Die Frage nach dem Ich

Ich denke schon seit einiger Zeit über das nach, das wir Ich nennen.
Es ist ja nicht zu bestreiten, dass es da ,,etwas'' gibt, das uns ermöglicht, subjektive Erfahrung zu ,,haben''.
Wenn wir normalerweise nachdenken, wer wir sind, dann denken wir ziemlich abstrakt. Wenn wir Sätze bilden und wenn wir über uns reden, dann bezieht der Satz sich immer auf ein Ich. Aber was ist dieses Ich?

Ich möchte das ausführen:
Wenn ich zum Beispiel sage ,,Denke nicht an einen rosa Elefanten''.
Der Satz ,,Ich darf nicht an einen rosa Elefanten denken'' impliziert, dass es ein Ich gäbe, dass die Kontrolle über die Gedanken behielte und die Gedanken dächte. Wo ist aber dieses Ich lokalisiert? Wie behält dieses Ich die Kontrolle? Was würden die meisten Menschen bei diesem Aufruf machen? Durch muskuläre Anspannung und Anspannung der Atmung versuchen krampfhaft nicht an einen rosa Elefanten zu denken. Bewusst versuchen quasi die Kontrolle zu behalten. Aber können wir Zweifels los sagen, dass da ein Zentrum ist, das Zentrum des Ichs nur weil wir unsere Muskeln anspannen und unseren Atem anhalten? Ist das Ich getrennt vom Rest der Welt?

Können wir auf ein konkretes Ergebnis kommen wenn wir fragen ,,Wer denkt meine Gedanken''? ,,Ich denke meine Gedanken'' impliziert einen Denker separat von den Gedanken. Aber da ist nichts konkretes, nichts greifbares. Wenn die Gedanken verschwinden, dann verschwindet auch die Idee des Denkers. Nur der Vorgang des Denkens existiert.

Aber die direkte Erfahrung ohne gedankliche Abstraktion liefert andere Ergebnisse. Wenn ich den Tisch anfasse und nicht konzeptuell erfassen möchte, was da geschieht, also keinen Satz konstruiere sondern nur schaue, dann kann ich keine klare Linie finden zwischen diesem vermeintlichem Ich und dem Tisch. Wenn ich Frage spüre ich meine Hand würde ich ja sagen, wenn ich Frage spüre ich den Tisch würde ich auch ja sagen.

Das Denken abstrahiert alles und wir leben und fühlen, als ob es dieses Zentrum gäbe, dieses Ich, aber beim näheren Erforschen stellt sich heraus, dass die Sprache die Welt nicht wirklich erfassen kann, wie sie ist. Wir erleben mehr als wir begreifen.
Die Sprache trennt die Welt in verschiedene Teile, aber die Teile existieren nicht, sie sind nur eine Abstraktion.
Natürlich gibt es trotzdem dieses Gefühl vom Ich, aber es ist nicht so wie wir es denken.

Abschließend lässt sich fragen, was ist das Ich denn?

Kommentare

  • Ich hoffe, das ist jetzt besser formuliert...

  • Mir geht zu deinem Post folgendes nicht aus dem Kopf. In Japan sagt man hara hetta (腹減った). Das bedeutet "Ich habe Hunger", wörtlich übersetzt aber so viel wie "der Magen ist leer." Im Japanischen ist das mit den Personalpronomen nicht ganz so einfach, da sie relativ neu sind, und wohl auch nicht so häufig gebraucht werden (1). In älteren Texten kommen sie wohl auch selten bis gar nicht vor. Ich finde es spannend, wenn dir schon die Sprache nur begrenzte Möglichkeiten gibt, dich überhaupt selbst bzw. dein Ich ins Zentrum eines Geschehens zu rücken (2).



    1. Ich bin kein Japaner und weiß es daher nur aus zweiter Hand. ↩︎

    2. Auf Japanisch selbstmitleidig zu jammern dürfte praktischerweise deshalb auch recht schwer sein. ↩︎

  • Eine sehr große Frage, mit der sich die Menscheit schon ewig befasst, scheinbar ohne eine befriedigende Antwort darauf zu finden. Die beste Quelle zu dieser Frage sind vermutlich die Mystiker der verschiedenen religiösen bzw. spirituellen Strömungen.

    Was mich noch mehr als die Frage "Was ist das Ich?" interessiert, ist die Frage, warum wir das überhaupt wissen wollen?

    @Yasin schrieb:
    Das Denken abstrahiert alles und wir leben und fühlen, als ob es dieses Zentrum gäbe, dieses Ich, aber beim näheren Erforschen stellt sich heraus, dass die Sprache die Welt nicht wirklich erfassen kann, wie sie ist. Wir erleben mehr als wir begreifen.
    Die Sprache trennt die Welt in verschiedene Teile, aber die Teile existieren nicht, sie sind nur eine Abstraktion.

    Das ist für mich eine sehr wichtige Erkenntnis. Auf intellektueller Ebene begreifen wir die Welt durch mentale Modelle. Ich definiere ein Modell als ein vereinfachtes Abbild der Wirklichkeit. Unsere in Sprache gefassten Vorstellungen sind demnach nie komplett. Das Ich ist wohl mehr, als wir in Worten ausdrücken können.

  • bearbeitet 13. April

    Hm. Warum wollen wir wissen, was das Ich ist? Das ist eine gute Frage. Ich würde behaupten, dass unsere Definition oder besser das Erkennen unserer selbst, unsere Position im Universum definiert und dadurch auch unser Denken/ Fühlen/ Handeln beeinflusst.
    Vielleicht macht es aber keinen Sinn, eine Antwort zu geben, weil jede Antwort ein mentales Modell ist, wie du sagtest. Was wir sind, steckt doch letzen Endes in uns und geht über den rationalen Verstand hinaus. Der rationale Verstand ist letzten Endes, ein sehr begrenztes Werkzeug und im Vergleich zum restlichen Organismus doch zu stumpf und eher ''neu''.
    Der Kernphysiker Hans Peter-Dürr sagte, dass der Verstand nicht dazu da ist, zu be-greifen, was das Leben ist. Begreifen bedeutet ja mentales Modell/ Konzept. Etwas das man analisieren und in seine Teile trennen kann. Er, also der Verstand, war dazu da, um unsere Umwelt zu manipulieren und unsere Ernährung zu garantieren.
    Mehr fällt mir dazu momentan nicht ein.

  • @Johannes ich habe kurz nachgeschaut und es gibt schon Personalpronomen im Japanischen. Ob das früher mal anders war, weiß ich nicht.
    Ich habe auch mal gehört, dass Chinesisch eine Beziehungssprache sein soll, also das man nicht von Dingen redet, sondern eher von dem dazwischen. Das hat zumindest mal Hans Peter-Dürr erwähnt. Aus eigener Erfahrung kann ich dazu auch nichts sagen. Wenn ich in einigen Jahren Japanisch lernen sollte, kann ich ja mal berichten ;)

  • Ich glaube, dass die Frage nach dem Ich grundsätzlich falsch gestellt ist. Ich halte das Ich nicht für eine Sache, sondern für ein Gefühl. Also etwas, dass Ausdruck von Subjektivität ist. Das passt zu zwei Dingen:

    1. Ein Gefühl entzieht sich gewöhnlich der exakten Beschreibung, während es gleichzeitig von allen Leuten in seiner Existenz akzeptiert wird. Selbst die Buddhisten, die uns glauben machen wollen, dass das Ich eine Illusion ist, wissen, wovon wir reden. Die These, das Ich sei eine Illusion, lässt sich wunderbar umformulieren: Das Ich ist ein Gefühl und keine Sache. Ein Gefühlt entzieht sich der Behandlung als Sache.
    2. Wenn Menschen an ihre Grenzen bei der Meditation stoßen, rate ich ihnen, dass sie nicht beobachten, sondern nachfühlen. Fühlen anstatt denken, verbessert die Meditation meistens.
  • @Yasin und @Johannes zum Japansich
    Hab gerade mal meine Mitbewohnerin ausgefragt. Sie spricht japanisch und hat auch eine Weile in Japan gelebt.
    Kennt also auch die Alltagssprache. Es ist wohl so, dass es dieses persönliche Fürwort gibt. Es wird allerdings wenig benutzt. Wie Johannes schon schreibt. Wenn es benutzt wird ist es wahrscheinlich, dass es eine eher vertraute Situation ist. Je höflicher umso weniger Ich könnte man sagen. Es ist wohl auch auffällig wenn man diese Form benutzt. Wird aber wohl nicht negativ oder gar unfreundlich/unpassend aufgefasst.

    Hunger drückt man wohl mit so was wie "Der Magen ist leer" oder "Hunger haben" aus. Dabei ist der Kontext entscheidend. Sprichst du vorher über jemand anderen willst du wahrscheinlich sagen dass dieser Mensch Hunger habe.
    Du gehst wohl auch nicht in einen Laden und sagst. "Ich brauch.. " sondern "Gebraucht wird .. "

  • @Sascha Dass das ''Ich'' eine Illusion sei, ist etwas, was ich auch lange Zeit reflektiert habe. Und ich denke, die Buddhisten meinen etwas ganz spezifisches, wenn sie das behaupten.
    Meine Schlussfolgerung ist (oder das was ich erkannt habe), dass das ''Ich'', das eine Illusion ist, das soziale ''Geflechte'' ist, dass wir ansammeln und uns damit identifizieren. Dieses ''Geflecht'' existiert nicht, sowie es keinen Beweis, hier und jetzt, für die Vergangenheit gibt. Wir können dieses Geflechte modifizieren, das heißt Ideen über uns hinzufügen oder entfernen, aber dabei hat es, also dieses ''Ich'', nie Substanz. Es sind einfach nur Gefühle, Handlungen und Gedanken, die kommen und gehen und sich immer auf diese nicht vorhandene Instanz beziehen. Wir denken immer, da muss doch eine Instanz sein, die die Kontrolle hat. ''Ich'' denke doch ''meine'' Gedanken. Aber eigentlich gibt es dieses ''Ich'' nicht, dass die Gedanken denkt. Es sind einfach nur Gedanken, die kommen und gehen. Es ist lebendig, man könnte sagen ein Prozess, aber Prozess klingt mechanisch. Leben ist nicht mechanisch. Aber solange wir denken, dass da eine Instanz existiert, die die Kontrolle hat, solange ist der Großteil unserer Gedanken, Gefühle und Handlungen dazu bestrebt, dieses ''Ich'' aufrecht zu erhalten und ihm Gewinn zu bringen und Verlust zu vermeiden, unangenehme Gefühle zu meiden und gute Gefühle zu erhaschen. Aber solange wir dieser Illusion verfallen, solange sind wir bestrebt, dieses ''Ich'' aufrecht zu erhalten und durch Manipulation der Außenwelt dieses Gefüge möglichst stabil zu halten. Das kann durch Macht oder Status sein, oder durch ein hübsches Aussehen usw. Dabei wollen wir nicht einfach nach innen schauen und sehen, dass wir eigentlich vor ''uns selber'' davon laufen. Es gibt kein ''Ich'' als solche Instanz, das die Gedanken denkt. Gedanken werden einfach spontan durch das Gehirn ''abgesondert'', sowie das Herz pumpt und Niere Urin produziert.

  • Dazu ein Video von Alan Watts wo es sehr gut erklärt wird: https://youtube.com/watch?v=7SfZZlpfaN0

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