklärung. Sind ein paar Gedanken, die ich sicherlich noch besser verknüpfen muss:

    Da passt der Halo-Effekt gut zu: https://en.wikipedia.org/wiki/Halo_effect Der schöne Schein färbt ab, wenn ich mich gut kleide, ein tolles Auto fahre und gepflegt aussehe werde ich als kompetenter, erfolgreicher etc. wahrgenommen und werde anders behandelt. Ich denke, dass dies einigen Menschen bewusst ist, vielleicht nicht unter diesem Namen sondern durch Beobachtung oder implizit.

    Außerdem wollen wir was alle wollen (Prinzip der sozialen Bewährtheit (https://en.wikipedia.org/wiki/Social_proof)) wenn andere und insbesondere relevante andere aus der eigenen sozialen Gruppe (Freunde, Familie) teuere Sachen besitzen und zur Schau stellen, dann tue die Person das auch. Und wenn das viele in unserer Gesellschaft tun - wovon wir ausgehen - dann wollen wir das auch machen / haben.
    Ein weiteres Prinzip wäre Autorität (https://en.wikipedia.org/wiki/Influence:_Science_and_Practice#Authority), wir orientieren uns daran, was Autoritäten tun, wie Influencer, Staatsoberhäupter (Donald T.) oder einfacher: unsere Eltern.

    Menschen versuchen durch Konsum ihren Status zu erhöhen, weil viele Dinge mit Status assoziert sind (z.B. Rolex, Gucci-Klamotten, wie es diogenes beschreibt etc.). Dafür gibt es sogar einen Ausdruck Statuskonsum Zhao et al. (2018).

    Zhao, Taiyang, Xiaotong Jin, Wei Song, Hongjing Cui, and Jianlue Ding. 2018. “How a Perceived Status Change Increase Consumers’ Tendency Toward Consumption Through Double Psychological Mechanisms.” Asian Journal of Social Psychology 21 (1-2): 65–73. https://doi.org/10.1111/ajsp.12206.

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